25. Januar 2005 Das World Economic Forum im Jahr 2005 ist abermals eine Veranstaltung der Superlative. Mehr als 2.200 Teilnehmer aus 96 Ländern - davon die Hälfte Vertreter von Konzernen auf Vorstandsebene - treffen sich in den Schweizer Alpen.
Fast zwei Dutzend Regierungschefs oder Präsidenten aus aller Welt, weitere 70 Kabinettsmitglieder und 26 religiöse Führer sitzen ebenfalls am Tisch. Unter ihnen europäische Prominenz wie der britische Premier Tony Blair, der französische Staatspräsident Jacques Chirac oder auch Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Das Jahrestreffen ist ein Marathon
Hinzu kommen 15 Gewerkschaftsführer, 50 Leiter von Nichtregierungsorganisationen und als Garnitur eine Anzahl von Künstlern aller Gattungen. An diesem Mittwoch beginnt das alljährliche Spektakel im Schnee, das bis Sonntag dauert. Übrig bleiben dann meist eine ganze Menge abgegessener Buffets, Hunderte verfrorener Polizisten und ein paar völlig ausgelaugte Führungskräfte. Übrig bleibt aber auch die Hoffnung bei vielen, daß die Diskussionen auf dem Zauberberg zumindest bei dem ein oder anderen Teilnehmer einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Immerhin tritt das Forum mit dem Anspruch an, den Zustand der Welt zu verbessern. Das alles übrigens ohne Krawatte. Das Forum verordnet seinen Teilnehmern alpine Lässigkeit in der Kleiderwahl.
Das Jahrestreffen des World Economic Forum ist ein Marathon, und Davos ist für viele Teilnehmer harte Arbeit. Die ersten Arbeitsrunden beginnen gegen 7.30 Uhr zum Frühstück, letzter Starttermin für die Night-Cap genannten Abendveranstaltungen ist 22.30 Uhr. Wer Glück hat, schafft es dann gegen 0.30 Uhr, sein Hotel zu erreichen - oder stürzt sich in das um diese Zeit eher schmale Davoser Nachtleben.
Krawatte nur abseits der offiziellen Treffen
Schon am zweiten Tag sind einigen Teilnehmern die Anstrengung deutlich anzusehen. Die Mischung aus dem Einfluß der Davoser Wintersonne, einem völlig vollgestopften Tagesplan und dem abendlichen Empfangsreigen bleibt nicht ohne Wirkung. Vor allem bei einigen Europachefs amerikanischer Unternehmen, die für ihren eigens angereisten Vorstandsvorsitzenden die Arrangements zu treffen haben, hinterlassen die Davoser Tage Spuren.
Die Belastung resultiert aber nicht allein aus dem offiziellen Kongreßprogramm. Dabei kann man sich kaum überarbeiten. Fein gefügt folgt eine Veranstaltung der anderen, und es ist eher die Qual der Wahl, sich zwischen den vielen parallelen Vortrags- und Diskussionsreihen zu entscheiden. Abseits der offiziellen Treffen aber läuft eine andere Maschine, die von den Teilnehmern meist Schlips und Kragen verlangt.
Ferienhaus-Besitzer verlangen fünfstellige Beträge
Die Branchengrößen nutzen die hohe Vorstandsdichte, um in den Schweizer Alpen die Leute zu treffen, für deren Besuch sie sonst locker die für eine Senatorkarte notwendigen Flugmeilen aufwenden müßten. Ein inoffizielles Treffen reiht sich an das nächste, von der Automobil- bis zur Pharmabranche. Auch nutzen die Unternehmen die Tage in Davos intensiv zur Pflege ihrer politischen Kontakte.
So sind die teilweise sehr einfachen Skihotels nicht nur vollgestopft mit den eigentlichen Teilnehmern der Veranstaltung. Sie beherbergen auch die mitreisenden Stäbe oder können diese nach Erreichen der Kapazitätsgrenze eben nicht mehr aufnehmen. So sind viele Mitarbeiter gezwungen, außerhalb des verschneiten Alpenstädtchens zu übernachten, was - angesichts der wetterbedingt oft chaotischen Straßenverhältnisse - oft zu langen Anreisezeiten führt. Abermals ein Grund, in diesen Tagen auf den Erholungsschlaf zu verzichten. Auch daher profitieren einige Besitzer von Ferienhäusern oder Villen in der Gegend von der Veranstaltung: Sie vermieten diese Herbergen für teilweise fünfstellige Beträge. Irgendwo will ja zum Beispiel auch der Premierminister von Pakistan standesgemäß und vor allem sicher untergebracht werden.
Auch die Armut ist ein Thema
Das Treffen in diesem Jahr steht unter dem Motto Harte Entscheidungen in harten Zeiten. Dabei soll die Frage, wie mit den internationalen Konfliktlinien umgegangen werden soll, ebenso diskutiert werden wie die Schwierigkeit der Vorstandsvorsitzenden, ihre international tätigen Unternehmen durch Krisen zu führen. Das Motto ist - wie meistens in Davos - so breit gespannt, daß darunter viele Themen Platz finden.
Das eigentliche Programm der Veranstaltung beginnt Mittwoch mit den sogenannten Update-Sessions, Vortragsveranstaltungen mit anschließender Diskussion zu übergreifenden Themen. So können die Teilnehmer mit Stephen Roach, dem Chefökonomen von Morgan Stanley, und Fred Bergsten vom amerikanischen Institute for Economics über die Weltwirtschaft plaudern. Marek Belka, der Premierminister von Polen, kann zu seiner Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa befragt werden. Ebenso stehen die Themen Proliferation, Armut und der Islam zur Wahl.
Abendessen mit internationalen Experten
Eine Neuerung hat sich das World Economic Forum für den Rest des Tages ausgedacht. In der Town Hall Meeting genannten Veranstaltung haben die Teilnehmer Gelegenheit, in kleinen Gruppen darüber zu diskutieren, was ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für das Jahr 2005 sein werden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse folgt dann nach der offiziellen Eröffnung und den Reden der Staatschefs Jaques Chirac und Tony Blair, der das Forum in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der G-8-Ländergemeinschaft besucht.
Im Anschluß daran müssen sich die Teilnehmer nur noch entscheiden, ob sie beim Abendessen noch mit internationalen Experten über die Konflikte in den Schulzimmern der Welt oder mit dem amerikanischen Forscher Nicholas Negroponte über die fünf wichtigsten wissenschaftlichen Entwicklungen diskutieren wollen.
Der Geist von Davos im Konferenzzentrum
Die kommenden Tage sind im offiziellen Programm gefüllt mit Veranstaltungen unter anderem zum globalen Klimawandel, der wirtschaftlichen Entwicklung in verschiedenen Ländern oder Kontinenten sowie mit eher philosophischen Auseinandersetzungen - Gesprächspartner sind hier meist Künstler oder Religionsführer. Am Freitag wird auch Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Wort kommen. Für die meisten dieser Veranstaltungen müssen sich die Gäste allerdings vorher anmelden. So wird an der Buchungslage meist sehr schnell deutlich, welche Themen auf Interesse stoßen und welche nicht.
Von den Teilnehmern werden allerdings auch immer die spontanen Treffen und Gespräche im modernen, aber verwinkelten Davoser Konferenzzentrum hervorgehoben. Hier - so heißt es oft - sei der vielbeschworene Geist von Davos am deutlichsten spürbar.
Text: jcw., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21 / Seite 14
Bildmaterial: AP