Von Rainer Schulze
08. Februar 2007 Gute Nachrichten für Mittagsschläfer in Bangkok: Seit Januar ist es den Mitarbeitern der Verwaltung im Stadtteil Pathuman vergönnt, sich mittags für ein Nickerchen aufs Ohr zu legen. In einem abgedunkelten Ruheraum können sie bei Blumenduft und leiser Musik dösen, Handys und Haustiere müssen draußenbleiben.
Bemerkenswert an dieser Nachricht ist, dass sie es überhaupt in einige deutsche Zeitungen geschafft hat. Dass in Bangkok beim Schläfchen im Bürostuhl die Lebensgeister geweckt werden, ist als Nachricht eigentlich kein Aufreger. Oder etwa doch? Womöglich war der Neid hier Vater des Berichtes.
Fressnarkose und Suppenkoma
Während in Amerika und Asien, besonders Japan, die Wonnen des Büroschlafs längst verbreitet sind und in den Unternehmen Ruheräume zur Verfügung stehen, ist das Nickerchen am Arbeitsplatz in Deutschland weitgehend tabuisiert. Mittagsschläfern wird Faulenzertum unterstellt. Dabei vermisst einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2001 zufolge ein Drittel der Deutschen die Möglichkeit, in der toten Phase“ nach dem Kantinenessen die Augen schließen zu können, ohne dass die Kollegen die Nase rümpfen. Fressnarkose“ und Suppenkoma“ sind geläufige Synonyme für den bleiernen Zustand, wenn der Magen mit dem Mittagessen kämpft.
Dass die mittägliche Entspannung sich für den Chef auszahlen kann, belegen Studien. Die Nasa wies in einem Experiment nach, dass sich Piloten, die maximal 30 Minuten dämmern durften, weitaus besser konzentrieren konnten als ihre unausgeschlafenen Kollegen. Auch reagierten sie schneller als Probanden ohne Ruhepause. Amerikanische Schlafforscher berichten, ein Schläfchen am Nachmittag steigere die Leistung um 35 Prozent.
Auf Rosen gebettet - bei IBM
Wer sich hierzulande zurückziehen will, muss dies in der Regel heimlich tun. Ruheräume sind eine Seltenheit, noch immer ist die Toilettenkabine der häufigste, doch wohl kaum der beliebteste Ort für ein Nickerchen. Mario Filoxenidis entspannt sich mittags im Auto auf dem Parkplatz. Der Unternehmensberater, der nebenberuflich mit seiner Firma Siesta Consulting den Schlaf propagiert, kennt einige kleine Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Ruhepause gönnen. Aber die wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.“ Besonders in der IT-Branche, bei Werbeagenturen und in Callcentern werde man fündig. Stichproben ergeben, dass man bei großen Unternehmen in Deutschland das Wohl des Mittagsschlafs nicht für sich nutzt. Schlaf wird mit Schwäche assoziiert. Wer schläft, mag ja vielleicht nicht sündigen. Aber er arbeitet eben auch nicht.
Anders ist es in der Schweiz. Sowohl Kraftfood als auch Pricewaterhouse-Coopers (PWC) haben in den letzten eineinhalb Jahren für ihre Belegschaft Ruheräume eingerichtet. In Bern, wo Kraftfood die Toblerone herstellt, rühren ausgeschlafene Mitarbeiter die Schokolade an. In Zürich, wo PWC 1200 Mitarbeiter beschäftigt, stehen im Sphere Room“ acht Liegen, klassische Musik erklingt dezent im Hintergrund. Bei IBM in Zürich ist die Belegschaft seit 1995 auf Rosen gebettet. Der Ruheraum hat sich etabliert“, sagt eine Sprecherin. Niemand werde schief angeguckt, wenn er sich auf eines der vier Sofas verabschiede.
Das Unfallrisiko sinkt, die Lebensqualität steigt
Dass ausgerechnet bei den als besonders fleißig verschrienen Deutschen das Nickerchen einen schlechten Ruf hat, mag auf den ersten Blick nicht erstaunen. Aber sind die Schweizer etwa fauler? Und dass die mit ihren Unternehmen lebenslang verbundenen Japaner die Augen schließen dürfen oder Amerikaner sich reihenweise kurz hinlegen, lässt sich kaum an kulturellen Unterschieden festmachen. Filoxenidis von Siesta Consulting glaubt, dass der Mittagsschlaf hierzulande mit der industriellen Revolution verlorenging. Eine Rückbesinnung lohne sich: Das Unfallrisiko sinkt, die Lebensqualität steigt.“ Ein Viertelstündchen reiche häufig aus. Nur zu lange sollte man nicht dösen. Denn wer die Tiefschlafphase erreicht hat, braucht länger, bis er wieder fit ist.
Jürgen Zulley forscht seit 34 Jahren zu Themen rund um den Schlaf. Den Gründer des schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg freut es, dass der Mittagsschlaf unter dem zeitgemäßen Namen Powernapping“ nach Europa zurückkehrt. Für den Forscher steht fest, dass die erholsame Pause Teil der menschlichen Natur ist. Der Mittagsschlaf gehört zu unserem biologischen Rhythmus. Wir haben zwischen 13 und 14 Uhr ein Tief, eine labile Phase.“ Es sei übrigens nicht zwingend, dass man einschläft, um sich zu erholen. Dösen reicht.“
Musik und Massageliegen
Während die private Wirtschaft noch zögert, lässt sich die öffentliche Hand aufs Powernapping ein. Die Stadtverwaltung von Vechta startete schon im Jahr 2000 ein Pilotprojekt. Viel Häme musste sich die Kleinstadt im Münsterland gefallen lassen, als sie ihren Mitarbeitern erlaubte, sich auf den Büroboden zu betten und die Muskeln mit einer dem autogenen Training vergleichbaren Methode zu entspannen. Pressesprecher Frank Käthler erinnert sich, dass insbesondere das Privatfernsehen nur im Sinn hatte, sich über die Beamten zu mokieren. Für die waren wir ein gefundenes Fressen.“ Denn was erfüllt das Klischee vom arbeitsscheuen Beamten besser als Bilder von dösenden Staatsdienern neben Aktenbergen?
Im Dortmunder Rathaus will man diesen Eindruck offenbar vermeiden. Aus der Stadtverwaltung verirrt sich kaum ein Kunde in die angenehm nüchtern eingerichtete Chill-Out-Lounge“, die Birgit Syring in unmittelbarer Nähe betreibt. Von Esoterik hält sie nicht viel. Wer ihr Studio betritt, steht nicht in einer Räucherstäbchenwolke, statt meditativen Mantren kommt dezenter Pop vom Band. Die sehr sachliche Anmutung sei Programm: Ein Drittel der Kunden der Chill-Out-Lounge sind Männer.
Fast-Food-Entspannung
Verhinderte Mittagsschläfer, die in den Banken, Kanzleien und Geschäften der Umgebung arbeiten gönnen sich auf bequemen Massageliegen einen Powernap - für 13 Euro die halbe Stunde. Hinter einer Brille verborgen und mit Kopfhörern auf den Ohren entschwindet der Gestresste in die Traumphase, ohne in den Tiefschlaf zu gleiten. Wer mag, hört Meeresrauschen, klassische Musik oder Motivationstraining mit der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis. Alternativ führt Julia Roberts’ Synchronstimme auf eine Traumreise (Sie betreten eine Lichtung und legen sich ins weiche Moos“). Eine Viertelstunde lang knetet der automatische Stuhl die verspannte Muskulatur, an Einschlafen ist noch nicht zu denken. Dann döst der Kunde weitere fünfzehn Minuten vor sich hin.
Fast-Food-Entspannung“ nennt Syring, was sie in ihrer Chill-Out-Lounge“ anbietet. Ein ähnliches Geschäft gibt es in Düsseldorf, auch in Zürich lädt ein öffentlicher Ruheraum zum Kurzschlaf ein. Solche Studios sind eine serviceorientierte Variante der Nap-Shops – Zelte oder Boxen, die für die Dauer eines Nickerchens angemietet werden können –, wie sie in Japan schon lange üblich sind. Vielleicht sind sie die Alternative, sollten sich die Firmen weiter den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter verweigern. Zwar habe das Angebot noch einen Luxus-Touch“, wie Syring sagt. Das Gros der Kunden kommt nicht in der Mittagspause, sondern nach Feierabend. Aber für alle gelte: Sie sind gestresst.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb
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