Unglück im Glück

Hilfe, ein Lottogewinn!

Von Sabine Hildebrandt

Knapp 4200 Menschen haben seit dem Lotto-Start 1955 sechs Richtige gehabt

Knapp 4200 Menschen haben seit dem Lotto-Start 1955 sechs Richtige gehabt

26. September 2005 „Wegen Reichtum geschlossen“ stand auf dem Schild, das 1956 einer der ersten deutschen Lottogewinner an die Tür seines Hauses hängte. Dann machte er sich auf, das Geld zu verprassen. Als er ein paar Jahre später starb, war nichts übrig vom großen Traum. Der Mann, der einst ein eigenes Hotel besessen hatte, starb im Obdachlosenasyl.

Das klingt skurril - ist es aber gar nicht. "Große Gewinne", weiß Gerhard Meyer, Psychologe und Glückspielforscher von der Universität Bremen, "überfordern viele Menschen." Die Lebensgeschichte des Mannes, den der Reichtum arm gemacht hat, verwundert den Experten darum auch nicht: "Geld bringt nicht automatisch auch Glück."

Nichts als Unglück

Nichts wie weg hier...

Nichts wie weg hier...

Wer aufmerksam die Boulevardpresse verfolgt, findet dort sogar erstaunlich viele Meldungen von Menschen, denen ein Lottogewinn nichts als Unglück gebracht hat. In Bayern beispielsweise stand vor ein paar Wochen ein ehemaliger Lottogewinner vor Gericht, der verschiedene Banken überfallen hatte. Er wollte kaschieren, daß er einen ein paar Jahre zuvor erhaltenen Lottogewinn bereits wieder verspielt hatte. In Thüringen machte fast zur selben Zeit ein Serieneinbrecher von sich reden, der vor rund acht Jahren 1,5 Millionen Mark im Lotto kassiert hatte, mit dem Geld aber ebenfalls nicht umgehen konnte.

Sechs Richtige im Lotto - knapp 4200 Menschen ist dies seit dem Start des Spiels 1955 gelungen. 4200 Menschen, die damit für immer ihre Sorgen los waren, so glauben zumindest Millionen von Menschen, die es ihnen Woche für Woche nachzumachen versuchen. Experten sehen das anders. Offizielle Statistiken gibt es zwar nicht, aber es gibt Schätzungen von Insidern, nach denen 80 Prozent aller Lottogewinner bereits nach zwei Jahren wieder bei Null oder sogar im roten Bereich angelangt sind.

Kurzes Glücksgefühl

Natürlich löst ein Gewinn zunächst einmal Glücksgefühle aus, weiß Psychologe Meyer: "Der Gewinner fühlt sich bestätigt und belohnt." Aber so schnell, wie es gekommen ist, verschwindet dieses Glücksgefühl auch wieder. Forschungen in den Vereinigten Staaten haben sogar gezeigt, daß schon nach ein paar Wochen das subjektiv empfundene Glück auf dem gleichen Niveau liegt wie das von querschnittgelähmten Unfallopfern. Schuld daran ist das, was Wissenschaftler hedonistische Anpassung nennen. Weil unser Körper ständige Hochs oder Tiefs nicht aushalten könnte, steuert er selbst dagegen an.

Viele Lottogewinner glauben, nur weil sich die materielle Lebenssituation von heute auf morgen ändert, wird sich auch die Lebenszufriedenheit erhöhen. Daß das jedoch nicht so ist, zeigt der Fall einer Sekretärin aus Hamburg. Nachdem sie sechs Richtige im Lotto angekreuzt hatte, kündigte sie sofort ihren Job, kaufte sich eine Eigentumswohnung, richtete sich vollkommen neu und teuer ein und bereiste die Welt. Glücklich wurde sie nicht. Drei Jahre nach dem Glückstreffer hatte sie nur einen Wunsch, sie wollte wieder wie ein normaler Mensch leben und arbeiten.

Das Problem: Viele Gewinner nehmen sich einfach nicht die Zeit, sich in Ruhe mit der neuen Situation zu befassen und nach neuen Lebenszielen zu suchen. Statt dessen werfen sie alles hin und schwelgen im Luxus. Dabei ist es in Deutschland durchaus möglich, seinen Gewinn für sich zu behalten. Denn anders als in Amerika, wo viele Gewinnspiele von ihren Teilnehmern das Einverständnis verlangen, sie im Gewinnfall auch namentlich vermarkten zu dürfen, sichert der Deutsche Lottoblock seinen Spielern absolute Anonymität zu.

Immobilien, Autos und Reisen

...und dann erstmal ausspannen. Aber wie lange geht das gut?

...und dann erstmal ausspannen. Aber wie lange geht das gut?

Selbst die Gewinnübergabe findet in den meisten Bundesländern vollkommen diskret in den Räumen der Lottogesellschaft statt. "Wir laufen nicht mit Blumenstrauß und Schampus durch die Gegend", betont Rainer Holmer, der in Bayern die Schecks übergibt, "schon deswegen nicht, weil das den Gewinner viel zu sehr aufpuschen würde." Völlige Fassungslosigkeit, schreien, tanzen. Haare raufen, es gibt nichts, was der Lotto-Mann noch nicht erlebt hätte. "Die wenigsten", so seine Erfahrung, gehen so gefaßt mit der neuen Situation um wie die neueste Gewinnerin in Bayern, die 4,5 Millionen mit einem freundlichen Lächeln quittierte.

Der Normalfall sieht anders aus: überquellende Freude und der Drang, diese unbedingt mit aller Welt zu teilen. Viele, erlebt Holmer, sprudeln gleich los damit, was sie sich zuerst kaufen werden. Immobilien, Autos und Reisen sind es zumeist, die auf der Wunschliste ganz oben stehen. Der Lotto-Mann hört gerne zu, er legt aber auch Wert darauf, allen auch das Risiko der Situation deutlich zu machen. "Es ist schön, reich und nicht berühmt zu sein", so lautet der Wahlspruch der bayerischen Glücksfee, und die Kollegen in den anderen Bundesländern stimmen ihm zu. Auch wenn sie wissen, daß fast allen Gewinnern das Stillschweigen am schwersten fällt, pochen sie darauf. "Allein schon wegen der vielen falschen Freunde und dubiosen Anlageberater."

Vorsicht: Ständige Hochs hält unser Körper nicht aus

Vorsicht: Ständige Hochs hält unser Körper nicht aus

Wer dennoch sein Glück hinausposaunt, geht ein großes Risiko ein. Und nicht jeder kann damit so gut umgehen wie Günther Storbeck, der eine knappe halbe Million Lottogewinn in einen eigenen Fußballverein steckte und auch gleich noch Sportplatz und Vereinskneipe dazu erwarb. Im ersten Jahr stieg er in die Bezirksliga auf, vier Jahre später gab es den Verein nicht mehr, und Storbeck war pleite. Trotzdem sagt der Fußballfan noch heute in Interviews, daß er sich einen Lebenstraum erfüllt hat

Lothar Kuzydlowski ging es da wesentlich schlechter. Der Arbeitslose aus Hannover gehört zu den traurigsten Legenden des Deutschen Glücksspiels. 1994 knackte er den Jackpot mit 3,9 Millionen D-Mark und informierte darüber sofort die Boulevardpresse, die dann wochenlang über die Eskapaden des Neureichen berichtete. Er leistete sich eigene Pferde und einen Lamborghini, feierte Orgien in den verschiedensten Ferienparadiesen der Welt und schaute dabei immer tiefer ins Glas. Als er mit 53 an einem Magendurchbruch starb, war die Geschichte für die Zeitungen allerdings noch nicht zu Ende. Genüßlich berichteten sie dann noch darüber, wie sich Witwe und Geliebte über das Erbe stritten.

Vor vier Jahren in Köln: Die Lottogesellschaft sucht nach einem Gewinner, der sich nicht meldet

Vor vier Jahren in Köln: Die Lottogesellschaft sucht nach einem Gewinner, der sich nicht meldet

Wie gut, daß den meisten von Ihnen dieses Schicksal erspart bleiben wird: Bei eins zu 140 Millionen liegt die Chance, beim deutschen Lotto den Jackpot zu knacken und zum Lottomillionär zu werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.09.2005, Nr. 38 / Seite 57
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