Von Winand von Petersdorff
12. Oktober 2008 Im Lexikon der Finanzkrise taucht ein neuer Begriff auf, der die Aufmerksamkeit des inzwischen fassungslosen Publikums verdient: Margin Call. Er beschreibt den bedrohlichen Anruf von Banken und Brokern bei speziellen Großkunden, die ihre Aktienkäufe mit Krediten finanziert haben.
Diese besonderen Kredite heißen Margin Loans und sind mit den Aktien besichert, die der Kunde damit gekauft hat. Bei fallenden Kursen entwickelt sich eine Kettenreaktion, die einen Teil der dramatischen aktuellen Kursverluste erklärt. Der Margin Call ist die Aufforderung der Banken an die Kunden, Geld nachzuschießen, weil die verpfändeten Aktien unter ein bestimmtes Kursniveau sinken.
Viele der angerufenen Finanzinvestoren können aber kein Geld nachschießen. Damit landen die Aktien mit ihren schrumpfenden Werten bei den Banken. Die wollen sie nun schnell wieder loswerden, da sie alternativ Sonderabschreibungen riskieren.
Finanzinvestoren kaufen Industrieaktien
Verschärft wird die Lage durch Hedge-Fonds, die mit Leerverkäufen die Kurswerte jener Aktien nach unten prügeln, von den sie annehmen, die Banken wollen sie schnell wieder loswerden.
Opfer dieser dramatischen Entwicklung sind zum Beispiel die erzsolide Baugesellschaft Hochtief und die Commerzbank. Letztere will sich erklärtermaßen von Industrieaktien trennen, ist aber nun nolens volens zum Großaktionär von Hochtief geworden, weil der klamme russische Investor Oleg Deripaska sein Aktien-Paket abtrat.
Deripaska wird damit zum Krisenkatalysator: Der Russe steht für eine illustre Zahl von Finanzinvestoren, die sich mit Milliardenkrediten in Aktiengesellschaften eingekauft haben und nun Aktien entweder zurückgeben oder es schaffen, eine Notfinanzierung zu organisieren. Für Banken sind beide Varianten schlecht. Geld an schmalbrüstige Kunden verleihen sie jetzt besonders ungern. Aktien auf der Bilanz, deren Kurs nach unten geht, erhöhen die Abschreibungsgefahr, die Banken ohnehin schon belastet. Neue Abschreibungen aber lassen das Eigenkapital schrumpfen und bremsen wiederum die Kreditvergabe - mit entsprechenden Folgen für die Realwirtschaft.
England hat es vorgemacht
Diese dramatische Entwicklung verdeutlich die Notwendigkeit des staatlichen Eingriffs. Längst geht es nicht mehr um die sogenannten vergifteten Derivate, die ihren Ursprung in der Subprime-Krise und der besinnungslosen Schuldenmacherei der Vereinigten Staaten von Amerika haben. Auch die Lösung der Liquiditätsprobleme reicht nicht aus. Die Entwicklung an den Börsen bedroht das Eigenkapital und damit selbst die Existenz von Banken, die im Grunde liquide sind und keine toxischen Papiere in ihren Büchern verbucht haben.
Die verzweifelten Staats- und Notenbank-Interventionen der letzten Wochen belegen, dass staatliche Garantien für faule Papiere allein nicht mehr ausreichen: Die Börsen stürzen weltweit trotz aller Zusicherungen von Regierungen weiter ab. Vor diesem Hintergrund scheint eine Kapitalbeteiligung des Staates an den Banken zwingend. England hat es bereits vorgemacht, die Vereinigten Staaten haben konkrete Pläne, und die Bundesregierung erwägt, über Kapitalerhöhungen in Bankinstitute einzusteigen.
Die Argumente für das staatliche Eingreifen sind so gut wie selten: Eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds berichtet, dass die Banken der westlichen Industrienationen 675 Milliarden Dollar Eigenkapital brauchen, damit sie nicht ihre Kredite dramatisch zurückfahren und so Investitionen der Wirtschaft stoppen.
Teilverstaatlichung ist von allen schlechten Lösungen die beste
Von privater Seite ist keine Hilfe zu erwarten: Nach dem Einstieg des Investors Warren Buffet in Goldman Sachs und japanischer Institute in weitere Wall-Street-Adressen zeigt sich kein großer privater Finanzier mehr, der sich in Gefahr begeben mag. In diesen Tagen gibt keiner kapitalschwachen Instituten Kapital.
Inzwischen sinkt die Zahl der Ökonomen, die sich gegen eine Teilverstaatlichung sperren. "Dies ist von allen schlechten Lösungen die beste", sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI). Nachdem die Regierung die Einlagen der Privatleute garantiere, bleibe kaum eine andere Wahl, als nun auch die Firmeneinlagen abzusichern und in die Institute einzusteigen, so Straubhaar. "Wer A sagt, muss auch B sagen, fürchte ich." Selbst der frühere Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, sprach sich in einem Interview mit der "Zeit" für die Verstaatlichung aus.
Diese Variante der Rettung hat den Vorteil für Staat und Steuerzahler, dass sie nicht nur ein Verlustrisiko übernehmen, wie beim Kauf fauler Kredite, sondern auch eine Gewinnchance, sollte es den Geldinstituten mal wieder bessergehen.
Vorbild Schweden
Hoffnungsmodell hierfür ist Schweden. Die skandinavische Regierung managte die Finanzkrise von 1992 nach diesem Prinzip: Zunächst sprach sie Garantien aus, dann spaltete sie von den Banken sogenannte "bad banks" ab - als Sammelbecken fauler Kredite, und schließlich, als das alles nicht weiter half, bot sie Banken die Teilverstaatlichung an, falls sie die Refinanzierung nicht selbst organisieren konnten.
Die Banken erhielten also eine Option, den Staat in den Eigentümerkreis aufzunehmen, mussten sie aber nicht in Anspruch nehmen. Die SEB beispielsweise verzichtete darauf und besorgte sich Eigenkapital aus anderen Quellen.
Die Hoffnungen stützen sich auf dieses Modell, weil Schweden die Folgen der Krise vergleichsweise gut meistern konnte. Die Rekapitalisierung der Banken kostete das Land 4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. 1997 hatten sich die Werte erholt und damit die Kosten auf 2 Prozent reduziert.
Kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass es einen kleinen Gewinn für den Staat gegeben hat. Der politische Preis war allerdings nicht gering. Die damalige Regierung wurde bei der nächsten Wahl nach Hause geschickt.
Zu den aktuellen Nachahmern der Schweden gehört Großbritannien. Die britische Regierung hatte am Mittwoch angekündigt, drei Jahre lang die Garantie für Schulden bis zu einer Höhe von 432 Milliarden Dollar zu übernehmen. Außerdem will man Finanzspritzen in Höhe von bis zu 50 Milliarden Pfund für die acht größten britischen Banken bereitstellen.
Für Deutschland könnte die Bundesregierung heute Abend in Berlin ein vergleichbares Modell ankündigen. Zur Debatte steht offenbar eine Eigenkapitalhilfe von 1o0 Milliarden Euro. Gleichzeitig prüft die Regierung, ob sie für neu emittierte Anleihen der Banken garantieren kann. Das würde es den Banken erleichtern, sich über die Ausgabe von Wertpapieren neues Geld zu beschaffen. Bundesbank-Präsident Axel Weber deutete auf der G-7-Tagung in Washington bereits an, dass man sich mit einer Variante der Staatsbeteiligung konkret befasse. Er machte allerdings auch klar, dass ein solcher Schritt nur vorübergehenden Charakter haben dürfe. Zu groß scheint die Gefahr, dass aus den Banken mit Staatsbeteiligung Staatsbanken werden. In Deutschland gehörten diese Institute zu den ersten, die in den Abwärtsstrudel gerieten.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.
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