Kapitalismusdebatte

Angelsachsen über Heuschrecken-Vergleich irritiert

Heuschreckenplage (im November auf Fuerteventura)

Heuschreckenplage (im November auf Fuerteventura)

05. Mai 2005 Die "Kapitalismuskritik" in Deutschland stößt in den angelsächsischen Medien auf Befremden und oft auch Sarkasmus.

Der Unterschied zu Kontinentaleuropa könnte nicht größer sein: Im Gegensatz zum Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen ist in dem Wahlkampf der britischen Parlamentswahl kein einziges Wort gegen den "Kapitalismus" gefallen, obwohl die Marktwirtschaft in Großbritannien viel rigoroser praktiziert wird als in Kontinentaleuropa.

„Dreist und dumm“

Obwohl in Großbritannien die sozialen Ungleichgewichte viel größer sind als in Deutschland, obwohl viel mehr Unternehmen von Private-Equity-Gesellschaften aufgekauft und umstrukturiert werden, obwohl Bankiers in der Londoner City ein Vielfaches des Gehalts eines Vorstandes der Deutschen Bank verdienen, ist den Briten die neue deutsche Diskussion suspekt.

In vielen Zeitungen wird zwar erklärt, daß die populistischen Attacken des SPD-Parteivorsitzenden Franz Müntefering und die biblischen Vergleiche mit der Heuschreckenplage gezielte Wahlpropaganda darstellten. Die "Financial Times" schreibt dennoch, es sei "dreist und dumm", inländischen und ausländischen Investoren zu drohen. "Wer soll denn in einem solchen Land mit einem solchen politisch vergifteten Klima investieren - vor allem wenn man die anderen Investitionsmöglichkeiten in der Europäischen Union in Betracht zieht?" Deutschland hätte heute wirtschaftlich gut dastehen können, wenn das Land die Wettbewerbsvorteile nach der Wiedervereinigung nur richtig genutzt hätte. Deutschland hätte mit tiefgreifenden Reformen am Arbeits-, Produkt- und Finanzmarkt oder auch durch den Aufbau einer starken Dienstleistungsbranche das eigene Wirtschaftswachstum fördern können. Aber das sei alles nicht geschehen, bemängelt die Financial Times.

„Die meisten sind jetzt schon erschöpft“

Daß Deutschland nun versuche, sich mit Mindestlöhnen, Protektionismus und Investorenschelte gegen den Wettbewerb von außen zu wehren, wird in vielen Blättern moniert. "Es ist wirklich fraglich, ob gerade das dazu beitragen kann, das Hochlohnland Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen", kritisiert die Straits Times aus Singapur. "Es ist schade, aber die meisten Deutschen sind offenbar jetzt schon erschöpft und dies nach nur wenigen Jahren schmerzvoller Anpassungen im Wohlfahrtsstaat und am Arbeitsmarkt."

Mit einem Seitenhieb auf die deutschen Ressentiments gegen die Globalisierung betont die Zeitung: "Nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation und chronisch hoher Arbeitslosigkeit scheinen die politische Elite und die Durchschnittsbürger des weltgrößten Exporteurs mehr daran interessiert zu sein, einen Sündenbock zu suchen, als nach einem Weg aus der ernsten Krise zu forschen."

„Alte Politik des Neides“

Angesichts der Kritik von Frankreich und Deutschland an der Globalisierung und ihrer Angst vor der Konkurrenz der osteuropäischen Nachbarländer bemerkt die Herald Tribune: "In gewissem Sinne versuchen diese reichen westlichen Länder die alten Mauern gegen Kapital und Arbeit wieder aufzurichten, die es damals, vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, gab." Die Kritik in Europa habe derzeit die gleiche Stoßrichtung: Die deutsche Kapitalismuskritik, die französische Globalisierungskritik und die Kampagne der britischen Konservativen gegen die Immigranten appellierten an dieselbe Angst: die Angst der Bürger vor der unbekannten Welt draußen.

"Jetzt kommen alte linke Sprüche und politische Einstellungen wieder zurück, nur weil sich nach einer Zeit der vernünftigen, wenn auch begrenzten Reformen nicht die erhofften Resultate einstellen", heißt es im Wall Street Journal. Der Unterschied zwischen Großbritannien und den meisten Ländern Kontinentaleuropas sei, daß die frühere Premierministerin Margaret Thatcher rigorose Reformen in Großbritannien verwirklicht habe, was in Frankreich und Deutschland nie versucht worden sei. "Deshalb fallen wir jetzt wieder auf die alte Politik des Neides zurück", kritisiert das Wall Street Journal.

„Dies ist keine gute Zeit, in Deutschland zu sein“

Zahlreichen Zeitungen stößt die von den Politikern geschürte Kampagne gegen den Sprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, auf. "Bei der deutschen Diskussion geht es um Neid", konstatiert die Financial Times.

Der durchschnittliche Sozialdemokrat hasse Ackermann, weil dessen Gehalt zunehme, während sein eigenes sinke. "Hier geht es nicht um Regulierungen oder Besteuerung, dies ist eine Debatte um den freien Markt an sich", betont die Financial Times, die vor allem in der Londoner City entscheidend zur Meinungsbildung internationaler Großinvestoren beiträgt: "Dies ist keine gute Zeit, in Deutschland zu sein."

Text: bes., F.A.Z., 06.05.2005
Bildmaterial: AP

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