15. Dezember 2007 Vom Advent ist in Japan nichts zu spüren. In einem Land, in dem sich gerade mal gut ein Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben bekennt, ist die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten unbekannt. Auch Weihnachten selbst ist profaner als im Westen. Solange die Kinder klein sind, ähneln die Sitten noch am ehesten einem Fest der Familie: ein Essen mit Erdbeerweihnachtskuchen und Geschenke für die Kinder, darunter ein mit Süßigkeiten gefüllter Plastikstiefel. Für alle anderen aber ist Christmas in Japan eine Gelegenheit, mit Freunden rund um den künstlichen Tannenbaum eine Party zu feiern. Für Jugendliche und frisch Verliebte bedeutet Weihnachten, sich nach einem Tête-à-tête im teuren Restaurant gemeinsam in einem Hotelzimmer einzumieten.
Weihnachtsfeiertage gibt es in Japan nicht. Am Jahresende viel wichtiger ist in der Ära Akihito der Geburtstag des Kaisers am 23. Dezember, der als nationaler Feiertag begangen wird. In diesem Jahr fällt er auf einen Sonntag, der Feiertag findet deshalb am 24. statt. Für den japanischen Handel bedeutet dies ein langes Verkaufswochenende von Samstag bis Montag. Vorher ist jedes Resümee des Jahresendgeschäfts ohne Wert, heißt es bei der GfK Marketing Service Japan, einer Tochtergesellschaft der Gesellschaft für Konsumforschung aus Nürnberg. Ohnehin sei der Umsatz im Dezember für das Jahresergebnis des Einzelhandels weniger wichtig als in Amerika oder Europa.
Große Einkaufsstraßen für den Verkehr gesperrt
In den Straßen Tokios halten sich Mitte Dezember die Reminiszenzen an den westlichen Weihnachtstrubel in Grenzen: keine Weihnachtsmärkte, keine Glühweinstände, keine Rotbemützten. Nur der Mobiltelefonanbieter Softbank, der seine Läden unterkühlt in reinem Weiß ausstattet, überraschte schon zu Nikolaus mit Verkäuferinnen im Weihnachtsmannkostüm. In der spätherbstlich warmen Sonne fühlten sie sich nicht ganz wohl. Im großen Einkaufsviertel Ginza stehen in Reih und Glied kleine - künstliche - Tannen auf den Bürgersteigen. In manchen Straßen blinkt und funkelt es elektrisch an den Bäumen. Im Abendlicht aber werden die wenigen Insignien westlicher Weihnachtskultur rasch von den riesigen Leuchtreklamen überstrahlt. Auch in den Geschäften hält die Weihnachtsdekoration sich sehr oft in Grenzen. Die vorweihnachtliche Zeit in Tokio ist ein Einkaufsparadies für Weihnachtsmuffel.
An diesem Sonntagnachmittag ist in Ginza eine der großen Einkaufsstraßen wie üblich für den Verkehr gesperrt. Vereinzelt sind auf der Straße Klappstühle und Sonnenschirme aufgestellt, damit die Käufer sich ausruhen können. Familien mit Kindern flanieren auf der für Tokioter Verhältnisse fast leeren Straße hin und her, und es sieht mehr nach Ausflug als nach Einkaufstrubel aus - auch, weil die Flaneure nur sehr wenige Tüten tragen. Der einzige echte Tannenbaum vor dem Juweliergeschäft Mikimoto zieht handyfotografierende Passanten wie ein Magnet an. Im Spielzeuggeschäft ein paar Blocks weiter kosten Kunsttannen in der Größe von 150 bis 180 Zentimeter 30.000 bis 50.000 Yen, etwa 200 bis 300 Euro. Der instant tree ist fertig geschmückt. Einfachere Modelle sind in Supermärkten schon für 2000 Yen zu haben. Nur in wenigen Geschäften in Ginza ist der Käuferandrang schon so groß, dass die Kunden Schlange stehen und der Einlass geregelt wird.
Menschengedränge vor Flachbildschirmfernsehern
Schon seit dem Sommer schleppt der private Verbrauch sich dahin, und das Konsumentenvertrauen war im November so schlecht wie seit vier Jahren nicht mehr. Die Bereitschaft der Verbraucher zu größeren Anschaffungen ist ausgesprochen gering. Der Umsatz des Einzelhandels lag bis einschließlich Oktober im Minus. Für die christmas sales entscheidend sind die Jahresendboni, die in diesen Wochen ausgezahlt werden und die - im Gegensatz zum deutschen Weihnachtsgeld - variabel sind. Über die Höhe der Boni gehen die Schätzungen wild auseinander. Eine Umfrage des Wirtschaftsverbandes Keidanren vor allem unter großen Unternehmen deutet auf einen moderaten Anstieg des Wintergeldes hin. Private Forschungsinstitute, die auch kleine und mittlere Unternehmen beobachten, rechnen mit einem Minus von im Durchschnitt 0,8 Prozent. Schon im Sommer waren die Boni in der Summe zum ersten Mal seit drei Jahren niedriger als im Vorjahr.
In der Elektrikstadt Akihabara, in der sich über ganze Straßenzüge ein Geschäft für Verbraucherelektronik an das andere reiht, schreien die megaphonbewehrten Kundenfänger in diesen Wochen nicht nur gegen laute Popmusik, sondern oft auch gegen das Jingle Bells an, das aus den Lautsprechern plärrt. Besonders groß ist das Menschengedränge vor den Flachbildschirmfernsehern, die zunehmend als Zweitgerät gekauft werden. Die Preise liegen teils mehr als 30 Prozent niedriger als vor einem Jahr - und fallen nahezu täglich, zumal in Akihabara fast alles verhandelbar ist. Der Verkauf der flachen Fernseher entwickle sich nach Stückzahlen gut, heißt es bei den GfK-Marktforschern. Dem Wert nach aber gehe das Geschäft mit DVD-Rekordern, hochwertiger weißer Ware und Mobiltelefonen besser. Der Verkäufer beim Mobiltelefonanbieter Softbank sagt dagegen: Das Geschäft läuft ziemlich schlecht.
Text: F.A.Z., 15.12.2007, Nr. 292 / Seite 18
Bildmaterial: AFP
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