02. April 2006 Philips-Chef Gerard Kleisterlee über Wachstum in der Medizintechnik, Bierzapfanlagen und die Weltmeisterschaft.
Herr Kleisterlee, warum sponsert Philips die Fußball-Weltmeisterschaft?
Das war eine Entscheidung aus dem Jahr 2000. Wir hören damit nach der WM auf.
Warum?
Fußball-Sponsoring wird einem Konzern für Gesundheits- und Lifestyle-Produkte und Technologie nicht mehr gerecht. Die Entscheidung dafür ist getroffen worden, als die Unterhaltungselektronik viel wichtiger für den Konzern war, als sie es heute ist. Unsere Gesundheitssparte ist inzwischen fast genauso groß wie die Unterhaltungselektronik und hat eine deutlich bessere Gewinnmarge.
Nämlich?
Die Medizintechnik erreicht eine Gewinnmarge von 12 bis 13 Prozent, die Unterhaltungselektronik erkämpft gerade 2,5 Prozent.
Ist die WM also unwichtig für Ihr Geschäft?
Nein, aber für unser globales Geschäft hat sie nicht mehr die einstige Bedeutung. Für Philips Deutschland ist sie natürlich ein Großereignis. Verlassen Sie sich darauf: Wir werden den Werbeeffekt für unsere gesamte Produktpalette optimal nutzen. Wir beleuchten acht der zwölf Stadien, wir statten die Gastbereiche in den Arenen mit Flachbildschirmen aus, und wir übergeben der Fifa 125 Defibrillatoren für die Stadien. Das sind Geräte, die das Herz bei Stillstand durch Elektroschocks wieder zum Schlagen bringen. Fußball ist uns schon eine Herzensangelegenheit, wie Sie sehen.
Wieviel Flachbildschirme wird Philips dank des WM-Effektes zusätzlich an die privaten Haushalte verkaufen?
Im Gesamtkonzern wird das kaum mehr spürbar.
Kaum spürbar?
Ja. Vor 20 bis 30 Jahren nahmen die Menschen eine WM zum Anlaß, sich einen Fernseher zu kaufen. Heute wachsen unsere globalen Umsatzzahlen zu solchen Anlässen kaum noch. Wir feiern inzwischen doch beinahe jedes halbe Jahr eine sportliche Großveranstaltung. Da fällt die Fußball-WM nicht mehr so ins Gewicht. Ausnahme ist Deutschland. Da ist 2005 der Umsatz mit Unterhaltungselektronik um zehn Prozent gestiegen, und dieses Jahr erwarten wir noch einmal zehn Prozent plus.
Und selbst Ihre Bierzapfanlagen für den Hausgebrauch werden zur WM kein Verkaufsschlager?
Oh doch, das erwarten wir schon. Wir freuen uns auf den Fan, der vor unserem Flachbildfernseher sitzt, um Übertragungen aus Fußballarenen zu sehen, die wir beleuchten. Dazu trinkt er möglichst Bier aus unseren Zapfanlagen oder Kaffee aus unseren Maschinen.
Philips verkauft Bierzapfanlagen, Elektrorasierer, Zahnbürsten, Fernsehgeräte, MP3-Player, Röntgengeräte, Beleuchtungssysteme und Speicherchips. Was ist denn jetzt eigentlich Ihr Kerngeschäft?
Philips dreht sich um Gesundheit, Lifestyle und Technologie. Zudem verstehen wir besonders gut, was die Menschen sich von Technik wünschen. Sie wollen sinnvolle und leicht bedienbare Technik. Diesen Wünschen werden wir gerecht.
Das würden Siemens, BMW oder Apple genauso sagen.
Mag sein. Aber sehen Sie: Wir verbessern die Lebensqualität durch sinnvolle technische Innovationen. Ein Schwerpunkt sind Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen. Wir beliefern Krankenhäuser mit Computer-Tomographen, Ultraschallgeräten und Informationstechnik. Zudem bauen wir zur Zeit eine Sparte für Gesundheits- und Wellness-Produkte für private Endkunden auf.
Es bleibt der Eindruck, daß Ihre Produkte weit auseinanderliegen.
In den Geschäften nicht! Außerdem gehört es zu Philips' Kernfähigkeiten, Produkte weltweit erfolgreich vermarkten zu können.
Aber in der Produktion gibt es keine Synergien zwischen Bierzapfanlagen und Elektrorasierern.
Sie überschätzen die Bedeutung der Produktion für Konsumartikel heutzutage! 80 Prozent der Konsumentenprodukte, die wir verkaufen, lassen wir nach unseren Vorgaben von Zulieferern in Osteuropa und Fernost bauen. Philips ist in diesen Märkten kein Industriebetrieb, sondern immer mehr ein Markenkonzern mit hoher Vertriebskompetenz, der Zugriff auf globale Zulieferer hat und sich gut auf den globalen Vertrieb versteht.
Die Kapitalmärkte bewerten Ihre Aktien mit Abschlägen, weil Phil-ips ein Mischkonzern ist.
Ja, aber der Konglomerats-Discount ist deutlich geschrumpft von - grob geschätzt - 20 Prozent auf unter zehn Prozent.
Sie könnten trotzdem ein Übernahmekandidat sein für einen Investor, der Philips in Einzelteile zerlegen will.
Das ist kein Gedanke, der uns umtreibt. Wir werden nicht übernommen, wir übernehmen lieber. Unsere Anleger honorieren zunehmend, daß wir uns als Marke positionieren, die für sinnvolle und gut bedienbare Technologie steht. Und sie stützen den Kurs, den Gesundheitssektor auszubauen.
Philips hat sich durch Zukäufe zu einem Großen in der Gesundheitsbranche gemausert. Steckt hinter dieser Politik die Überlegung, daß die Menschen bald ihr Geld für Gesundheit statt für Fernsehgeräte ausgeben müssen?
Wir rechnen damit, daß die Menschen mehr Geld für Gesundheit ausgeben werden. Dazu kommt, daß wir komplexe technologische Systeme für Krankenhäuser fertigen, die von den asiatischen Anbietern nicht kopiert werden können und deshalb höhere Gewinne versprechen. Wenn Sie heute einen DVD-Spieler auf dem Markt bringen, wetteifern Sie morgen mit Tausenden Nachahmerprodukten aus Billiglohnländern.
Deshalb lassen Sie dort Ihre Unterhaltungselektronik produzieren?
Das ist der Lauf der Welt.
Und Europa?
In Europa werden komplexe technologische Systeme gefertigt, in denen das Know-how verschiedener Disziplinen zusammengeführt wird. Wir investieren in Aachen 30 Millionen Euro in die komplexe Fertigung von innovativen Xenon-Lampen für die Autoindustrie.
Lassen Sie die Lichtsysteme in Aachen fertigen, weil sie dort vor den kopierwütigen Asiaten geschützt sind oder weil die Aachener das besser können als die Asiaten?
Beides. Die alten Industrienationen sollten sich abgewöhnen, die Schlachten von gestern zu schlagen. DVD-Player kann jeder bauen. Die Herstellung von Unterhaltungselektronik ist verloren. Aber wo es um Hochtechnologie und komplexes Produktionsmanagement geht, hat Europa gute Voraussetzungen. Zum Beispiel in der Medizintechnik. Der Markt würde noch deutlich wachsen, wenn wir mehr Markt in dem Gesundheitssystem zuließen, um Mittel hineinzulenken.
Sie haben dieses Jahr schon zweimal Firmen aus der Gesundheitsbranche gekauft. Stehen weitere Akquisitionen in diesem Jahr an?
Das ist gut möglich. Wir wollen im Bereich Gesundheitsprodukte für Endkunden von jetzt rund 150 Millionen auf 750 Millionen bis spätestens 2008 wachsen. An diesem Ziel halten wir fest. Aber auch in der Medizintechnik prüfen wir weitere Zukäufe. Zuwächse erwarten wir nicht nur im Krankenhaus. Wir rechnen damit, daß sich ein Teil der Patientenbetreuung nach Hause verlagern wird.
Wie wird das gehen?
Wir haben in den Vereinigten Staaten und in Holland Versuche begonnen, in denen herzkranke Patienten zu Hause versorgt werden. Ihre Meßergebnisse wie Blutdruck, Herzrhythmus oder Gewicht werden direkt zu einem medizinischen Zentrum übertragen. Über ein interaktives Fernsehgerät kommunizieren die Patienten täglich mit ihrem Pflegepersonal, das sie an die Medikamente oder an Diäten erinnert.
Das klingt wie Gesundheitsversorgung aus dem Call-Center.
Es geht um hochprofessionelle Versorgung dank Breitband-Übertragungstechnik. Unsere ersten Untersuchungsergebnisse sind sehr ermutigend. Die Menschen leben gesünder und sind zufrieden, weil sie zu Hause bleiben dürfen. Die Krankenhäuser sparen Bettenkapazität. Wir starten gerade einen Großversuch in Berlin-Brandenburg mit 1000 chronisch kranken Patienten, weitere Projekte sind in der Vorbereitung.
Wird Philips in absehbarer Zeit auch Röntgengeräte für den Hausgebrauch anbieten?
Der Trend geht in die Gesundheitsversorgung im eigenen Heim. Zudem werden alle Geräte kleiner und sind leichter zu bedienen. Aber ob wir nun wirklich Röntgengeräte für zu Hause auf den Markt bringen werden, wage ich zu bezweifeln. Diagnose und Betreuung sind letztlich zwei verschiedene Paar Schuhe.
Das Gespräch führten Inge Kloepfer und Winand von Petersdorff.
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.488,25 | +0,13% |
| TecDAX | 749,78 | −0,03% |
| MDAX | 7.084,74 | +0,96% |
| SDAX | 3.465,16 | +1,09% |
| REX | 372,70 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.794,25 | +0,03% |
| Dow Jones | 10.023,40 | +0,17% |
| Nasdaq 100 | 1.730,76 | +0,56% |
| S&P500 | 1.069,30 | +0,25% |
| Nikkei225 | 9.789,35 | +0,74% |
| EUR/USD | 1,4847 | −0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 76,05 $ | −2,70% |
| Gold | 1.096,75 $ | +0,71% |
| Bund Future | 120,85 € | −0,18% |