Kommentar

Ein Neuanfang für Siemens

Von Holger Steltzner

25. April 2007 Heinrich von Pierer macht den Weg für einen Neuanfang bei Siemens frei. Das ist gut so; doch der Vorsitzende des Aufsichtsrats dieses deutschen Traditionskonzerns hat - wieder einmal - gezaudert. Weil er zum Abschied gedrängt werden musste, wird sein Rücktritt als Sturz in Erinnerung bleiben. Ob sein verzögertes, am Ende aber plötzliches Ausscheiden doch als Schuldeingeständnis zu werten ist, kann erst nach der Aufarbeitung der langen Liste der Vorwürfe an Siemens beurteilt werden.

Staatsanwälte, Börsenaufseher und Wirtschaftsprüfer untersuchen fragwürdige Zahlungen von möglichen Schmiergeldern für Auslandsaufträge im Volumen von mehr als 400 Millionen Euro. Außerdem wird ermittelt, ob Siemens eine dem Vorstand gewogene Arbeitnehmerorganisation mit Millionen gesponsert hat, weshalb sogar ein Zentralvorstand von Siemens verhaftet und erst zum Osterfest wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Darüber hinaus müssen sich ehemalige Siemens-Manager wegen einer Bestechungsaffäre im Zusammenhang mit einem Großauftrag des italienischen Stromkonzerns Enel vor Gericht verantworten. Hinzu kommt, dass Siemens wegen verbotener Preisabsprachen im Geschäft mit Hochspannungsisolatoren von der EU zur Zahlung einer Rekordbuße von über 400 Millionen Euro verpflichtet worden ist.

System Siemens?

Angesichts der vielen Korruptions- und Untreuevorwürfe darf die Frage gestellt werden, ob Schmiergeldzahlungen bei Siemens zum täglichen Geschäft gehörten. Ob es ein System hierfür gegeben hat, untersucht die Staatsanwaltschaft. Die unternehmerische Verantwortung übernimmt - endlich - Pierer, in dessen Zeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens die schmutzigen Gelder geflossen sind.

Für Pierers Nachfolger an der Spitze von Siemens, Kleinfeld, ist das eine Befreiung. Der in den Vereinigten Staaten und durch die Kapitalmärkte geprägte junge Vorstandschef wird das zu nutzen wissen, um sein ramponiertes Image aufzupolieren, das durch die Pleite des an BenQ verkauften Mobiltelefongeschäfts sowie die fast gleichzeitige kräftige Gehaltserhöhung tiefe Kratzer bekommen hat. Auch wird es für ihn leichter, Weichenstellungen vorzunehmen, zum Beispiel den Verkauf von VDO an strategische Investoren wie den Autozulieferer Continental, gegen den sich Pierer gestemmt hatte. Kleinfelds Umbau des riesigen, schwer überschaubaren Siemens-Konzerns mit der Idee der Konzentration auf „Megatrends“ wie Wachstum und Alterung der Bevölkerung zeigt Wirkung. Er hat mit seinem Ampelsystem erreicht, dass alle Geschäftssparten in den grünen Bereich gekommen sind und die ehrgeizigen Renditeziele erfüllen, was ihm die Verlängerung seines Vertrags sichern dürfte, über den der Aufsichtsrat in der nächsten Woche befinden wird. Den Investoren gefällt, dass Kleinfeld Siemens fast wie ein Portfoliomanager führt, der sich entschlossen von Geschäftsbereichen ohne großes Potential trennt.

Bewahrender Traditionalist

Im Unterschied dazu wirkte Pierer in seiner Zeit als Vorstandschef scheinbar wie ein bewahrender Traditionalist, der darauf vertraute, dass im „Gemischtwarenladen“ Siemens schlechter laufende Sparten von den jeweils erfolgreicheren mitgeschleppt werden konnten. Auch als Manager suchte Pierer stets den Konsens mit den Gewerkschaften und der Politik, was ihm die Ehrenmitgliedschaft im Betriebsrat seiner Heimatstadt Erlangen und hohes politisches Ansehen in ganz Deutschland und weit darüber hinaus einbrachte. Der ehemalige CSU-Stadtrat aus Erlangen war führender Repräsentant der deutschen Industrie, Berater der Bundeskanzler Kohl, Schröder und Merkel. Sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten war er im Gespräch. Als erster Unternehmenschef überhaupt hat er vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gesprochen.

Mit Pierer tritt einer der letzten großen Vertreter der alten Deutschland AG ab. Die Reaktion der Börse, wo der Aktienkurs nach dem Rücktritt nach oben gesprungen ist, wird ihn schmerzen. Ins Mark wird ihn treffen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung sein Name mit den Korruptionsskandalen verbunden bleiben und seine erfolgreiche Vorstandsführung über mehr als zwölf Jahre in Vergessenheit geraten dürfte. Dabei war er es, der für die Internationalisierung von Siemens und die Konzentration auf die sechs Unternehmensbereiche Energie, Automatisierung, Verkehrssysteme, Medizin- und Lichttechnik sowie Information gesorgt hat.

Sein größter Fehler: Er hielt sich für unentbehrlich

Das unrühmliche Ende des lange Zeit renommiertesten deutschen Wirtschaftsführers hat Pierer allein zu verantworten. Sein größter Fehler war, sich für unentbehrlich zu halten. Wäre er nur seinen eigenen Worten und den Empfehlungen guter Unternehmensführung gefolgt, wonach der Vorstandschef nicht Oberaufseher derselben Gesellschaft werden sollte! Doch bei Siemens gehe es nur mit ihm, hatte er geglaubt, wechselte lediglich ins Büro gegenüber und teilte mit seinem Nachfolger Sekretariat und Waschräume.

Die sprichwörtliche Nähe konnte nicht gutgehen. In der Krise entfernten sich die so unterschiedlichen Charaktere Kleinfeld und Pierer immer weiter voneinander. Der Systemkonflikt an der Spitze von Siemens endet für Pierer tragisch. Doch wie hätte er glaubhaft den skandalösen Umgang mit schmutzigen Geldern in einer Zeit aufklären können, in der er selbst die Verantwortung getragen hat? Mit dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Cromme, hat Siemens nun einen unabhängigen und unbelasteten Chefaufseher, der zudem die Kommission für gute Unternehmensführung und -kontrolle in Deutschland leitet. Man darf wünschen, dass es mit dem Neuanfang gelingt, den guten Ruf von Siemens im In- und Ausland wiederherzustellen.



Text: F.A.Z., 25.04.2007, Nr. 96 / Seite 11
Bildmaterial: AP

 
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