Telekom

René Obermann muss jetzt liefern

Von Georg Meck und Rainer Hank

Seit 13. November an der Telekom-Spitze: René Obermann (43)

Seit 13. November an der Telekom-Spitze: René Obermann (43)

25. Februar 2007 Die Deutsche Telekom muss wieder aus der Defensive kommen. Am kommenden Mittwoch will der Vorstandsvorsitzende René Obermann seinem Aufsichtsrat eine neue Strategie präsentieren. Ein Aufbruchsignal soll davon ausgehen, eine neue Phase des Wachstums eingeläutet werden. Das zumindest ist der Traum der Telekom-Spitze.

Mitte November hat Obermann die Macht in Bonn übernommen. Die Schaltstellen des Konzerns hat er geschwind mit engen Vertrauten besetzt, viel frischen Wind hat er verblasen. Nur die Antwort auf die alles entscheidende Frage blieb der smarte Jung-CEO bisher schuldig: Was will er anders machen als sein Freund und Vorgänger Kai-Uwe Ricke? Wie will sich der Konzern behaupten in einer Branche, die vom technologischen Fortschritt durchgerüttelt wird?

2,1 Millionen Kunden verloren

Im Festnetz drängen laufend neue Anbieter in den Markt. 2,1 Millionen Kunden hat die Deutsche Telekom allein im vorigen Jahr verloren. Den Schwund der Kunden hat Obermann bis heute nicht gestoppt. Der Mobilfunk, wo Obermann groß wurde, galt zwar lange Zeit als Wachstumsmotor des Unternehmens. Inzwischen gibt es mehr Handys als Bundesbürger. Die Minutenpreise sinken schneller, als die Telekom neue Handy-Kunden gewinnen kann. Folge: Die Umsätze bröckeln auch hier. Und der Kurs der T-Aktie erreichte in der Börsenhausse der vergangenen vier Jahre im Dax-30-Vergleich gerade den vorletzten Platz.

Eine Zauberformel, die Trends des Marktes zu stoppen, gibt es nicht. Kann er die Erlöse stabilisieren, wäre schon viel gewonnen, weiß Obermann und hat dafür wenigstens ein Zauberwort parat: Service. Was die Telekom den Kunden bisher zumutet, sei höchst unbefriedigend, sagt der Vorstand und schildert in den düstersten Farben die Zustände an der Verkaufs- und Technikfront. Sein Umfeld spart nicht mit entsprechender Begleitmusik: „Uns packte das blanke Entsetzen beim Anblick der Realität“, sagt ein Vertrauter. Die Call-Center seien entweder überlastet oder lieferten Falschinformationen, die T-Punkt-Läden arbeiteten mit schlecht geschultem Personal, und die Techniker im Außendienst seien hoffnungslos überfordert.

Gewerkschaft ist alarmiert

Mit solch offener Selbstkritik erhöht Obermann den Druck auf die Gewerkschaft Verdi. 45.000 Beschäftigte, vielleicht sogar noch mehr, sollen in eine Gesellschaft namens T-Service ausgegliedert werden. „Marktkonforme Arbeitszeiten“ und ein „wettbewerbsfähiges Gehaltsniveau“ müssten dort gelten, heißt es bei der Telekom feinsinnig. Den Klartext liefert das Unternehmen gleich mit: 30 bis 50 Prozent höher im Vergleich zur Konkurrenz sind heute die Personalkosten bei der Festnetzsparte T-Com.

Die Gewerkschaft ist alarmiert. Pünktlich zur Aufsichtsratssitzung am Mittwoch trommelt Verdi zu einer Protestkundgebung, an der sich 10.000 Demonstranten beteiligen sollen - Verdi-Chef Frank Bsirske und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer eingerechnet.

Noch immer ein politisches Unternehmen

„Man sollte die 45.000 am besten gleich rauswerfen“, heißt es im Management ein wenig rüpelhaft. Doch einmal mehr wird René Obermann daran erinnert, dass die Telekom noch weit davon entfernt ist, ein normales Unternehmen zu werden. Will ein frisch bestellter Vorstandschef das Wohlwollen seiner Aktionäre zurückgewinnen, verkündet er für gewöhnlich ein Sanierungsprogramm, verbunden mit einem mehr oder minder radikalen Stellenabbau. Diese Option hat der Telekom-Chef nicht mit seinem Heer an Beamten.

Auch nach zehn Jahren an der Börse ist der Konzern ein hochpolitisches Unternehmen. Dabei sind Ansprüche des Großaktionärs Bundesrepublik Deutschland bisweilen höchst widersprüchlich: An einem Tag wettert der SPD-Fraktionschef Peter Struck gegen das Sparprogramm und erinnert an die soziale Verpflichtung des Ex-Monopolisten, tags darauf lädt Genosse Peer Steinbrück den angelsächsischen Investor Blackstone (ein Unternehmen aus Franz Münteferings Heuschreckenliste) als Eigentümer ein.

Investoren verlangen besseren Aktienkurs

Was Investoren wie Blackstone verlangen, ist klar: eine rasche Besserung des Aktienkurses, damit sich ihr Engagement lohnt. Dieses Interesse teilen sie mit dem Finanzminister, der sein Paket gern mit Gewinn losschlagen würde. Nur darf Steinbrück das nicht laut sagen. Wie vertrackt die Gemengelage ist, zeigte sich zuletzt bei der Bestellung eines Personalvorstands: Die vorgeschlagene Verdi-Funktionärin wurde von Anhängern eines Modernisierungskurses im Konzern verhindert. Jetzt bleibt die Stelle bis auf weiteres vakant. „Wir werden dabei keine Kompromisse machen“, bekräftigt Obermann.

„Der große Befreiungsschlag ist von Obermann jetzt nicht zu erwarten“, hieß es am Samstag in Kreisen des Aufsichtsrates. „Erwartungen dämpfen“ wird dort als Tagesparole ausgegeben. Denn das zentrale strategische Ziel, ein Produkt- und Serviceangebot aus einer Hand, ist heute so fern wie eh und je. Eine Abspaltung der Geschäftskundensparte T-Systems, wie sie als Maßnahme zur Beflügelung des Börsenkurses intern diskutiert wurde, scheint inzwischen vom Tisch zu sein. Dafür will Obermann das Geschäft im Ausland neu ordnen. Von kleineren Beteiligungen wird sich die Telekom trennen, dafür Ausschau halten nach lohnenden neuen Märkten - vor allem wohl in Osteuropa. Mehr als zehn Milliarden Euro könnte Obermann für Zukäufe mobilisieren.

Weg mit den vielen Untermarken

Ausgeheckt hat er seinen Plan mit einer Runde von Beratern, unter anderen Ex-McKinsey-Chef Jürgen Kluge und Werber Tonio Kröger. Auf einen Punkt konnte sich die Truppe schnell einigen: Die vielen Untermarken, die vielen rosa T mit Anhang, verwirren die Kundschaft. „Es genügt nicht, wenn es irgendwo im Konzern einen Menschen gibt, der das Durcheinander durchschaut“, spottet ein Teilnehmer des Strategietreffens.

In Zukunft wird die Dachmarke gestärkt, und auch das Gegeneinander der Sparten soll ein Ende haben. Ein erstes Opfer wird wohl T-One. Als „das Festnetz- und Mobiltelefon in einem“ wurde das Angebot voriges Jahr mit viel Geld von der Festnetzsparte T-Com in den Markt gedrückt - ohne Rücksicht darauf, dass die Mobilfunker aus dem Haus gleichzeitig ein konkurrierendes Angebot verkauft haben, ebenfalls begleitet mit einigem Marketing-Getöse. Dieser verschwenderische interne Wettbewerb wird jetzt eingestellt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.02.2007, Nr. 8 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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