Spirituosenverordnung

Des Wodkas reine Basis

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

04. August 2006 Wenn es um Wodka geht, kennt Matti Vanhanen kein Pardon. Er habe sich sagen lassen, daß einige Europäer Wodka aus Abfällen herstellten, die bei der Produktion von Wein entstünden, sagte der finnische Ministerpräsident jüngst sichtlich angewidert in Brüssel.

Er selbst trinke ja keinen Alkohol, fuhr der Finne fort. Aber für die anderen Verbraucher soll man doch besser klarmachen, daß dieser Wodka nicht aus den traditionellen Zutaten Getreide oder Kartoffeln hergestellt sei, auf dem Etikett etwa. „Wie wäre es mit ,Dieser Wodka ist aus Abfall hergestellt worden'“, schlug der amtierende EU-Ratspräsident vor.

Aus Weintraubenschalen hergestellt

Tatsächlich wird in der Europäischen Union ein großer Teil der Wodkas nicht auf der Basis von Kartoffeln oder Getreide erzeugt, sondern aus Weintraubenschalen, Melasse oder anderen Rohstoffen. Der Vorstoß von Vanhanen richtet sich somit auch nicht gegen kleine Schwarzbrenner. Angegriffen werden große Marken wie „Gorbatschow“ aus Deutschland oder „Smirnoff“ aus Großbritannien.

Anlaß ist die Neufassung der Spirituosenverordnung, welche die Europäische Kommission Ende des vergangenen Jahres angestoßen hat, um die Regeln an neue Technik und Vorgaben der Welthandelsorganisation anzupassen. Für die Herstellung von Wodka sollte sich nicht viel ändern. Er muß nach dem Entwurf der EU-Kommission aus hochkonzentriertem Alkohol hergestellt und auf bestimmte Art destilliert werden. So stand es in der alten Verordnung, und so soll es auch in der neuen stehen.

Vorbild Kanada

Einige EU-Staaten wollen die Neufassung indes nutzen, um eine „Rohstoffbindung“ in dem Gesetzestext zu verankern. Das sind neben den Skandinaviern insbesondere die Polen. Auch die baltischen Staaten stützen dieses Ziel. Insgesamt stehen die sieben Staaten für 85 Prozent der EU-Wodkaproduktion. Ein Vorbild haben sie auf der Welt: In Kanada sind ausschließlich Kartoffeln oder Getreide als Rohstoffe für Wodka erlaubt.

Ähnlich strikte Regeln gibt es in der EU nur auf nationaler Ebene, etwa für alle als „polnischer Wodka“ verkauften Spirituosen. Daran würde jedoch die EU-Verordnung nichts ändern. Die Befürworter der strikten Regeln eint zweierlei. Erstens sind sie Wodkaexporteure. Der größte schwedische Hersteller beispielsweise ist „Absolut“ und der größte finnische „Finlandia“. Zweitens wird Wodka in diesen Ländern aus Getreide hergestellt. Kartoffeln spielen nur in Polen eine Rolle. Hier gibt es drei Marken, die nur aus Kartoffeln produziert werden.

Seehofer einig mit Polen und Finnen

Für einen Befürworter strenger Vorgaben gilt das indes nicht: Deutschland. Dennoch hat sich der Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) auf die Seite von Polen und Finnen geschlagen und ihnen so das notwendige Gewicht verschafft, um im EU-Ministerrat eine Entscheidung beeinflussen zu können.

Deutschland setze auf eine reine Basis für alle Lebensmittel, heißt es in deutschen Diplomatenkreisen. Das gelte nicht nur für Wein und Bier, sondern auch für Wodka.

Die Branche möchte kein Reinheitsgebot

Der deutschen Spirituosenbranche paßt das Engagement Seehofers für ein europäisches Wodka-Reinheitsgebot überhaupt nicht. Man wolle nicht die Flexibilität verlieren, heißt es beim Marktführer Gorbatschow. Die meisten Unternehmen nutzten Alkohol der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein als Basis für Wodka, sagt Martin Kieffer vom Verband der deutschen Spirituosen-Industrie. Da sei gar nicht bekannt, woraus der Wodka hergestellt sei.

Für den Geschmack und die typische Weichheit des Wodkas sei die Basis ohnehin unwichtig. Das hänge von der Verarbeitung des "Neutralalkohols" wie der Filterung ab. Wodka sei kein Brand wie Whiskey oder Rum, die über den Rohstoff definiert würden. Zudem werde Wodka oft zu Mischgetränken verarbeitet. Mehr als 90 Prozent des in Kneipen verkauften Wodkas fließt in Mixgetränke.

Nur wenige kennen den Rohstoff

Kieffer ist davon überzeugt, daß die Finnen und die Polen nur die Konkurrenten aus dem Markt drängen wollen. Heute würden mehr als 70 Prozent des deutschen Wodkas nicht aus Getreide hergestellt. Eine Umstellung auf andere Rohstoffe wäre teuer, sagt Kieffer. Zumal Alkohol auch wegen der Förderung von Bioethanol als Autokraftstoff ohnehin schon knapp sei.

„Die meisten Menschen außerhalb Polens wissen zudem nicht, aus welchen Stoffen Wodka hergestellt wird“, sagt Chris Scott-Wilson, der in Brüssel die Wodkahersteller vertritt, die Weintrauben oder Zuckerrohr als Grundlage nutzen. Es sei ihnen auch völlig gleichgültig.

EU-Parlament wird weiter über Wodka streiten

Die Finnen wollen noch während ihrer EU-Ratspräsidentschaft, bis Ende dieses Jahres, eine Einigung unter den Staaten erzielen. Zunächst wird aber das Europaparlament nach der Sommerpause weiter über Wodka streiten. In der ersten Aussprache sorgte die Formulierung der Verordnung, daß Wodka grundsätzlich geruchs- und geschmacklos sei, bereits für Aufruhr bei den polnischen Europaabgeordneten.

Die Finnen nahmen die Auseinandersetzung vergleichsweise sportlich und schlugen eine gemeinsame Verkostung vor. Am Ende könnte ein Kompromiß lauten, mit dem EU-Parlament und Staaten leben könnten, auf dem Etikett die Basisstoffe anzugeben, heißt es in Brüssel. Von „Wodka, hergestellt aus Abfall“ dürfte dann aber wohl nicht die Rede sein.



Text: F.A.Z., 05.08.2006, Nr. 180 / Seite 11
Bildmaterial: AFP

 
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