Von Winand von Petersdorff
21. Januar 2008 Rund 6,8 Milliarden Euro Gewinn, 50 Milliarden Euro Umsatz. Das sind die 2007er Zahlen, die der Chef des finnischen Handykonzerns Nokia, Olli-Pekka Kallasvuo, am kommenden Donnerstag der Öffentlichkeit präsentieren wird, wenn die professionellen Aktienschätzer richtig gerechnet haben. Diese Zahlen werden das Unverständnis über die Werksschließung in Bochum verstärken und weitere Politiker auf die Idee bringen, ihre Nokia-Handys dem Recycling zu überantworten - vorausgesetzt, die Öffentlichkeit erhält davon angemessen Kenntnis.
Wer hätte gedacht, dass Handys so mobil sind? Jeder, der globale Entwicklungstrends sorgfältig beobachtet. Das treffende Wort der Woche fand Finanzminister Peer Steinbrück: Karawanen-Kapitalismus. Nokia ist Teil einer sich beschleunigenden Bewegung, zu der die großen Namen der Weltwirtschaft zählen, die eine deutsche Gewissheit in Frage stellen, die da lautete: Eine Fabrik ist eine Fabrik ist eine Fabrik.
Motorola hatte noch weniger Geduld
Produktionswerke, die in vielen Köpfen als massive Backsteinburgen herumgeistern, werden schneller geschlossen als früher und viel schneller eröffnet. Das Bochumer Handywerk war 1956 als Graetz-Fernsehfabrik gegründet worden und durfte noch bis 1997, zuletzt unter Nokias Führung, TV-Geräte bauen. Der Handyproduktion im Ruhrpott wollten die Skandinavier nicht einmal zwanzig Jahre zubilligen. In wenigen Wochen ist Schluss, erfuhr die Belegschaft.
Motorola hatte sogar noch weniger Geduld mit seinen Handyfabriken. Die im Oktober 1998 in Flensburg nach 18 Monaten Bauzeit in Betrieb genommene Fertigungsstätte war damals die modernste Europas. Im September wird der Standort mit einst 3000 Beschäftigten endgültig stillgelegt. Davor schloss das Unternehmen schon ein großes Werk im schottischen Bathgate trotz der Intervention des damaligen Premiers Tony Blairs. Die Arbeit erledigt nun Fernost.
Wo bekommt man noch ein faires Handy her?
Amerikanische Zeitungen hatten früher schon von deutschen Übermenschen aus Flensburg berichtet, denen es gelang, im globalen Wettkampf um die Motorola-Fabrik Billiglohnländer noch einmal - ein letztes Mal - abzuhängen. Apple hat gar keinen Gedanken daran verschwendet, sein iPhone in einem Industrieland bauen zu lassen.
Hierzulande weitgehend unbekannte Produktionsunternehmen aus Taiwan erledigen den Job zuverlässig, seien die Geräte noch so anspruchsvoll. Die Hersteller BenQ und Siemens sind kürzlich vereint in Deutschland gescheitert. LG, Sony Ericsson und Samsung setzen ohnehin auf Niedriglohnländer, so dass sich Nokia-Boykotteure wie SPD-Fraktionschef Peter Struck langsam fragen müssen, wo sie noch ein faires Handy herbekommen.
Wohlstand für die Armen
Die Produktion geht in Länder, in denen das Gesamtpaket für die Unternehmen besser ist: niedrige Gewinnsteuern, niedrige Löhne und Abgaben und große Nähe zu den Wachstumsmärkten in Osteuropa, zählt Dan Bieler, Telekommunikations-Analyst der Beratungsfirma IDC, auf: Es addiert sich.
Ist das unfair? Ich habe gegen Karawanen-Kapitalismus nichts einzuwenden, bringt er doch den Wohlstand dorthin, wo die Welt am ärmsten ist, sagt Volker Rieble, Arbeitsrechtsprofessor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Nokia dürfte sich moralisch im Gleichgewicht fühlen: Dem Kahlschlag im reichen Deutschland steht die Investition im armen EU-Land Rumänien gegenüber. Die Angleichung der Lebensverhältnisse ist ein Ziel der EU, erinnert Rieble.
Die neue Beweglichkeit
Standortwettbewerb über niedrige Löhne ist die einzige Chance der Armenhäuser, gegen die Industrieländer aufzuholen. Eine Dauerlösung ist es nicht. Denn eine Karawane ist eine Karawane. Das Münchner Ifo-Institut legte schon 2006 eine Studie vor, nach der mittel- und osteuropäische Länder nur kurzfristig von der Verlagerung profitieren. Andreas Kuhlmann, einer der Autoren der Studie, wird mit der Aussage zitiert: Vieles, was dahin abgewandert ist, ist jetzt schon wieder auf dem Sprung in günstigere Länder. Erste IT-Fabriken sind weiter ostwärts gezogen, nach Weißrussland, in die Ukraine oder nach Fernost.
Die neue Beweglichkeit gilt für viele Branchen, lässt sich aber besonders gut am Beispiel Handy illustrieren. Denn kein technisches Produkt hat so schnell die ganze Welt erobert wie der kleine Kommunikator. Und kaum ein technisches Gerät verfällt so schnell: Schon nach zwei Jahren ist ein Handy veraltet.
In Asien und Afrika sind die Wachstumsraten zweistellig
Der Siegeszug begann Anfang der neunziger Jahre. Heute sind mehrere Milliarden Mobiltelefone in Benutzung, allein dieses Jahr erwartet die Branche einen Absatz von 1,1 Milliarden Geräten. Die Handymärkte in Europa und Nordamerika wachsen zwar nur noch einstellig, doch in Afrika und Asien gibt es jährliche Wachstumsraten von 20 und 40 Prozent.
Entsprechend schnell werden neue Fabriken hochgezogen. Der Nokia-Chef Jean-François Baril spricht vom phänomenalen Erfolg des Handywerks im indischen Chennai, das 2006 in 22 Wochen auf einer grünen Wiese errichtet wurde und inzwischen jeden Monat zehn Millionen Handys ausspuckt. Wenn wir das dort schaffen, schaffen wir das überall, sagt der Nokia-Manager.
Billiger bauen - die Kunden finden es gut
In Indien müssen Handys billig sein, damit sie Kundschaft finden. Marktführer Nokia nutzt konsequent die Vorzüge der Großserienfertigung, um das Ziel zu erreichen. Um 25 Prozent haben die Skandinavier die Stückkosten im vorigen Jahr gesenkt. Auch die Wettbewerber bauen ständig billiger. Die Kunden finden es gut.
Und die Handyarbeiter in Deutschland? Sie landen in Transfergesellschaften oder in der Arbeitslosigkeit. In Flensburg sind 400 Motorola-Beschäftigte in einer solchen Organisation, im September kommen noch einmal 650 dazu. Sie sollen sich für neue Jobs qualifizieren. Die Chancen sind recht gut, sagt Geschäftsführer Oliver Fieber. Seine Vermittlungsquote liegt bei 70 Prozent. Einige finden sogar besser bezahlte Jobs in Dänemark. Chancen bieten auch Boomregionen im Süden Deutschlands. Im Arbeitsamtsbezirk Eichstätt lag die Arbeitslosenquote bei 1,8 Prozent. Facharbeiter für technische Berufe seien gesucht, berichtet Rolf Zöllner, Chef des zuständigen Arbeitsamtes Ingolstadt.
Schön ist das nicht für die Bochumer Arbeiter. Aber es gab schon viel schlechtere Zeiten für die Schließung einer Fabrik.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite 29
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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