Friseurhandwerk

Sorgenkind Dauerwelle - Hoffnungsträger Farbe

Von Judith Lembke

Friseurmesse “Hair & Beauty“ in Frankfurt: Färben, ja bitte!

Friseurmesse "Hair & Beauty" in Frankfurt: Färben, ja bitte!

15. Mai 2007 Sie heißen David Cameron, Toni&Guy und Boris Entrup. Wenn sie auf der Bühne stehen, verfolgen ihre Fans jede ihrer Bewegungen mit Ehrfurcht und saugen alle Kommentare gierig auf. Sie sind die Popstars der Branche, und wie sie das Haar verwuscheln oder die Schere benutzen, setzt Maßstäbe. Es gibt wohl kaum ein Handwerk, das sich so gerne inszeniert wie die Friseure.

Dementsprechend gleicht die Hair & Beauty in Frankfurt, eine der größten Friseurmessen in ganz Europa, auch eher einem Schaulaufen als einer Verkaufsveranstaltung. An jedem Stand wird frisiert, vorgeführt und auch konkurriert. Im Untergeschoss wird gerade ausgemacht, wer bei der Europameisterschaft in der Kategorie „Hair by night Damen“ vorne liegt. Rosafarbene Wirbel in schwarzem Haupthaar treten gegen lange pinkfarbene Strähnen an. Das große Thema der Messe ist, wie man am besten die schräge Bobfrisur hinbekommt, die Kundinnen in ganz Deutschland geschnitten haben wollen, seitdem Victoria Beckham sie auch trägt.

Männer wie Frauen lassen sich die Haare färben

Waschen, schneiden, legen: Der Ein-Mann-Betrieb wird immer häufiger bei Friseuren

Waschen, schneiden, legen: Der Ein-Mann-Betrieb wird immer häufiger bei Friseuren

Die Branche ist wieder etwas optimistischer gestimmt: 2007 scheinen sich die Umsätze der Friseurbetriebe zu stabilisieren, nachdem die knapp 69.000 Salons in Deutschland im vergangenen Jahr nicht vom allgemeinen Aufschwung profitiert haben. Die Umsätze der Friseure gingen 2006 um 2,2 Prozent auf einen Umsatz von 5,1 Milliarden Euro zurück.

Besonders die Dauerwelle, die im vergangenen Jahr ihren hundertsten Geburtstag feierte, findet nicht mehr so viel Anklang, dafür lassen sich aber immer mehr Kunden - Männer wie Frauen - ihre Haare färben. Trotz des Rückgangs hat sich die Zahl der Betriebe im vergangenen Jahr leicht erhöht. Andreas Popp, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, sieht diese Entwicklung vor allem darin begründet, dass die Zahl der Ein-Mann-Betriebe in der vergangenen Zeit stark zugenommen habe.

Branchentrend: Zunahme der Kleinstbetriebe

Neben der verstärkten Filialisierung sieht Popp die Zunahme der Kleinstbetriebe als einen großen Branchentrend. Laut Zentralverband könnte die Fragmentisierung der Friseurbetriebe mittelfristig jedoch zu einem Problem werden: „Die Kleinstunternehmen sind Betriebe, die weder beschäftigen noch ausbilden. Sie können daher kostengünstiger am Markt ihre Dienstleistungen anbieten. Die ausbildungsstarken mittleren Friseurbetriebe bleiben dabei schnell auf der Strecke“, sagt Popp.

Er macht für diese Entwicklung vor allem den „Deregulierungseifer“ der Politik verantwortlich, der immer neue Ausnahmeregelungen von der Meisterpflicht geltend mache. Vehement wendet sich Popp auch gegen den Mindestlohn. „Das wäre für unsere Mitglieder in Bayern und Baden-Württemberg wohl kein Problem, aber in den neuen Bundesländern würde es zu einem großen Verlust an Arbeitsplätzen führen.“

Training in neuesten Schnitt- und Colorationstechniken

Trotz der beschriebenen Entwicklungen sind die Friseure noch immer eine mittelständisch geprägte Branche. Die meisten Betriebe sind Familienunternehmen, die nicht mehr als drei Mitarbeiter beschäftigen. An dieser Struktur orientieren sich auch die Hersteller von Friseurbedarf und Haarkosmetik. Sie treten auf einem hart umkämpften, sehr fragmentierten Markt in den Wettbewerb, auf dem sie immer wieder aufs Neue um die Gunst ihrer trendhungrigen Kunden kämpfen müssen.

Victoria Beckham-Bob mit langen Fransen

Victoria Beckham-Bob mit langen Fransen

Die Hersteller setzen fast ausschließlich auf Direktvertrieb. Mit Schulungen und Trainings in den neuesten Schnitt- und Colorationstechniken versuchen die großen Hersteller wie Wella oder L'Oréal ihre Kunden für ihre Produkte zu gewinnen. Denn nur ein Friseur, der auch von seinen Shampoos und Kuren überzeugt ist, wird sie auch gut an den Endkunden weiterverkaufen können. Das Darmstädter Unternehmen Wella zum Beispiel, das seit 2003 zum Konsumgüterkonzern Procter & Gamble gehört, beschäftigt im deutschsprachigen Raum 400 Leute im Direktvertrieb sowie 120 Friseurtrainer.

Luxuriöse Inhaltsstoffe wie Kaviar oder Seide

Die Messe zeigt, dass Marketing die dominante Rolle in dieser Branche spielt, die wie wenige andere davon lebt, einen Traum von Schönheit zu verkaufen. Die Hersteller von Haarkosmetik inszenieren ihre Produkte nicht an schnöden Messeständen, sondern in hippen Lounges. Luxuriöse Inhaltsstoffe wie Kaviar oder Seide und aufwendige Verpackungen sollen den Friseur und letztlich auch den Endkunden für die Produkte gewinnen. Denn friseurexklusive Kosmetik hat ihren Preis: Während der Kunde in der Drogerie ein Markenshampoo schon für 2,50 Euro bekommt, zahlt er für ein Premiumprodukt beim Friseur locker das Zehnfache.

Haartrends 2007: Frauen tragen Bob und Männer den “Crashed“-Look

Haartrends 2007: Frauen tragen Bob und Männer den "Crashed"-Look

Neben Produktinnovationen locken die Hersteller von Haarkosmetik mit Finanzierungen von Ladenausstattungen, um neu gegründete Betriebe an sich zu binden. Wella finanziert zum Beispiel Salons die Ausstattung mit ihrer Einrichtungsmarke „Welonda“, wenn sie sich im Gegenzug dazu verpflichten, über einen bestimmten Zeitraum Wella-Produkte rabattfrei abzunehmen.

10-Euro-Friseure und Premiumsalons

Der Marktführer in Deutschland und die Nummer zwei in der Welt setzt pro Jahr etwa 2 Milliarden Euro mit Friseurartikeln um. Die Produktpalette in der Haarkosmetik ist stark diversifiziert. Während Procter & Gamble im Massenmarkt fünf Marken vertreibt, sind sie via Wella in den Friseursalons mit sieben Marken vertreten. Wilfried Lindloff, Regionalmanager Deutschland, Österreich und Schweiz bei Wella, hat beobachtet, dass sich in seinem Portfolio am besten die hochpreisigen Marken wie Sebastian oder Sassoon sowie die günstigen wie Clairol oder Londa entwickeln.

Auch Christophe Schmutz, der für den deutschsprachigen Raum zuständige Geschäftsführer für professionelle Produkte beim Marktführer L'Oréal, hat eine Polarisierung des Marktes beobachtet: „Auf der einen Seite wachsen die 10-Euro-Friseure und auf der anderen Seite die Premiumsalons.“ Die Zeiten, da Haareschneiden als lästiges Übel angesehen wurde, sind vorbei. Die Salons versuchen sich in dem Spannungsfeld zwischen superbillig und Luxuserlebnis zu positionieren.

„Immer stärkere Diversifikation“

„Wir müssen mit unseren Marken auf die immer stärkere Diversifikation im Markt reagieren“, sagt Schmutz. Gerade hat L'Oréal die Marke Matrix, eine junge und preisgünstig positionierte Haarkosmetikmarke, neu auf dem deutschen Markt eingeführt. Wella versucht hingegen am oberen Ende zu wachsen: Für die neue Sassoon-Produktlinie kann der Kunde beim Starcoiffeur noch einmal das gleiche Geld ausgeben wie für seinen Haarschnitt.

Text: F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 28
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

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