17. Februar 2006 Edeka hat sofort reagiert. Nach dem Auftreten erster Vogelgrippefälle auf Rügen hat der Einzelhandelskonzern noch am Mittwoch abend eine Telefonhotline eingerichtet. Über diese Telefonnummer können sich die Verbraucher rund um die Uhr mit Fragen zur Vogelgrippe an Edeka-Mitarbeiter wenden. Damit soll den Verbrauchern mit Argumenten die Angst genommen werden.
Händler und Hersteller weisen vor allem immer wieder darauf hin, daß bisher in Deutschland kein zur Schlachtung vorgesehenes Nutztier erkrankt ist, daß keine Gefahr vom Verzehr von Geflügelfleisch ausgehe und daß auch die Übertragung des Vogelgrippevirus von Mensch zu Mensch bisher nicht gegeben sei. Das hält aber die Unternehmen nicht davon ab, sich auch hierauf vorzubereiten.
Kontakte unter den Mitarbeitern verringern
Der Chemiekonzern Degussa hat Ende vergangenen Jahres einen Notfallplan erarbeitet, der vor allem darauf abzielt, im Krisenfall die Kontakte unter den Mitarbeitern zu verringern. Für jedes Werk gebe es einen detaillierten Plan, wer im Ernstfall von zu Hause aus arbeiten kann oder wer nicht zwingend zur Aufrechterhaltung der Produktion gebraucht wird, bestätigte Unternehmenssprecherin Hannelore Gantzer. Entsprechende Notfallpläne sind in den vergangenen Monaten von fast allen Großunternehmen ausgearbeitet worden. Die weltweit drittgrößte Bank HSBC hat einen Notfallplan entworfen, um bei einer Vogelgrippe-Epidemie zeitweise sogar nur mit der halben Belegschaft auskommen zu können.
Auch die Deutsche Bank in Frankfurt bestätigt, daß man Pläne habe, wie in Notfällen zum einen die eigenen Mitarbeiter geschützt werden können und wie zum anderen der Geschäftsbetrieb aufrechterhalten werden kann. Und speziell zur Vogelgrippe habe man nach deren erstem Auftreten in Südostasien eine bankinterne, international besetzte Konferenz in den Vereinigten Staaten abgehalten. Es gebe seither einen Notfallplan für die Bank. Der sehe zunächst einmal verschiedene Szenarien vor, bei denen man Experten zusammenrufe, die einen konkreten Fall beurteilen und entsprechend weitere Maßnahmen empfehlen könnten. Viele Banken haben Pläne, wie man bei Epidemien Arbeiten auf externe Dienstleister auslagern kann, welche Mitarbeiter von zu Hause aus ihrer Arbeit am Computer nachgehen können und welche Ausweichbüros zur Verfügung stehen.
Sorge um den Absatz von Geflügelfleisch
Die weltweite Virenkarte wird auch von den Reisekonzernen betrachtet. Bisher gab es nur nach dem Auftritt der ersten Vogelgrippefälle in der Türkei einen leichten Buchungsrückgang, der aber nach den Worten einer TUI-Sprecherin schon nach wenigen Tagen wieder ausgeglichen gewesen sei. Auch Thomas Cook spricht von einer Normalisierung des Türkei-Reisegeschäfts.
Bei den Geflügelzüchtern kann dagegen von Normalisierung keine Rede sein. Zwar habe man mit dem vom heutigen Freitag an geltenden Bestallungsgebot für Geflügel keine großen Probleme, versichert der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft in Berlin. Es gebe genug und auch hygienisch einwandfreie Ställe. Sorge bereite dem Verband aber der Absatz von Geflügelfleisch. Während bei Eiern derzeit die Nachfrage und die Preise noch steigen, ist der Absatz von Geflügelfleisch innerhalb weniger Monate um 10 bis 15 Prozent gesunken. Das sei auf die Nachrichten über die Vogelgrippe, aber auch auf die Gammelfleischdiskussion zurückzuführen. Und, so muß man hinzufügen, es betrifft offenbar nur die konventionelle Landwirtschaft. Alexander Gerber, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Berlin, sieht keinen Einbruch der Nachfrage bei Betrieben des ökologischen Landbaus. Ganz im Gegenteil, wir sind ausverkauft und können die Nachfrage nach Geflügelfleisch nicht erfüllen.
Im schlimmsten Szenario 3,7 Billionen Euro Schaden
Sorge bereiten Gerber mehr die Folgen für einzelne Landwirte. Gerade bei Wassergeflügel gebe es nämlich Betriebe, die bisher ohne Stall ausgekommen seien. Diese müssen jetzt Ställe bauen oder zumindest ein Folienhaus kaufen. Das betreffe vor allem kleine Betriebe, für die Ausgaben zwischen 5000 und 15000 Euro aber erheblich seien. Gerber fordert die Bundesregierung auf, ihr Versprechen, betroffenen Landwirten zu helfen, auch einzulösen. Sorge bereitet den meisten Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik die Unsicherheit über den Verlauf der Vogelgrippe.
Untersuchungen über schwere wirtschaftliche Folgen einer Vogelgrippe-Pandemie sind bisher daher theoretische Berechnungen, deren neueste ein australisches Institut vorlegte. Danach drohen bei einer Vogelgrippe-Pandemie weltweit 140 Millionen Menschen zu sterben. Im schlimmsten Fall wird eine solche Krankheitswelle zudem einen wirtschaftlichen Schaden von 3,7 Billionen Euro anrichten. Zu diesem Ergebnis kommt das australische Lowy-Institut für Internationale Politik. Für seine Szenarien nutzte das Institut Erfahrungswerte früherer Grippe-Pandemien und der Verbreitung der tödlichen Lungenkrankheit Sars im Jahr 2003. Die Weltbank hat die Kosten einer Pandemie vor einem halben Jahr auf 800 Milliarden Dollar geschätzt. Wissenschaftler befürchten eine solche Pandemie aber nur, wenn der H5N1-Strang des Virus mutiert und sich von Mensch zu Mensch überträgt, was bisher nicht der Fall ist.
Text: F.A.Z., 17.02.2006, Nr. 41 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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