Von Christian Siedenbiedel
05. April 2008 Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, als ob ein Bombenangriff droht. Die Scheibe des Fahrkartenautomaten ist eingeschlagen. Bis unter das Dach sind die Mauern mit Graffiti besprüht. Im großen Bahnhofsschild Beelitz Stadt“ fehlt ein e“, das t“ und das z“. Irgendwo quietscht ein Schild im Wind. Kein Mensch ist hier.
Der Bahnhof könnte aus einem Tatort“ stammen oder aus Spiel mir das Lied vom Tod“. An der Haltestelle im brandenburgischen Örtchen Beelitz, das 12.000 Einwohner hat und für seinen Spargel bekannt ist, halten zwar weiter die Züge nach Berlin. Sogar fast stündlich. Das Bahnhofsgebäude aus dem Jahre 1904 aber, in dem früher Fahrkarten verkauft und Gepäckstücke verladen wurden, ist geschlossen und verfällt zusehends.
Die Visitenkarte der Stadt
Beelitz ist kein Einzelfall. Während die Bahn eine Handvoll großer Bahnhöfe in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren zu glänzenden Einkaufszentren mit Gleisanschluss hochgerüstet hat, gammeln Hunderte kleinerer Gebäude vor sich hin. Vor allem im Osten gibt es viele schäbige Stationen. Zumutungen für die Fahrgäste“, sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn.
Doch was macht einen Bahnhof hässlich? Viele der kleineren Gebäude stammen aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert und waren eigentlich mal ganz imposant. Damals waren die Bahnhöfe Visitenkarten einer Stadt. Jeder, der mit dem neuzeitlichen Verkehrmittel an- oder abreiste, musste durch diese Hallen. Später jedoch verloren sie an Bedeutung, weil Auto und Flugzeug der Bahn den Rang abliefen. Heute sind sie noch unwichtiger: Die Bahn straffte die Abläufe, Fahrkartenautomaten und Online-Tickets ersetzen den Mann am Schalter. Beeindruckende Empfangsgebäude sind nur noch in Großstädten interessant. Nur hier siedeln sich Einzelhändler darin an und sorgen dafür, dass die Immobilien Rendite abwerfen. Die kleinen Gründerzeitbahnhöfe verfallen.
Die Bahn repariert oft nur das Nötigste
Aber auch einige große Bahnhöfe finden die Besucher heute hässlich – auch wenn sie zu ihrer Zeit Vorzeige-Bauwerke waren. Das gilt etwa für die Hauptbahnhöfe von Dortmund (Baujahr 1952) und Duisburg (Baujahr 1934). Für beide steht seit längerem ein Umbau und eine Sanierung an – passiert ist wenig. Experten sprechen von einem gewaltigen Investitionsstau: Ich schätze, mindestens drei Milliarden Euro müssten allein in die kleineren und mittleren Bahnhöfe investiert werden, sagt Dirk Flege, Geschäftsführer des Bahnkunden-Verbands Allianz pro Schiene.
Bahnchef Hartmut Mehdorn und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee argumentieren, dafür brauche die Bahn den Börsengang: Wenn das Unternehmen durch den Verkauf von Aktien rund sechs Milliarden Euro in die Kasse bekäme, hätte es genug Geld für die Sanierung der Bahnhöfe. Einstweilen betreibt die Bahn Mangelverwaltung.
Weil der Topf nicht für alle reicht, bildet sie Investitionsschwerpunkte. Oft repariert sie nur das Nötigste. Außerdem versucht die Bahn seit Jahren, kleinere Bahnhöfe zu verkaufen. 5600 Haltestellen gibt es in Deutschland. An 3000 davon stehen Bahnhofsgebäude. Von denen will das Unternehmen auf Dauer nur 600 bis 800 weiter betreiben.
Viele Bahnhöfe sind denkmalgeschützt
Doch der Verkauf ist gar nicht so leicht. Viele Bahnhöfe sind baufällig, einige zugleich denkmalgeschützt. Den ersten Zugriff sollen jeweils die Städte und Gemeinden haben. An sie hat die Bahn seit dem Jahr 2000 rund 170 Gebäude verkauft. Die Städte richten dort Jugendzentren ein oder Kulturstätten, oder sie schaffen Platz für Gewerbetreibende. Doch nicht alle Bahnhöfe eignen sich dafür - viele Gemeinden wollen sie daher überhaupt nicht.
Schon 2001 hatte die Bahn deshalb 500 Bahnhöfe als Paket verkauft. Die Idee: Der Käufer sollte gute wie schlechte übernehmen und für seine Rendite eine Mischkalkulation anstellen. Doch der Käufer, eine Immobiliengesellschaft, die dem Sohn des Phoenix-Gründers Dieter Breitkreuz gehörte, wurde insolvent. So übernahmen die Investoren Patron Capital aus London und Procom Invest aus Hamburg einen Teil der Bauten. An sie verkaufte die Bahn 2007 weitere 490 Bahnhöfe für einen zweistelligen Millionenbetrag. Was die Investoren mit den Bahnhöfen genau vorhaben - darüber schweigen sie sich aus: Wir prüfen das jetzt gerade. Einige werden verkauft, andere wiederbelebt, sagte ein Procom-Sprecher in Hamburg. Zu den Bahnhöfen, die sie übernommen haben, gehört auch der im brandenburgischen Beelitz. Fortschritte erkennt man dort bislang keine.
Auch unsere Leser haben uns auf unseren Aufruf hin Bilder von hässlichen Bahnhöfen geschickt. Hier geht es zu den besten Einsendungen: Leseraktion: Deutschlands hässlichste Bahnhöfe
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: Christian Thiel, Christian Thiel / F.A.Z., Christoph Busse, Christoph Busse / F.A.Z., Jan Roeder / F.A.Z., Kai Nedden / F.A.Z., Rainer Wohlfahrt, Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.
