Von Daniel Schäfer
14. Juni 2005 Was haben die Seitenleitwerke eines Airbus, ein Schutzanzug und der Benzinfilter eines Autos gemeinsam? Auf den ersten Blick rein gar nichts. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich, daß alle drei aus ähnlichen Materialien bestehen: aus technischen Textilien. Und im Gegensatz zu T-Shirts von H&M oder Anzügen von Boss werden diese nicht in China oder der Türkei hergestellt, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit prangt darauf das Etikett "Made in Germany". Denn die deutsche Textilindustrie hat sich schon frühzeitig in eine Nische als forschungsintensiver Zulieferer der Industrie zurückgezogen - und wurde daher von der Importschwemme aus Asien weniger getroffen als andere europäische Länder.
Die jetzige Einigung im Textilstreit (EU und China legen Handelsstreit über Textilien bei) zwischen der Europäischen Union und China hat aber auch der südeuropäischen Textil- und Bekleidungsindustrie allenfalls zu einer kurzen Verschnaufpause verholfen, denn das Rennen um die billigsten Produktionskosten und die beste Qualität wird dadurch nicht aufgehalten.
Triebfeder der Industrialisierung
Einstmals war die europäische Textilindustrie eine der Triebfedern der Industrialisierung und einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige. So machten Baumwolltextilien im Jahr 1830 mehr als die Hälfte des britischen Exports aus. Ermöglicht wurde dies durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls, gegen dessen Einsatz sich die rund 250000 britischen Heimweber lange gewehrt hatten - und dazu sogar Fabriken in Brand gesteckt hatten.
Ebenso wie damals jedoch konnten die Beschäftigten der europäischen Textilindustrie auch in den vergangenen Jahren die Zeitläufte letztlich nicht aufhalten. Diesmal kam die Moderne in Gestalt der Globalisierung. Die Billigkonkurrenz aus Osteuropa und Asien hatte einen dramatischen Aderlaß in der Textil- und Bekleidungsindustrie zur Folge. "In den zehn Jahren bis 2003 gingen in Europa eine Million Stellen verloren. Im Jahr 2004 waren es nochmals 165000 Stellen", legt William Lakin, Generaldirektor des europäischen Textilverbands Euratex, den Finger in die Wunde. Die einstmals so stolze Branche scheint zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst, sie beschäftigt aber in ganz Europa noch 2,5 Millionen Menschen und setzt rund 215 Milliarden Euro um.
Italienische Konzerne produzieren längst in China
Auf die neue Konkurrenz aus Fernost haben sich die europäischen Hersteller allerdings mit unterschiedlichem Tempo eingestellt. Länder wie Portugal und Griechenland dienen immer noch als wichtiger Fertigungsstandort für einfache Bekleidung wie T-Shirts oder Hemden. Diese Länder profitieren nun kurzfristig von einer Begrenzung der Importe aus China. Mittelfristig wird allerdings die übermächtige Konkurrenz aus dem Osten auch dort zu einem weiteren Arbeitsplatzabbau führen, sagen Experten. Auch die italienische Modebranche, eine der Vorzeigebranchen der Mittelmeer-Republik, steht immer noch vor großen Problemen. Denn im Gegensatz zu anderen Ländern wie Deutschland oder Frankreich hätten sich die mittelständischen Familienbetriebe dort "zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht", sagt Sven Eriskat vom Gesamtverband der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. Viele dieser Modehersteller seien einfach zu klein, um gegen die übermächtige Konkurrenz zu bestehen. Dagegen hätten sich die großen Konzerne wie Marzotto längst gewappnet, indem sie selbst in China produzierten.
Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Belgien habe der neue Textilriese China dagegen - bislang - wenig anhaben können, sagt Professor Hans Karl Rouette, Textil-Experte der Universität Aachen. Denn vor allem die deutschen Hersteller haben sich schon seit langer Zeit Nischen zugewandt - vor allem eben den technischen Textilien. Den Aderlaß in der hiesigen Textil- und Bekleidungsindustrie konnte indes auch das nicht verhindern - binnen 35 Jahren ist die Mitarbeiterzahl um vier Fünftel geschrumpft. Von 385.000 Beschäftigten im Jahr 1970 sind heute noch 42.500 übriggeblieben - mit weiter sinkender Tendenz. Die Bekleidungsindustrie produziert heute zu 95 Prozent im Ausland, sagt Josef-Albert Beckmann, Präsident des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie.
Bekleidungshersteller nur der Anfang
Doch die Bekleidungshersteller waren lediglich der Anfang. In den frühen neunziger Jahren schickte sich auch die Textilbranche an, der Karawane gen Osten zu folgen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lagerten auch die Textilhersteller zunehmend Arbeitsplätze in Länder wie die Tschechische Republik, Polen und Rumänien aus oder ersetzten sie durch Maschinen. Binnen 15 Jahren wurde die Zahl der Arbeitsplätze auf ein Drittel zusammengestrichen, während die Produktivität deutlich stieg. Heute arbeiten hierzulande noch 95000 Beschäftigte in der Branche.
Vor allem die Zulieferer der Bekleidungsindustrie haben gelitten. Die klassischen Wollweber, einst ein blühender Wirtschaftszweig, sind größtenteils verschwunden. "Die Wollzentren in Mönchengladbach und Aachen existieren nicht mehr", sagt Beckmann. "Es gibt nur noch vereinzelte Wollweber rund um Metzingen, in Oberfranken und in Ostdeutschland."
Große Nachfrage nach technischen Textilien
Was blieb, war die Textilveredelung, bei der Rohgewebe wie Leinen und Baumwolle durch Wachsen, Imprägnieren, Drucken oder Färben weiterverarbeitet wird. Denn im Gegensatz zu anderen Stufen der Wertschöpfungskette ließen sich die technisch anspruchsvollen Maschinen nur schwerlich abbauen und im Ausland wiederaufstellen, erklärt Rouette.
Hierbei hat sich die deutsche Wirtschaft neben dem immer noch starken Bereich der Heimtextilien insbesondere auf technische Textilien spezialisiert. Die Nachfrage nach neuen Materialien ist immens - sei es aus dem Straßenbau, der Autoindustrie oder im Umweltschutz. Technische Textilien tragen mittlerweile 45 Prozent zum Gesamtumsatz der Branche bei. Während die Bekleidungsindustrie im vergangenen Jahr ein Umsatzminus von 4 Prozent verkraften mußte, haben die Hersteller technischer Textilien zum Teil zweistellige Zuwächse erreicht. Im Jahr 2003 setzten die rund 380 überwiegend mittelständischen Hersteller etwa 6 Milliarden Euro um.
Derzeit bemühen sich rund 16 Forschungsinstitute zudem darum, die Textilforschung voranzutreiben. Doch trotz des Vorsprungs kann sich die deutsche Industrie auch hier keine längere Atempause erlauben: "China holt auch bei den technischen Textilien schneller auf, als manche denken", warnt Beckmann.
Text: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 11
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z.
Markus Friesacher: Der Billigbenzin-![]()
Kommentar: Die Rückkehr des Plus
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