13. November 2006 Die Börse hat den neuen Mann an der Spitze freundlich begrüßt. Nach dem Rücktritt von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke legte die Aktie am Montag morgen um rund drei Prozent zu und setzte sich, ganz ungewohnte Erfahrung für die T-Anleger, an die Spitze des Dax. Ein schöner Vertrauensbeweis für René Obermann, der den Konzern nun leiten soll. Was von ihm erwartet wird, zeigt ein zweiter Blick auf die Zahlen: Die T-Aktie liegt, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach ihrer Börseneinführung, deutlich unter dem damaligen Ausgabekurs von 14,57 Euro.
Die Großaktionäre des früheren Staatskonzerns, der Bund und die amerikanische Investorengesellschaft Blackstone vorneweg, werden Obermann gnadenlos daran messen, ob es ihm gelingt, den Wert ihrer Beteiligungen zu steigern. Auf einem anderen Blatt steht, wie frei Obermann dabei schalten und walten kann. Wie schon seine Vorgänger ist er eingebunden in widerstreitende Interessen an einem Konzern, der kein normales Unternehmen wie jedes andere ist. Trotz eines auf rund dreißig Prozent reduzierten Staatsanteils bleibt die Telekom ein politisch dominierter Konzern.
Verworrenes Bild
Die Erwartung hoher Renditen kollidiert mit der Forderung nach Beschäftigungssicherung. Vor zwei Wochen las SPD-Fraktionschef Peter Struck Obermanns Vorgänger Ricke öffentlich die Leviten und warnte vor weiterem Personalabbau. Daß das ebenfalls SPD-geführte Finanzministerium zu dem Zeitpunkt schon Rickes Ablösung betrieb, weil es mit dem Aktienkurs unzufrieden war, schien ihn nicht zu stören.
Ähnlich verworren ist das Bild bei der Suche nach finanzkräftigen neuen Investoren. Die einen erwägen weitere Aktienverkäufe großen Stils an Beteiligungsgesellschaften und den Einstieg russischer Investoren. Die anderen schüren die Heuschrecken-Angst und fürchten die öffentliche Empörung über den Ausverkauf eines früheren Bundesunternehmens an renditegierige Finanzhaie. Die Gefahr ist daher groß, daß auch erfolgversprechende Optionen vorschnell begraben werden. Selbst ein Einstieg russischer Investoren wie der Sistema sollte ohne politische Vorbehalte geprüft werden können. Eine Partnerschaft oder eine Überkreuzbeteiligung wären immerhin ein denkbarer Weg, auf den wachstumsstarken Märkten Rußlands und der Nachbarstaaten Fuß zu fassen.
Obermann wird mehr Härte zeigen müssen
Obermann ist kein Politiker. Aber Erfolg setzt voraus, daß er die Politik und die Arbeitnehmerseite von einem Kurswechsel überzeugt. Im Wettbewerb bestehen kann die Telekom nur, wenn sie die Last ihrer Behördenvergangenheit abschüttelt. Noch immer besteht in dem Riesenkonzern die Neigung, die Kunden lieber zu verwalten als zu erobern. Daran haben alle Service-Offensiven wenig geändert. Zehntausende von Beschäftigten im Beamtenstatus, milliardenschwere Pensionslasten und eine Arbeitsproduktivität, die deutlich unter der der Konkurrenz liegt, sind auf Dauer nicht zu verkraften.
Ricke ist den Konflikten lange ausgewichen oder hat sein Heil in teuren Abfindungsprogrammen gesucht. Obermann wird mehr Härte zeigen müssen. Daß er das Zeug dazu hat, hat er bei der T-Mobile bewiesen. Als in Deutschland die Margen unter Druck kamen, legte Obermann gegen heftigen Widerstand der Gewerkschaft ein ambitioniertes Sparprogramm auf. Einiges von dem, was die Mobilfunksparte hinter sich hat, steht dem Rest des Konzerns noch bevor. Auch weiterer Stellenabbau ist nicht ausgeschlossen. Rickes Zusage, es werde bis 2010 keine neuen Abbauprogramme mehr geben, dürfte nun hinfällig sein.
Festnetzsparte als größte Herausforderung
Eine Dauerbaustelle bleibt die Konzernstruktur. Auch die neue Organisation mit ihren drei Geschäftsfeldern Mobilfunk, Breitband/Festnetz und Geschäftskunden ist im wesentlichen produktdefiniert. Aber Technologien und Produkte wachsen zusammen, die Grenzen zwischen Mobilfunk, Internet und Festnetz verschwimmen. Der konsequente nächste Schritt wäre deshalb eine klare Ausrichtung an Kunden und Märkten, um mehr Schlagkraft zu bekommen.
Obermanns größte Herausforderung wird die Sanierung der Festnetzsparte T-Com, die Ricke seinen Posten gekostet hat. In ihrem früheren Kerngeschäft verliert die Telekom scharenweise Kunden. Rund 1,5 Millionen waren es allein in diesem Jahr. Statt die Konkurrenz mit attraktiven eigenen Tarifen und Angeboten zu bremsen, hat sich die T-Com auf Nebenkriegsschauplätze wie den Erwerb der Internet-Übertragungsrechte und Sponsoringverträge für die Fußballbundesliga kapriziert. Viel Energie und Geld ist in den Hoffnungsträger investiert worden: den Ausbau des VDSL-Glasfasernetzes für ultraschnelle Breitbandzugänge. Aber die Bündelangebote aus Unterhaltung, Internet und Telefon sind teuer und bisher nur in wenigen Städten verfügbar. Ob sie die hochgesteckten Erwartungen der Marketingstrategen erfüllen, scheint zumindest kurzfristig zweifelhaft. Konkurrenten bieten mit weniger ausgefeilter Technik ähnliches zu niedrigeren Preisen.
Monopolzeiten werden nicht wiederkehren
Wer darauf setzt, daß die T-Com unter Obermann rasch zu alter Stärke zurückfindet, wird sich täuschen. Der Verlust von Marktanteilen ist politisch gewollt. Die glücklichen Monopolzeiten werden nicht wiederkehren. Darüber kann auch das positive Echo auf die von Ricke auf den Markt gebrachten neuen Telekom-Kombitarife nicht hinwegtäuschen. Die Telekom kann den Negativtrend im deutschen Festnetz bremsen; ob sie ihn drehen kann, ist fraglich.
Dauerhaftes Ertragswachstum wird Obermann anderswo suchen müssen. Wenn der Konzern in Deutschland an seine Grenzen stößt, bleibt nur die konsequente Internationalisierung. Rickes Verdienst ist es, der Telekom durch den Schuldenabbau wieder die notwendige finanzielle Beweglichkeit verschafft zu haben. Obermann hat es in der Hand, diese Chance zu nutzen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.