Software

SAP fordert gezieltere Technologieförderung in Europa

Henning Kagermann: “Klotzen statt kleckern“

Henning Kagermann: "Klotzen statt kleckern"

09. März 2006 Der Vorstandssprecher des Softwarekonzerns SAP ist ein Freund von großen Referenzprojekten, "Leuchttürmen", wie er sie nennt. Um diese Leuchttürme herum könne sich eine Branche entwickeln, und sie dienten Unternehmen als Basis für weitere Geschäfte.

Deshalb wünscht sich Henning Kagermann eine viel gezieltere und vor allem koordiniertere Förderung der europäischen Softwareindustrie. Dabei gehe es nicht um Subventionen, sondern vor allem um die Förderung der Grundlagenforschung, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Klotzen statt Kleckern“

"Durch die Europäische Union und die einzelnen Länder Europas werden viel zu viele Einzelprojekte gefördert." Hier gibt es nach Kagermanns Ansicht "zahlreiche Mitnahmeeffekte. Es wäre besser, das Geld auf wenige große Kernthemen zu konzentrieren", fordert der SAP-Chef. "Klotzen statt kleckern", ist seine Devise. In diesem Zusammenhang denkt Kagermann vor allem an die Förderung der sogenannten Embedded Software. Damit sind Programme gemeint, die in Anlagen, Geräte oder Bauteile fest integriert sind, diese steuern und teilweise mechanische Teile ersetzen.

Als Beispiel nannte Kagermann den steigenden Anteil von Software in Autos und den Spezialmaschinenbau. Hier habe Europa und gerade auch Deutschland schon heute eine gute Position, auf der sich aufbauen lasse: "Wenn wir die europäischen Unternehmen hier zusammenbekommen, könnten wir wirklich etwas erreichen." Aber auch für die SAP und ihr eigenes Geschäft seien Referenzprojekte wichtig. "Sie müssen Ihre inländische Kundenliste vorführen können", sagte Kagermann, sonst könne man gegen den Wettbewerb aus dem Ausland nicht bestehen.

Ehrgeizige Wachstumspläne bei Lizenzen im Mittelstand

Der SAP-Chef räumt ein, daß die amerikanische Konkurrenz in dieser Hinsicht von ihrem großen Heimatmarkt profitiere, neugegründeten Unternehmen in Deutschland der Beginn ihrer Geschäftstätigkeit im kleineren Markt entsprechend schwerer falle. Um so wichtiger sei aber die bessere europäische Koordination der Förderung. "SAP hat von dem Zwang, sich schnell zu internationalisieren, in der weiteren Entwicklung schließlich sogar profitiert", sagt Kagermann. Referenzprojekte sind für Kagermann indes nicht nur mit Blick auf die Märkte im Ausland wichtig, sondern auch, um die deutschen Mittelstandskunden von SAP zu überzeugen.

Der Konzern sieht sich auch in diesem heftig umworbenen Kundensegment mit seinen Programmen zwar als Marktführer, gleichwohl deuten die ehrgeizigen Wachstumspläne darauf hin, daß Kagermann hier noch Potential sieht. Am Umsatz des Konzerns mit neuen Softwarelizenzen hat der Mittelstand zur Zeit einen Anteil von 31 Prozent. "Diesen Anteil wollen wir in fünf Jahren auf 40 bis 45 Prozent steigern", sagt Kagermann. Der Mittelstand brauche Software wie die großen Unternehmen, habe aber häufig keine entsprechend große IT-Abteilung, um sie auch zu bedienen. Dieser Schwierigkeit müsse sich SAP stellen, und Kagermann räumt ein, daß es beim wesentlichen Mittelstandsangebot seines Unternehmens, der Software mit dem Namen "All in One", in dieser Hinsicht Verbesserungsbedarf gibt. Eine neue, entsprechend verbesserte Version des Programms werde noch in diesem Jahr ausgeliefert, verspricht Kagermann.

Referenzprojekte als Initialzündung

Das neue Programm würde dann einer neuen Struktur folgen, die sich SAP zur besseren Adressierung des Mittelstands im Vertrieb schon gegeben hat. Die Vertriebspartner haben eine größere Verantwortung bekommen. Doch gerade bei den größeren Unternehmen möchte Kagermann mit dem eigenen Vertrieb für die Realisierung der ihm so wichtigen Referenzprojekte sorgen. So werde mit Initialzündungen ein Markt geschaffen. Sukzessive soll unter den Vertriebspartnern von SAP stärker differenziert werden, im Guten wie im Schlechten. "Es gibt noch mehr Differenzierungsmöglichkeiten als nur einen Gold-Partner", sagt Kagermann mit Blick auf ein jüngst eingeführtes Gütesiegel für seine Vertriebspartner.

In einer Zeit, in der die Zahl der Unternehmenszusammenschlüsse durch Übernahmen wieder stark steigt, wird nach Meinung von Kagermann oft übersehen, wie sehr die Informationstechnologie auch als Instrument zur schnelleren Integration der jeweiligen Gesellschaften genutzt werden könne. Als erstes werde die IT vereinheitlicht, dann sind die Prozesse gleich und alle haben dieselbe Datenbasis, erklärt er. Das gelte für große Konzerne wie für den Mittelstand gleichermaßen. "Ohne die Informationstechnologie wäre auch die zügige Expansion der deutschen Mittelständler nach Osteuropa überhaupt nicht möglich gewesen", glaubt Kagermann. Nur so sei eine Steuerung der verlagerten Produktionsstätten durch die Zentrale möglich.

Hochtechnologie-Unternehmen von staatlichen KIlammern befreien

Von der deutschen Politik wünscht sich Kagermann eine besondere Behandlung der Unternehmen der Hochtechnologie - allerdings nicht in Form staatlicher Förderprogramme oder Steuererleichterungen. Vielmehr geht es ihm um das Ende von Auflagen, die die Freiheit nicht zuletzt der qualifizierten Mitarbeiter seines Unternehmens einschränken. Es gelte, staatliche Klammern loszuwerden. "Unsere Mitarbeiter sind mündig. Die können selbst am besten bestimmen, wieviel sie leisten und wie lange sie arbeiten wollen." Das sollte ihnen nicht von einem Gesetz vorgeschrieben werden, sagte Kagermann. "Wir wollen am liebsten in Ruhe gelassen werden, man soll uns unsere Arbeit machen lassen." Zur Diskussion um einen Betriebsrat bei SAP wollte Kagermann keine Stellung nehmen. Die Höhe der Löhne und der Lohnnebenkosten sei in der Softwarebranche kein entscheidendes Problem: "Wenn wir schon sagen würden, die Gehälter sind zu hoch, dann stimmt etwas nicht."

Text: Kno./mir., F.A.Z., 09.03.2006, Nr. 58 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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