23. März 2004 Die Verbraucher in Ost- und in Westdeutschland haben auch dreizehn Jahre nach der Wiedervereinigung völlig unterschiedliche Präferenzen. Während die Menschen im Westen an Maggi hängen, bevorzugen die Ostdeutschen Nudeln von Riesa. Was dem Westdeutschen sein Gerolsteiner, ist dem Ostdeutschen sein Lichtenauer. Gewaschen wird im Westen mit Persil und geputzt mit Mitteln von Frosch, während die Ost-Haushalte Spee und Fit bevorzugen.
"Sage mir, was du ißt oder trinkst, und ich sage dir, aus welchem Teil Deutschlands du kommst" - nach diesem Motto lasse sich immer noch eine klare Grenzlinie ziehen, heißt es bei Reader's Digest. Dieses Fazit ist eines der Ergebnisse der europaweiten Verbraucherstudie "Reader's Digest European Trusted Brands", die jährlich von der nach eigenen Angaben meistgelesenen Zeitschrift der Welt durchgeführt wird.
In den Monaten September bis November 2003 wurden für diese Studie 30 000 Menschen in Europa befragt, davon 8100 in Deutschland. Die Ergebnisse seien repräsentativ zur jeweiligen Altersstruktur der Bevölkerung ermittelt worden, teilte Reader's Digest am Deutschland-Sitz in Stuttgart mit.
Wohlstandsgefälle spielt eine deutliche Rolle
Bei der Entscheidung, welche Marke in einer Produktkategorie die vertrauenswürdigste sei, spielt ganz offenbar nicht nur die Tradition, sondern auch das Wohlstandsgefälle eine deutliche Rolle. Im Westen erhielt Mercedes die meisten Stimmen bei der Vertrauensfrage, in Ostdeutschland dagegen Volkswagen. Und während die Westdeutschen für Hugo Boss als vertrauenswürdigste Bekleidungsmarke stimmten, kam in Ostdeutschland C & A auf Rang eins. In beiden Fällen sind die Präferenzen der Ostdeutschen so eindeutig, daß die im niedrigeren Preissegment angesiedelten Marken die Liste für ganz Deutschland anführen.
Das gilt auch für Sekt, wo die ostdeutsche Traditionsmarke Rotkäppchen bei der bundesweiten Betrachtung mit 32 Prozent der Stimmen eindeutig die Nase vorn hat, während Mumm, die in Westdeutschland beliebteste Marke, bundesweit nur auf 15 Prozent kommt. Das Beispiel zeigt indes, daß manche Konzerne die Meinungsunterschiede zwischen Ost und West gut für eine Mehr-Marken-Strategie nutzen können: Mumm gehört mittlerweile zu Rotkäppchen. Ähnlich ist es bei Milchprodukten. In dieser Kategorie genießt Sachsenmilch das meiste Vertrauen bei den Ostdeutschen, während die Westdeutschen auf Müller setzen. Beide Marken gehören zur Unternehmensgruppe Theo Müller aus dem bayerischen Aretsried.
Nivea avanciert zum erfolgreisten deutschen Produkt
Im Finanzbereich sowie bei den High-Tech-Firmen sind die Ost-West-Unterschiede kaum noch vorhanden. Die Sparkasse ist (mit insgesamt 40 Prozent der Stimmen) im Osten wie im Westen Sieger bei den Banken, und bei den Versicherungen genießt die Allianz bundesweit das Vertrauen (26 Prozent aller Nennungen). Bei Mobiltelefonen führt Nokia mit 50 Prozent aller Stimmen.
Nokia ist auch europaweit Sieger: Der Handyproduzent ist in allen 14 untersuchten Ländern zum vertrauenswürdigsten Anbieter in seiner Produktkategorie gewählt worden. Der Kreditkartenanbieter Visa schaffte das in 13 Ländern. Immerhin 11 Spitzenplätze europaweit kassierte die Hautpflegemarke Nivea, die damit zum erfolgreichsten deutschen Produkt avancierte. Unter den Autoherstellern nimmt Mercedes in Spanien, Portugal, Polen und Rußland den ersten Platz ein, während Volkswagen außer in Deutschland auch in Österreich, der Schweiz und Belgien auf Rang eins kommt. Opel liegt in Ungarn und den Niederlanden ganz vorn. In Frankreich vertraut man auf Renault, in Tschechien auf die heimische Marke Skoda.
Aldi in der Gunst der Verbraucher oben
Die großen Marken der Konsumgüter-Hersteller hätten das Vertrauen der Konsumenten nicht gepachtet, warnen die Experten von Reader's Digest. Noch nie zuvor hätten die Deutschen eine so große Vielzahl von Marken als die für sie persönlich vertrauenswürdigsten benannt. "Damit wird es selbst für Marken-Klassiker immer aufwendiger, ihre Spitzenposition auf Dauer zu halten." Das Preis-Leistungs-Verhältnis spiele dabei eine große Rolle. So sei es auch den Handelsmarken gelungen, ihren Platz in der Gunst der Verbraucher zu erobern, allen voran Aldi.
Der Discounter bekam bei der erstmals erhobenen Kategorie Handelsunternehmen 22 Prozent der Verbraucherstimmen, gefolgt von Edeka mit 11 Prozent und Lidl mit 8 Prozent. Die Konsumenten wüßten längst, daß auch hier "Markenprodukte" mit im Regal angeboten würden, heißt es in der Studie. Selbst die mit einem Handelslabel gekennzeichneten Angebote könnten sie überzeugen.
Text: sup., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2004, Nr. 70 / Seite 18
Bildmaterial: dpa, Edeka, ZB
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