12. Dezember 2005 Letztlich sind die südkoreanischen Reisbauern an allem schuld. Noch hat sie zwar niemand im gut 2000 Kilometer von Korea entfernten Hongkong erspäht, doch heizen die Zeitungen mit der Kunde von der Ankunft einer auf Gefechtsstärke angeschwollenen Bauernarmee die Stimmung an. Seit Montag abend aber wären selbst wütende Bauern chancenlos: Die Welthandelsorganisation (WTO) hat sich eingeigelt im Konferenzzentrum von Hongkong. 5800 Delegierte aus 149 Ländern verhandeln hier bis zum Sonntag die Globalisierung. Sie tagen hinter drei Meter hohen, einbetonierten Stahlgittern, hinter Glas, mit schweren Netzen vor Steinewerfern geschützt, und über zugeschweißten Gullys. Behütet werden sie von 9000 Polizisten, beobachtet von 3207 Journalisten, beargwöhnt von 2167 Vertretern von Nichtregierungsorganisationen. "Dies ist das größte Ereignis, das Hongkong seit der Rückgabe an China im Sommer 1997 erlebt hat", heißt es bei der Stadtverwaltung.
Bislang war der Verteidigungskordon nicht nötig. Die Demonstrationen wirkten wie die Love Parade, farbenfroh und friedlich. Im vorweihnachtlich erstrahlenden Hongkong erscheint Seattle, wo es zur "Schlacht" der Globalisierungsgegner mit der Polizei gekommen war, weit weg. Am Tag vor der Eröffnung der Konferenz bemühten sich alle um Ausgleich und Einvernehmen. WTO-Generaldirektor Pascal Lamy ("Ich muß meine Worte abwägen, meine Dienstherren sind 149 Regierungen") trat bei den Gewerkschaften auf. "Unter dem Strich schafft die Öffnung des Handels Arbeitsplätze. Aber ich räume ein, dies ist abhängig von den Umständen in einzelnen Ländern, von den Regierungen", sagte er. "Am Ende des Tages aber ist freier Handel ein Gewinn, denn er verbindet verschiedene Gesellschaftssysteme." Die Gewerkschafter hatten dem nicht viel entgegenzusetzen.
Hinter den Kulissen und auf der Bühne
Traditionell nutzen die Delegationen den letzten Tag vor dem eigentlichen Beginn der Konferenz, um Positionen abzustecken, hinter den Kulissen den Druck aufeinander zu erhöhen, auf der Bühne aber jedem aufkommenden Eindruck von Sturheit entgegenzutreten. Deshalb sprechen sie medienwirksam mit Globalisierungskritikern. Die Europäer informierten über den Abbau ihrer Agrarzölle. Das schien Stunden vor Beginn der Konferenz dringend geboten, denn, so heißt es in der offiziellen Broschüre der Agrarkommissarin: "Unsere Handelspartner verstehen nicht, wie weit die EU in ihrem Angebot gegangen ist." Wichtig ist den Europäern aber auch ihre Offerte eines Hilfspaketes für die ärmsten Länder. Ein solches Hilfsangebot offiziell auf die Agenda zu setzen "würde den Verhandlungen ein menschliches Antlitz verleihen", sagte Peter Mandelson, Handelskommissar der EU. Hören indes wollte darüber kaum jemand etwas - die armen Länder informierten unglücklicherweise zeitgleich über ihre Pläne.
Dieser Köder schmeckt dem Fisch ohnehin nicht. "Sollte die EU ihr Angebot zu den landwirtschaftlichen Produkten nicht grundlegend verbessern, wird es keine erfolgreiche Handelsrunde geben", warnte der brasilianische Außenminister Celso Amorim. Sein Land ist, gemeinsam mit Indien, die selbsternannte Schutzmacht von 20 Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Warnung von Amorim macht indes niemanden schaudern. Denn längst scheint klar, daß die Konferenz den Welthandel wohl kaum befreien wird. EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel umriß die heruntergefahrenen Ansprüche: "Es muß hier eine Vereinbarung erzielt werden, die Verhandlungen über einen freieren Welthandel binnen sechs Monaten abzuschließen", sagte sie. Mandelson formulierte es direkter: "Ein Durchbruch ist unmöglich." Helfen kann da selbst der Chairman der Veranstaltung nicht. "Landwirtschaft kenne ich eigentlich nur vom Essen", bekannte Hongkongs Handelsminister John Tsang. "Aber solange die Leute noch miteinander sprechen, stirbt die Hoffnung nicht."
Text: che., F.A.Z., 13.12.2005, Nr. 290 / Seite 12
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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