Sportartikel

Mit zwei Stöcken der Konsumflaute entkommen

Von Henning Peitsmeier

Der neue Trendsport: Nordic Walking

Der neue Trendsport: Nordic Walking

27. Juni 2004 Der "Nordic Trigger" ist eine echte Innovation. Behauptet zumindest die Werbung. Es geht um "bestmögliche Kraftübertragung", um die "ergonomisch richtige Handhaltung", um ein "per Rasterverschluß" perfektioniertes "System". "Gymnastikübungen und Naseputzen sind kein Problem mehr", verspricht der Hersteller, die Leki Lenhart GmbH in Kirchheim/Teck. Dabei ist der Nordic Trigger eigentlich nichts anderes als ein Wanderstock. Nur geht heutzutage niemand mehr wandern. Die Masse walkt oder trekkt. Und dafür braucht es Stöcke, die mindestens 50 Euro kosten.

Nordic Walking heißt die neueste Trendsportart. Sie ist das beherrschende Thema auf der am kommenden Sonntag beginnenden Fachmesse Ispo. "Nordic Walking hat das Potential, eine Massenbewegung zu werden, so wie Inline-Skating und Snowboarding in den neunziger Jahren", sagt Peter Knoll, Ispo-Projektleiter der Messe München. In Deutschland laufen heutzutage rund 17 Millionen Menschen. Bei Volksläufen werden jedes Jahr fast 1,5 Millionen Teilnehmer registriert.

Nicht so intensiv wie Jogging

Sie könnten demnächst mit zwei Stöcken in der Hand zum Nordic Walking überlaufen. Hofft die Sportindustrie. Nordic Walking ist nach einer GFK-Studie immerhin schon 56 Prozent der Bevölkerung bekannt. Turnvereine, Sportgeschäfte und Krankenkassen veranstalten bereits Walking-Treffs und Kurse bis hin zu Nordic-Walking-Festivals. Der Vorteil der nordischen Trendsportart: Nordic Walking ist nicht so intensiv wie Jogging, kann von allen Altersschichten zu jeder Jahreszeit ausgeübt werden, und der Frauenanteil ist relativ hoch - entscheidend für den Umsatz mit modischen Accessoires.

Hersteller und Handel wittern ein großes Geschäft. "Im vorigen Jahr wurden 250.000 Paar Stöcke in Deutschland verkauft, in diesem Jahr werden es 700.000 sein", sagt eine Sprecherin der Firma Leki. Das kleine schwäbische Familienunternehmen will noch mehr Modelle auf den Markt bringen, die Produktion in Tschechien sei gut ausgelastet, heißt es. Auch andere Hersteller berichten vom "Nordic-Boom", der auf die finnische Firma Exel zurückgeführt wird.

Sport im Alltag

Adidas, Lowa oder New Balance haben schon eigene Schuhe entwickelt, Reebok, Asics oder Löffler stellen auf der Ispo die passende Nordic-Kollektion vor. Und auch der Handel zieht mit. In den Großstädten eröffnen Fachgeschäfte, die großen Kaufhäuser richten in ihren Sportabteilungen eigene Nordic-Fitness-Ecken ein. Wie lange der erwartete Boom anhalten kann, ist ungewiß. Gerade bei Trendsportarten ist nichts so beständig wie der Wandel.

Trendforscher haben mittlerweile ein gesellschaftliches Phänomen ausgemacht. Die Menschen werden immer dicker, und mit der Fettleibigkeit wächst der Konsum an Sportartikeln: Wer unsportlich ist, will wenigstens sportlich aussehen. Auch dafür hat die Sportartikelindustrie die passenden Produkte. Puma begreift sich als Lifestyle-Marke, profitiert von konsumfreudigen jungen Käuferinnen. Adidas, der Wettbewerber aus Herzogenaurach, hat eine eigene Yamamoto-Kollektion, die ohne die drei Streifen auskommt. Und selbstverständlich bieten immer mehr Modehersteller Sportkollektionen an.

"Sportbekleidung wird zur Alltagsbekleidung", sagt Ispo-Chef Knoll. Das Potential sieht er noch nicht erschöpft. "In Amerika sind die Pro-Kopf-Ausgaben für Sportbekleidung doppelt so hoch wie hierzulande." Die Ispo in München sieht sich in einem ansonsten trüben Messeumfeld bestätigt. Die vergangene Winter-Ispo lieferte, wie Knoll sagt, "sensationelle Zahlen": Die Zahl der Aussteller nahm um 15 Prozent zu, die der Besucher um 20 Prozent. "Die Ispo war die einzige Konsumgütermesse, die eine klare Aufwärtsbewegung gezeigt hat."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.06.2004, Nr. 26 / Seite 32
Bildmaterial: dpa, medi Bayreuth, Techniker Krankenkasse, ZB

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