Türkei

Die zwei Gesichter der türkischen Wirtschaft

04. Oktober 2004 Der Fortschrittsbericht, den die EU am Mittwoch zur Türkei vorlegen wird, wird im Lob für die wirtschaftliche Entwicklung kaum hinter dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückstehen. Seit der Krise vom Frühjahr 2001 ist die Türkei zum Musterschüler des IWF aufgerückt. Vor drei Jahren hatte der IWF die Türkei mit einem schweren Beistandskredit vor dem Staatsbankrott gerettet. Die Auflagen verlangten, was auch die EU von ihrem Beitrittskandidaten fordert: mehr Marktwirtschaft, weniger Einfluß der Politik auf die Wirtschaft und eine größere Wettbewerbsfähigkeit.

Die vom IWF erzwungenen Reformen haben eine Jahrzehnte dauernde Volatilität beendet, die nicht zuletzt ausländische Direktinvestoren von der Türkei ferngehalten hat. Mit dem Einziehen einer Brandmauer haben die Reformen einen weiteren Zugriff der Politik auf die Wirtschaft verhindert - etwa mit einem transparenten Ausschreibungswesen und der Beschneidung der Subventionen, mit der Unabhängigkeit der Zentralbank und dem Ende billiger Kredite von Staatsbanken an Freunde. Heute können sich die Politiker mit der Verteilung von Ressourcen nicht mehr Loyalitäten erkaufen.

Rasche und dramatische Veränderungen der Wirtschaft - Risiken bleiben

Die Ergebnisse dieses Einschnitts können sich sehen lassen: Die Wirtschaft wächst seit 2002 mit Raten zwischen 5 und 8 Prozent, die Verschuldung des Staats ist seit 2001 von 94 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 70 Prozent zurückgegangen, die Neuverschuldung des Staats von 21 Prozent am BIP auf 7 Prozent, und die Inflation ist mit zuletzt weniger als 10 Prozent so niedrig wie seit dreißig Jahren nicht. Die Reformen und die Konsolidierung der Staatsfinanzen haben die Wirtschaft rasch und dramatisch verändert.

Risiken aber bleiben. Denn die türkische Wirtschaft zeigt ein doppeltes Gesicht. Ein moderner Teil ist wettbewerbsfähig und in die Weltwirtschaft integriert. Der Export wird 2004 auf 60 Milliarden Dollar zunehmen, das sind mehr als doppelt soviel wie noch 2000 und ein Fünftel der Wirtschaftsleistung. Auf der anderen Seite ist mehr als die Hälfte der Erwerbsbevölkerung von der modernen Wirtschaft ausgeschlossen. So beschäftigt die Landwirtschaft zwar ein Drittel der Erwerbsbevölkerung, trägt aber nur 12 Prozent zum BIP bei.

Offene Fragen beim Schutz des geistigen Eigentums

Die IWF-Reformen haben die Entwicklung der türkischen Wirtschaft angestoßen. Doch hatte die Zollunion mit der EU aber bereits 1996 den Wettbewerbsdruck auf die einheimischen Betriebe erhöht. Diese investierten in die Modernisierung ihrer Anlagen, und so blieb die erwartete Pleitewelle aus. Zunächst durften in einer Übergangsfrist Zollschranken bis 2000 Branchen wie Automobile und Lederwaren schützen. Am 1. Januar 2001 mußte die Türkei gegenüber der EU aber alle Zolltarife beseitigen sowie gegenüber Drittstaaten den Harmonisierten Zolltarif und alle Handelsvereinbarungen der EU übernehmen.

Die Türkei hat den größten Teil der Wirtschaftsgesetzgebung der EU übernommen. Verpflichtungen zum Schutz des geistigen Eigentums hat sie indes noch nicht vollständig umgesetzt. Die internationale pharmazeutische Industrie hat deshalb vor einem Jahr in Brüssel ein Verfahren gegen die Türkei eingeleitet. Sie klagte, weil vertrauliche Daten, die bei der Registrierung eines Produkts eingereicht werden müssen, nicht genügend geschützt seien. Andererseits hat die Türkei parallel zur Übernahme von EU-Recht allein im vergangenen Jahr mehrere beanstandete Praktiken aufgegeben, mit der sie ausländische Hersteller gegenüber lokalen Pharmazieunternehmen diskriminiert hatte.

Industrie: Arbeitsproduktivität um 35 Prozent gesteigert

Mit der Gewöhnung an den Wettbewerb tut sich die pharmazeutische Industrie der Türkei schwerer als andere Branchen. Eine Erfolgsgeschichte ist dagegen die Entwicklung der gesamten türkischen Industrie. In den vergangenen drei Jahren steigerte sie die Arbeitsproduktivität um 35 Prozent. Ihre Spitzenstellung im Export haben die Branchen Textilien und Bekleidung mit hohen Investitionen behauptet. 1990 hatten sie, meist mit billigen T-Shirts, 38 Prozent zur Ausfuhr beigetragen. Im vergangenen Jahr waren es 33 Prozent. Rechtzeitig hatten die Unternehmen eigene Marken und Modelinien kreiert, die sie nun in Europa, Nordamerika und Japan vermarkten. Neu ist der Erfolg der Automobilbranche. 17 Unternehmen, meist mit ausländischer Kapitalbeteiligung, stellen Kraftfahrzeuge her und mehr als 700 Firmen die Teile dazu. 2003 war die Türkei in der Rangliste der Autohersteller auf Platz 20 gerückt, zwei Drittel der Produktion von 560.000 Stück gehen in den Export, vor allem in die EU.

Erweitert wird der Spielraum der Industrie, weil mit der Konsolidierung der Staatsfinanzen die Zinsen steil fallen und die Restrukturierung der Bankenbranche Früchte trägt. Seit langem kommen die Unternehmen wieder in den Genuß von Krediten. Noch erreicht der Anteil der Firmenkredite erst 13 Prozent am BIP. Die türkischen Banken schneiden bei den gängigen Effizienzkriterien nicht schlechter ab als der Durchschnitt in der EU. Bei der Entwicklung neuer Finanzinstrumente aber hinken sie hinterher. Eine der Lokomotiven der Wirtschaft ist weiter der Tourismus. Im Jahr 2000 trug er 3,8 Prozent zum BIP bei, in diesem Jahr werden es 4,7 Prozent sein.

Schwachstelle Landwirtschaft - West-Ost-Gefälle

Die große Schwachstelle bleibt die Landwirtschaft. Die Reformen der letzten Jahre haben deren Subventionierung zwar auf 4 Prozent am BIP halbiert. Das ist immer noch doppelt soviel wie im Durchschnitt der OECD-Staaten, in denen indes auch weniger Personen von der Landwirtschaft abhängig sind. Der Anteil der Landwirtschaft an der Erwerbsbevölkerung liegt in der Türkei mit 33 Prozent zwischen dem in Polen (20 Prozent) und dem in Rumänien (40 Prozent). Die Hälfte sind unbezahlte Familienangehörige, ein Viertel aller Beschäftigten ist Analphabet oder hat keine Schulbildung. Andererseits ist die Türkei der einzige EU-Kandidat, der mit den alten EU-Staaten im Agrarhandel einen Überschuß erzielt.

Da sich die Industrie auf den Westen der Türkei konzentriert und das weite Anatolien agrarisch geprägt ist, bleibt das dramatische West-Ost-Gefälle ein weiterer Schwachpunkt. Die Region Istanbul kommt immerhin auf 41 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der EU-15, der Osten Anatoliens aber auf 7 Prozent.

Positiver Faktor: Bevölkerungszuwachs

Für die Türkei prognostiziert eine Studie des Brüsseler "Centre for European Policy Studies" ein langfristiges Wachstum des Einkommens je Einwohner zwischen 3 und 6 Prozent. Damit sei eine rasche Konvergenz zum EU-Durchschnitt möglich, heißt es. Als positive Faktoren nennen die Forscher den Bevölkerungszuwachs, die Aufnahme von Beschäftigten der Landwirtschaft in produktivere Branchen und den Technologietransfer, der mit einem - nach Aufnahme von Beitrittsverhandlungen erwarteten - Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen auf 3 bis 4 Prozent am BIP verknüpft ist. Die Studie schließt mit der Wertung, daß die Türkei im Vergleich zu den EU-Staaten zwar arm sei, wie andere Länder an der europäischen Peripherie aber dynamischer als das Kerneuropa.

Die Reformen in der Türkei haben einen weiteren Zugriff der Politik auf die Wirtschaft verhindert. Heute können sich die Politiker mit der Verteilung von Ressourcen nicht mehr Loyalitäten erkaufen.

Text: Her., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 14
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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