Von Johannes Winkelhage
31. August 2005 Als sich Microsoft-Gründer Bill Gates in den neunziger Jahren ein neues Haus baute, rankten sich schnell Gerüchte um die sagenhafte technische Ausstattung des Gebäudes. Eine totale Vernetzung der elektrischen Geräte - von der Musikanlage mit einem riesigen Musikspeicher bis zum Kühlschrank und zur Heizung - sei das Ziel gewesen, hieß es damals. Natürlich gehörte auch ein drahtloser Internetzugang zu den Ausstattungsmerkmalen des neuen Domizils. Die Welt blickte voller Neid auf die Möglichkeiten, die offenbar für viel Geld zu kaufen waren.
Heute schielen zwar noch immer manche neidisch auf den Reichtum von Bill Gates, das vernetzte Haus aber ist inzwischen sehr viel billiger zu haben. So hat die Deutsche Telekom in Berlin ein Fertighaus von der Stange mit Netzwerktechnik zu einem Demonstrationsobjekt für das "Digitale Heim" ausgebaut.
Das vernetzte Haus wird Realität
Auf den Ständen der Internationalen Funkausstellung (Ifa), die am kommenden Freitag ihre Tore öffnet, sind Anwendungen zu bestaunen, die zeigen, daß das vernetzte Haus nach mehreren Anläufen jetzt Realität wird. Dazu haben in den vergangenen Jahren eine Reihe unterschiedlicher Entwicklungen beigetragen, und auch die zunehmende Verbreitung von Inhalten über den Internet-Breitbandzugang zum Haushalt ist einer der Treiber.
Der DSL-Anschluß übernimmt den Transport der Inhalte in das digitale Haus, die dann dort über das Heimnetzwerk verteilt werden. Mit steigenden DSL-Bandbreiten ist es künftig auch möglich, Filme auf Abruf in den Haushalt zu übertragen. Jeder kann sich dann auf dieser Basis - gegen Bezahlung natürlich - sein eigenes Fernsehprogramm zusammenstellen. Solche Angebote wurden schon in der ersten Welle der Internetanwendungen entwickelt. Sie scheiterten allerdings immer wieder an den damals zu geringen Bandbreiten der Internetzugänge.
Abrufbar aus jeder Steckdose
Ein wesentlicher Treiber für die neue Popularität des vernetzten Hauses ist die Digitalisierung der Inhalte der Unterhaltungsindustrie. Neue Kompressionsverfahren haben dazu geführt, daß die zu übertragenden Datenmengen auf ein erträgliches Maß zusammengeschrumpft sind. Egal, ob sie aus dem Internet heruntergeladen oder nur im Haus verteilt werden sollen. Bestes Beispiel dafür ist das inzwischen allseits bekannte MP3-Format für Musikstücke, das deren Datenvolumen auf einen Bruchteil reduziert, ohne einen deutlich spürbaren Qualitätsverlust hinnehmen zu müssen. Ebensolche Verfahren zur effizienten Datenreduktion gibt es auch für Videoaufnahmen. Inzwischen kommen auch Radioprogramme und künftig auch das Fernsehen digital ins Haus.
Neben den neuen Datenformaten hat in jüngster Zeit aber auch die Netzwerktechnik deutliche Fortschritte gemacht. So hat sich zum Beispiel die Datenübertragung über die Stromleitungen besser entwickelt als zunächst angenommen. Hierbei werden die Daten über die schon installierte Elektrik im Haushalt verteilt und können an jeder Steckdose abgerufen werden. Notwendig sind nur zwei kleine Adapter an den Übergabestellen. Die Übertragungsraten sind sowohl für die Verteilung von Video- als auch für Musikdaten ausreichend. Der Stromzähler der Wohnung oder des Hauses dient als natürliche Sperre nach außen, damit kein anderer in das private Heimnetz eindringen kann.
Preiswerte Standards nutzen
Damit werden die Schwierigkeiten behoben, die sich dem Nutzer bisher in den Weg gestellt haben, wenn er nicht gewillt war, die Wände aufzustemmen, um neue Datenkabel zu verlegen. So hatten zum Beispiel die drahtlosen Netzwerke bisher das Problem, daß eine Stahlbetondecke zwischen den Geschossen eines Hauses meistens ausreichte, um das Signal so weit zu reduzieren, daß das Netzwerk im Dachgeschoß noch nicht einmal zum Surfen im Internet taugte.
Die jetzt zur Verfügung stehenden Möglichkeiten haben inzwischen auch das konkrete Interesse der Nutzer geweckt. So gehen die Marktbeobachter der britischen Datamonitor davon aus, daß im Jahr 2009 rund 23 Millionen europäische Haushalte auf die interne Vernetzung ihrer Geräte setzen werden. Sie erwarten, daß vor allem Computerhersteller und auch die Anbieter von Unterhaltungselektronik in den kommenden 18 Monaten entsprechend einfache Geräte zur Verfügung stellen werden. Dabei rechnen die Fachleute damit, daß die Hersteller der Unterhaltungselektronik die preiswerten Standards der Computerindustrie nutzen werden, um ihre Geräte miteinander zu verbinden. So kann man schon während der jetzt beginnenden Ifa immer mehr Geräte entdecken, die auf der Rückseite eine Ethernet-Schnittstelle besitzen. Diese Netzwerktechnik ist der übergreifende Standard für die Vernetzung von Computern in Unternehmen und erobert jetzt auch den Haushalt.
Bilder, Filme oder auch das Musikarchiv
So verbunden, können die Geräte untereinander kommunizieren und vor allem auf eine einheitliche Datenbasis zugreifen. In diesem Fall müssen die Daten wie Bilder, Filme oder auch das Musikarchiv nur einmal im Haus an zentraler Stelle gespeichert werden. Von dort werden sie abgerufen und über die schnellen Leitungen zum jeweiligen Ausgabegerät wie dem Fernseher oder der Stereoanlage transportiert. Als Speicherort dient entweder ein Computer oder einer der neuen und auf der Ifa sehr präsenten DVD-Rekorder mit Festplatte.
Diese Geräte gehören zu den Ifa-Highlights und werden jetzt mit Festplattengrößen angeboten, die denen von Computern in nichts nachstehen. Der Absatz dieser Geräte soll sich nach Berechnungen der Gesellschaft für Konsumforschung in diesem Jahr auf 200000 Stück mehr als verdoppeln. Der Absatz der reinen DVD-Rekorder soll mit gleicher Wachstumsrate auf 1,4 Millionen steigen. Ähnliche Zuwächse werden auch in den folgenden Jahren erwartet.
Ein Stück vom Kuchen sichern
Diese Geräte haben nach Ansicht des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Gartner das Potential, dem Computer als Datenspeicher und Steuerzentrale des vernetzten Hauses den Rang streitig zu machen. Gartner begründet dies unter anderem mit Kostenvorteilen dieser Geräte. So seien die Komponenten eines Personalcomputers in der Summe um rund 86 Prozent teurer als die des DVD-Rekorders.
Aber nicht nur die Hersteller der Endgeräte wollen sich ein Stück von dem Kuchen sichern, den es beim Thema digitales Haus zu verteilen gilt. Auch der Softwarekonzern Microsoft und der Chiphersteller Intel haben ihre Produkte in Stellung gebracht. Intel hat jüngst eine eigene Chip-Plattform für den Einsatz in Geräten der Unterhaltungselektronik vorgestellt, und Microsoft würde gerne mit seiner Multimedia-Software Windows Media Center die Steuerung der einzelnen Geräte im digitalen Zuhause übernehmen. Dies dürfte im Haus von Bill Gates sicherlich schon der Fall sein.
Text: F.A.Z. vom 1.9.2005
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
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