Energie

Der deutsche Kernkraftausstieg ist kein Exportschlager

Von Werner Sturbeck

02. September 2004 In Deutschland beginnt die Planung für die Stromversorgung der kommenden Generationen. Die Erneuerung der in die Jahre kommenden, mit fossiler Primärenergie befeuerten Kraftwerke rückt näher. Zudem muß ein Ersatz für die Kernkraftwerke geschaffen werden. Die noch laufenden 18 Reaktoren steuern zur gesamten Kraftwerksleistung von rund 100.000 Megawatt gut 20 Prozent bei. 2003 haben diese Anlagen einschließlich des zwischenzeitlich außer Betrieb genommenen Kraftwerks Stade im Rund-um-die-Uhr-Betrieb fast 32 Prozent des allgemeinen Stromverbrauchs gedeckt.

Bis Ende des nächsten Jahrzehnts müssen 40 bis 50 Prozent der Kraftwerkskapazität ersetzt werden. Das wird aus heutiger Sicht - allen Anstrengungen mit Wind-, Solarenergie und Biomasse zum Trotz - vor allem durch den Neubau von Kohle- und Erdgaskraftwerken geschehen. Denn wegen des Ausstiegsbeschlusses aus dem Jahr 2000 spielt Kernenergie in der Kapazitätsplanung der führenden Stromproduzenten keine Rolle. Eine Studie des Beirats der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen" aus dem Jahr 2003 besagt, daß keine neuen Kernkraftwerke mehr genehmigt und bis 2050 sämtliche Anlagen in der Welt abgeschaltet werden sollten.

Im Ausland steht Renaissance der Kernkraft bevor

Solche Einschätzungen taugen freilich nicht als Exportschlager. Vielmehr steht die Kernenergie im Ausland vor einer Renaissance. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Die sich aus den Armutshäusern lösenden bevölkerungsreichen Schwellenländer benötigen immer mehr Energie als Schmierstoff für ihre Wirtschaft und für etwas mehr Komfort in der Bevölkerung. In den Industriestaaten müssen zunehmend alte Anlagen ersetzt werden. Das Potential regenerativer Energie reicht bei weitem noch nicht für diese Entwicklung aus. Eine Bedarfsdeckung allein durch Kohle und Erdgas würde auch bei einem Einsatz effizienterer Verstromungstechnik die globale Klimabelastung verschärfen. Und schließlich spielt auch die Frage der Abhängigkeit von der nach und nach abnehmenden Zahl der erdöl- und erdgasproduzierenden Staaten eine Rolle.

Die Atomenergiebehörde IAEA hat eine Prognose durchgerechnet; dabei hat sie sowohl sehr pessimistische als auch optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Das mittlere Szenario sagt bis zum Jahr 2050 eine Vervierfachung der heutigen Stromgewinnung aus Kernenergie voraus. Der World Energy Council kommt zu einer ähnlichen Schätzung. Nach der Statistik der World Nuclear Association haben Anfang 2004 in 31 Staaten 437 Kernkraftwerke mit einer Kapazität von 362.939 Megawatt Strom erzeugt. Diese nukleare Ausbeute entspricht rund 16 Prozent des global erzeugten Stroms.

Ein konkretes Projekt in Europa in der Planung

Die Länder, in denen Kernkraftwerke arbeiten, repräsentieren zwei Drittel der Weltbevölkerung. Die Kapazität der in Bau befindlichen 30 Anlagen - davon allein neun in Indien und vier in China - liegt bei gut 24.000 Megawatt. Einschließlich der im Stadium der konkreten Planung befindlichen 32 Kernkraftwerke wird sich die Kapazität in den kommenden Jahren um rund 15 Prozent erhöhen.

Zu den konkreten Projekten gehört auch das derzeit einzige europäische, der von Finnland in diesem Jahr an Framatome ANP, ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Areva, vergebene Auftrag. Dieser Europäische Druckwasserreaktor (ERP) mit 1600 Megawatt elektrischer Leistung ist in den neunziger Jahren als Kernkraftwerk der dritten Generation mit erhöhter Sicherheit und Wirtschaftlichkeit entwickelt worden. An der von Framatome und der später in diesem französischen Unternehmen aufgegangenen Siemens KWU bis zur Genehmigungsreife vorangetriebenen Arbeit haben sich auch große deutsche Energieversorgungsunternehmen finanziell beteiligt.

Die meisten Projekte in Asien

An den meisten Projekten wird gegenwärtig in Asien gearbeitet. So setzt Japan bei der Erfüllung seiner Zusagen zum Kyoto-Protokoll zur Begrenzung des Kohlendioxydausstoßes vollständig auf Kernenergie. Zusätzlich zu den bereits 53 laufenden und den drei in Bau befindlichen sind noch zwölf Anlagen konkret geplant. In Südkorea, wo bereits 40 Reaktoren 40 Prozent des Strombedarfs decken, befinden sich neun Kernkraftwerke in der Pipeline. Die ehrgeizigsten Programme verfolgen Indien und China. Im Reich der Mitte ist durch das seit Jahren starke Wirtschaftswachstum Strom in diesem Sommer zum Engpaßfaktor geworden. So werden in China vier weitere Kernkraftwerke konkret geplant. Auch gibt es vage Absichtserklärungen zu weiteren 22 Anlagen. In diesem Stadium befinden sich weltweit 72 Projekte, darunter 24 auf dem indischen Subkontinent.

Schweden hat sich vom Ausstieg verabschiedet

Interessant ist, was vor der Haustür geschieht, etwa die beiden Neubauten in der Ukraine oder die Ankündigung von zwölf Projekten in Rußland, Tschechien, der Slowakei und Rumänien. Spannender noch ist die Entwicklung in jenen Industriestaaten, die sich früher als Deutschland für einen "stillen" oder einen von den Parlamenten beschlossenen Ausstieg entschieden haben.

So hat sich Schweden von dem bald zwei Jahrzehnte alten Fahrplan für den Rückzug aus der Kernenergie längst verabschiedet. Weil das Land erkannt hat, daß der fehlende Strom durch regenerative Energie und Einsparungen bei weitem nicht ersetzt werden kann und eine Kompensation durch Kohle- oder Gaskraftwerke wegen der Klimabelastung unerwünscht ist, wurde die zunächst auf 25 Jahre begrenzte Laufzeit der Reaktoren auf 40 Jahre verlängert.

Auch in den Vereinigten Staaten, wo 103 Kernkraftwerke 20 Prozent des Stromverbrauchs decken, ist dieser Prozeß fortgeschritten. Für jede vierte Anlage ist bereits eine Laufzeitverlängerung von 40 auf 60 Jahre beschlossen worden. Für bis zu 50 weitere Anlagen werden Anträge vorbereitet.

Pragmatischer Weg in Deutschland noch versperrt

In Deutschland ist dieser Weg noch versperrt. Zunächst steht die Stillegung des Kraftwerks Obrigheim an. Wie der Ende vergangenen Jahres außer Betrieb genommene Reaktor in Stade befindet sich auch Obrigheim noch im guten Zustand. Aber unter der amtierenden Regierung scheint es schier unvorstellbar, daß mit Blick auf die Klimaproblematik ein pragmatischer Weg wie in Schweden oder den Vereinigten Staaten eingeschlagen wird. Großbritannien, wo im Zuge eines "stillen" Ausstiegs bereits einige ältere Reaktoren stillgelegt worden sind, ist da erheblich weiter. Dort hat Premierminister Tony Blair im Juli mit Blick auf die sich verschärfende Klimaproblematik von einer "nuklearen Option" gesprochen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2004, Nr. 204 / Seite 13
Bildmaterial: F.A.Z.

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