Silvio Berlusconi

Der Milliardär in der Politik

Von Tobias Piller, Rom

10. Mai 2008 Auch dafür kann ein Millioneneinkommen gut sein: Der Berlusconi, der im Mai 2008 seinen Amtseid schwört, sieht auf dem Fernsehschirm fast so aus wie der vom Mai 1994. Dass sich der mittlerweile 71 Jahre alte Silvio Berlusconi die "bella figura" auch mit Hilfe von kosmetischen Operationen und mit Haartransplantation zu sichern versucht, wird außerhalb Italiens, auch bei politischen Kollegen, als Zeichen von Unseriosität gewertet. Doch für einen Berlusconi liegen die Dinge viel einfacher: "Er ist der reichste Mann Italiens und hält ein Lifting für die natürlichste Sache der Welt", kommentiert eine langjährige Beobachterin von Berlusconis Leben und Politik.

Als vor vier Jahren der Ministerpräsident während des Besuchs seines Amtskollegen Tony Blair seine frisch eingepflanzte Haarpracht auch noch mit einem Kopftuch nach Piratenart verdeckte, war auch noch für Spektakel gesorgt. Und die verschönerte Optik, kommentierte Berlusconi, schulde er schließlich seinen Wählern.

Dass Silvio Berlusconi alle Konventionen des traditionellen italienischen Politikers sprengen würde, war schon klar, als er Anfang 1994 bekanntgab, er werde sich auf das Schlachtfeld der Politik begeben. Allerdings dauerte es dann nur Monate, bis der Mythos von der Tatkraft des Erfolgsunternehmers auch in der Politik entzaubert wurde. Die Erwartungen und der Enthusiasmus waren anfangs so groß, dass Italiens Börse einen Höhenflug erlebte, während überall sonst eher trübe Stimmung auf den Finanzmärkten herrschte. Zunächst wurde dem italienischen Selfmademan zugetraut, er könne mit den Methoden der Unternehmensführung auch die ewigen Schwierigkeiten des italienischen Staates und der italienischen Wirtschaft lösen.

Charismatischer Chef

Schließlich hatte Berlusconi seine Unternehmerkarriere in den sechziger Jahren ohne Geld begonnen, nur mit einer Bankbürgschaft seines Vaters, eines kleinen Bankangestellten, und war dann als Bauträger, Fernsehunternehmer und Konzernchef zum reichsten Italiener aufgestiegen. Obwohl schon der Unternehmer Berlusconi von Christdemokraten und Linken, aber auch von konkurrierenden Medien immer wieder angefeindet wurde, galt er in seinem Fininvest-Konzern als charismatischer Chef, der seine Mitarbeiter mit Motivation und nicht mit den in Italien üblichen autoritären Befehlsstrukturen führte. Die eher ungeordnete Truppe der zwei Dutzend wichtigsten Fernsehmanager wurde am Freitagnachmittag in Berlusconis Haus bestellt, zu einer Zusammenkunft, die mehr war als eine banale Konferenz, daneben auch gruppendynamische Sitzung und eine Art Familientreffen, bei dem Berlusconi immer mit seinen Witzen für Stimmung sorgte. Die Entscheidungswege waren kurz, so kurz, dass Berlusconi angeblich auch einmal im Fernsehstudio anrufen konnte und verlangte, dem Moderator eine andere Krawatte anzuziehen.

Doch nach dem Wahlsieg und dem Einzug in den Palazzo Chigi, den Amtssitz des Ministerpräsidenten, sah alles ganz anders aus. Berlusconi war plötzlich nicht mehr umgeben von treuen Gefolgsleuten, sondern von Koalitionspartnern mit ganz anderen Plänen, die ihn belauerten und seine Fehler auszunutzen verstanden. Die Witze verfehlten vor ausländischen Staatsgästen ihre Wirkung. Schließlich ließen sich im komplizierten Staatsapparat, mit wenig Macht für den Ministerpräsidenten und zwei Kammern des Parlaments langfristige Pläne oder spontane Ideen nur mühsam oder gar nicht in Fakten umsetzen. Und der bürokratische Apparat schien gar keine Lust zu haben, den Regierungschef irgendwie in seiner Arbeit zu unterstützen.

Als Berlusconi später in einer Parlamentsdebatte das Chaos im Amt des Ministerpräsidenten als Entschuldigungsgrund anführte, höhnte ein Parteiführer aus dem linken Lager, Berlusconi habe offenbar im Palazzo nicht das Steuerrad des Staatsschiffs gefunden, nur um dann wenige Monate selbst die gleiche, ernüchternde Erfahrung zu machen. Zuletzt war es vor wenigen Tagen der scheidende Ministerpräsident Romano Prodi, der im offenen Widerspruch zu seinen engsten Mitarbeitern kopfschüttelnd auf seiner Überzeugung bestand, dass es für den italienischen Ministerpräsidenten keinen funktionierenden Staatsapparat gebe.

Der politische Anfänger erwies sich als Überlebenskünstler

Berlusconi stürzte jedoch 1994 nach seinen ersten acht Monaten Amtszeit nicht aus diesem Grund, sondern weil Mailänder Staatsanwälte mit aufsehenerregenden Ermittlungen wegen angeblicher Bestechung von Steuerbeamten begonnen hatten (die viel später in einem Freispruch endeten), weil eine Million Italiener gegen eine Reform des teuren Rentensystems demonstrierten und weil seine Koalitionspartner der Lega Nord, angestachelt von einem feindlich eingestellten Staatspräsidenten, den Glauben an den langfristigen Erfolg von Berlusconi verloren und die Koalition verließen.

Doch entgegen allen Vorhersagen erwies sich danach der politische Anfänger Berlusconi als Überlebenskünstler. Die Ermittlungen der Staatsanwälte weiteten sich aus. Im Fininvest-Konzern türmten sich nach einer stürmischen Expansion bis zum Beginn der neunziger Jahre weiter die Schuldenberge. Politische Gegner hatten angekündigt, sie wollten Berlusconis Konzern zerstören, damit der stolze Unternehmer noch "an der Straßenecke um Almosen betteln muss". Schließlich stand noch eine Volksabstimmung bevor, mit der Berlusconis Fernsehen zwei der drei Fernsehkanäle verlieren sollte. Berlusconi gewann nicht nur die Volksabstimmung von 1995. Es gelang ihm auch, bis 2001 an der Spitze der Opposition zu überleben, nachdem er die Wahlen von 1996 gegen Romano Prodi verloren hatte. Dazu gehörte nicht nur wachsendes Verständnis für die politische Taktik und das dazugehörende Tagesgeschäft.

Berlusconi setzte seine strategischen Fähigkeiten aus der Unternehmerzeit ein. "Er denkt auch in der Politik immer zwei Ecken weiter als sein Gegenüber", sagt einer seiner früheren Spitzenmanager. Geholfen hat auch das Einkommen, nunmehr nicht mehr als Unternehmer, sondern als Aktionär eines Konzerns unter Führung außenstehender Manager. Damit wurde es leichter, nach der großen Enttäuschung Ende 1994, nach dem Verlust der - auf eigene Kosten aufwendig renovierten - Dienstwohnung im Palazzo Chigi für damals rund 300.000 Euro Jahresmiete den Großteil eines ähnlich großen Palazzo zu mieten und dort auch noch den nötigen Mitarbeiterstab zu beschäftigen.

Berlusconi erkannte die Lücke auf dem rechten Flügel

Diese Umstände hätten aber bei weitem nicht ausgereicht, wäre es Berlusconi nicht zuvor gelungen, mit seinem Gespür für Marketing und seinem Talent als Werbemacher die stimmenmäßig größte Partei des Landes zu schaffen und am Leben zu erhalten. Bis 1994 hatte eine Welle von Anti-Korruptions-Ermittlungen die wichtigsten traditionellen Parteien, die Christdemokraten und die Sozialisten, von der politischen Bühne gefegt, weshalb sich schon die ehemaligen Kommunisten auf ihren ersten großen Wahlsieg nach 45 Jahren Opposition freuten.

Berlusconi erkannte die Lücke auf dem rechten Flügel des Wählerspektrums, holte mit seiner Position als Gegner der traditionellen Politik zahlreiche Protestwähler zu sich und schuf nebenbei die erste moderne Volkspartei Italiens. Dafür waren Berlusconi wiederum die Strukturen seines Fernsehunternehmens nützlich. Denn für den Verkauf der Werbespots seines Fernsehunternehmens außerhalb eines dichten Filzes von Staatssender, staatlicher Telekommunikationsholding und Parteizeitungen hatte Berlusconi in ganz Italien ein dichtes Netz von Werbeverkäufern aufgebaut, das beste Dienste leistete, als innerhalb weniger Wochen die Partei mit dem - klangvollen und gesellschaftspolitisch dennoch vage bleibenden - Namen "Forza Italia" gegründet wurde. Die "Unternehmenspartei" oder "Partei aus Plastik" spotteten die Gegner mit Verweis auf die anfangs vielen Werbeverkäufer unter den Verantwortlichen, auf den Mangel an Festlegungen nach dem Muster der alten Weltanschauungsparteien, aber auch wegen des Mangels an traditionellen Parteitagen. Doch "Forza Italia" hat überlebt, und dies nicht etwa nur wegen etwaiger Eingriffe Berlusconis in die Fernsehprogramme seines Senders. Denn direkt in einem Studio anrufen und Anweisungen geben kann der Firmengründer und nunmehrige Aktionär schon lange nicht mehr. Selbst bei der zu 35 Prozent kontrollierten Fernsehgesellschaft Mediaset gilt, dass Wünsche nur sehr gefiltert und indirekt ankommen können, weil alles andere Aufsehen und Kritik erzeugen würde.

Der Erfolg lässt auch das Ego wachsen.

Für seine Erfolge hat Berlusconi immer wieder viel riskiert, manchmal nicht nur als Unternehmer, fast schon wie ein Spieler all seine Chancen auf eine Karte gesetzt und dann gewonnen. Wer die Stimme der Vorsicht von Mitarbeitern ignoriert und dann oft dennoch Erfolg hat, ist nachher noch schwerer zu beraten. Der Erfolg lässt auch das Ego wachsen. Wer kann schon von sich behaupten, aus dem Nichts einen milliardenschweren Konzern geschaffen zu haben (der Aktienbesitz allein in drei börsennotierten Unternehmen ist derzeit 4,5 Milliarden Euro wert), danach auch noch eine neue Partei, die vier Monate später nationale Parlamentswahlen gewann und Jahre später noch einmal bei zwei Wahlen triumphierte? Aus dieser Mentalität stammen dann Aussagen wie die vom Frühjahr 2006: "Nur Napoleon hat mehr geschafft!"

Der Erfolg zieht auch Höflinge an, die einen Berlusconi umschwärmen, der mitunter wie ein Sonnenkönig wirkt, mit eigenem Palazzo, Hofstaat, Airbus, Hubschrauber und natürlich den privat gekauften schwer gepanzerten Limousinen. Wer annimmt, dass Silvio Berlusconi darüber immer mehr in Isolation geraten und das Verständnis für die Nöte der Durchschnittsitaliener verlieren würde, ist bei den Wahlen von Mitte April von neuem widerlegt worden. Wie schon während der achtziger Jahre bei der Gestaltung seines privaten Fernsehprogramms hat Berlusconi auch im letzten Wahlkampf immer die Interessen und Motive der "Hausfrau aus der Provinz" vor Augen gehabt. Während die kommunistischen Parteien sich in theoretischen Forderungen ergingen, stellte Berlusconi seinen Wählern pragmatisch das Symbol vor Augen, das sie auf dem Wahlzettel wiederfinden sollten. Trieb ihn früher die Furcht davor, sein hart erarbeitetes Imperium durch Machtpolitik und Interventionen seiner Feinde wieder zu verlieren, zeigt er nun das Sendungsbewusstsein eines Politik-Profis, der seinen Platz in den Geschichtsbüchern erobern will.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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