Von Gerald Hosp, Moskau
14. August 2008 Der militärische Konflikt zwischen Georgien und Russland um Südossetien hat den Erdölpreis wider Erwarten nicht steigen lassen. Georgische Medien hatten gemeldet, dass Erdöl- und Erdgaspipelines von russischen Streitkräften bombardiert worden seien. Zwar hatte die russische Seite und die Betreibergesellschaft der Pipeline die georgischen Angaben dementiert; laut Medienberichten soll es aber Bombenkrater in der Nähe der Pipelines geben. Die Berichte über das Kriegsgeschehen im Kaukasus wurden aber offenbar überlagert von Nachrichten einer sich verlangsamenden Konjunktur in den westlichen Industriestaaten und einer sinkenden Ölnachfrage. Dennoch hat der Konflikt wieder einmal verdeutlicht, wie anfällig die Energieversorgung westlicher Länder ist.
Georgien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Transitland für Erdöl aus dem Raum des Kaspischen Meeres entwickelt, das vor allem für Europa bestimmt ist. Zudem sollen über Georgien eine Anzahl neuer Leitungen für Erdöl und Erdgas aus Zentralasien gelegt werden. Die energiepolitische Bedeutung Georgiens liegt darin, dass über ein westlich orientiertes Land Alternativrouten zu russischen Pipelines für die Energieträger aus kaukasischen und zentralasiatischen Staaten verlaufen können. Iran wird aus politischen Gründen als Transportroute ausgeschlossen.
Investoren bewerten das Risiko neu
Die russische Machtdemonstration im Kaukasus hat höchstwahrscheinlich wenig Einfluss auf den Betrieb der bestehenden Pipelines, wenn nicht gerade der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass in Georgien eine russlandfreundliche Regierung installiert wird. Die neuen Pipelineprojekte, wie die von der EU unterstützte Nabucco-Leitung oder die Transkaspische Pipeline, könnten aber durch die Ereignisse einen Rückschlag erleiden, weil Investoren eine neue Risikorechnung anstellen. Die Frage nach der Sicherheit in Georgien stellt sich auch für das Projekt, kaspisches Erdöl über die ukrainische Pipeline Odessa-Brody weiter nach Mittelosteuropa zu schicken.
Die durch Georgien führenden Pipelines wurden in der kriegerischen Auseinandersetzung offenbar nicht getroffen. Die vom Erdölkonzern British Petroleum (BP) betriebene Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC), die aserbaidschanisches Erdöl über Georgien an einen türkischen Mittelmeerhafen bringt, war schon außer Betrieb, weil in der vergangenen Woche ein Anschlag auf die Leitung verübt worden war, zu dem sich die kurdische Arbeiterpartei PKK bekannt hatte. Die Pipeline hat derzeit eine Kapazität von 1 Million Barrel Erdöl täglich, was 1 Prozent des Erdölangebots in der Welt entspricht. BP hält einen Anteil von 30,1 Prozent, die aserbaidschanische Staatsgesellschaft Socar 25 Prozent. Zudem sind Chevron, Conoco Phillips, Statoil Hydro, Eni und Total an der Leitung beteiligt.
Die Pipeline soll zukünftig auch kasachisches Erdöl befördern und zu einer Kapazität von 1,8 Millionen Barrel ausgebaut werden. Während des Konflikts wurde auf die nach langer Reparatur wieder eröffnete Pipeline Baku-Supsa, die eine Kapazität von 100.000 Barrel je Tag hat, sowie auf die Eisenbahnlinie zwischen Baku und Batumi ausgewichen. Supsa und Batumi sind georgische Erdölterminals am Schwarzen Meer. BP schloss aus Sicherheitsüberlegungen die Pipeline nach Supsa. Die georgischen Erdölverladestationen Batumi, Supsa und Kulewi sollen die Arbeit aber wiederaufgenommen haben.
Die dritte große Pipeline durch georgisches Gebiet ist die parallel zur BTC verlaufende südkaukasische Erdgas-Leitung, die von Baku über Tiflis in die türkische Stadt Erzurum führt. Derzeit hat sie eine Kapazität von 6,6 Milliarden Kubikmetern jährlich. Nach zwei Tagen Unterbrechung hat BP den Export in die Türkei am Donnerstag wiederaufgenommen. Durch den Ausfall der Erdöl- und Erdgaslieferungen entgehen Georgien und der Türkei Transitgebühren.
Auch der russisch-ukrainischen Konflikt belastet
Georgien spielt eine zentrale Rolle im kaukasisch-zentralasiatischen Energiepoker zwischen Russland, den Vereinigten Staaten und Europa. Das auf wackligen Beinen stehende Projekt Nabucco, über das Erdgas aus Zentralasien an Russland vorbei nach Europa gebracht werden soll, setzt auf den Kaukasusstaat als Transitland für turkmenisches Erdgas. Dazu muss aber auch erst eine Pipeline durch das Kaspische Meer gebaut werden, die bis jetzt nur auf Reißbrettern zu finden ist. Analytiker der russischen Investmentbank Troika Dialog sehen eine weitere Gefahr, wenn der Konflikt zwischen Russland und Georgien auch die russisch-ukrainischen Beziehungen belasten sollte. Die enge Anlehnung der Ukraine an den Westen betrachtet Russland als eine Gefährdung der eigenen Einflusssphäre. Zudem ist die Ukraine ein wichtiges Transitland für russisches Erdgas in europäische Länder. Unterbrechungen von russischen Erdgaslieferungen in die Ukraine lösten in den vergangenen Jahren in Europa heftige Diskussionen über die Energiesicherheit aus. Derzeit belastet der Streit um die russische Schwarzmeerflotte auf ukrainischem Boden die Atmosphäre zwischen beiden Staaten. Die Ukraine verschärfte die Bestimmungen für russische Kriegsschiffe in ihren Gewässern.
Das militärische Vorgehen gegen Georgien lässt die Risiken einer russischen Dominanz der Energietransitrouten wieder stärker sichtbar werden. Zudem kann auch Russland beispielsweise bei der Errichtung der Erdgaspipeline South Stream, die von Russland nach Bulgarien durch das Schwarze Meer führen soll, auf Probleme mit den Anrainerstaaten Ukraine und Türkei stoßen. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko verfolgt außerdem das Projekt White Stream, das Erdgas aus Zentralasien über Georgien in die Ukraine bringen soll. Das Projekt ist aber noch weit davon entfernt, umgesetzt zu werden.
Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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