Von Manfred Köhler
13. Mai 2008 An kraftvollen Worten fehlt es Carl Lüer nicht. Wir wollen Sauberkeit nach innen und Sauberkeit nach außen, damit man dereinst wieder von dem deutschen Kaufmann sagen kann, er habe die Welt erobert“, schrieb der neue Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Oktober 1933. Aber nicht durch rohe Waffengewalt und nicht durch jüdisches Ränkespiel und nicht durch marxistische Weltverbrüderung, sondern durch die Kraft und die Würde und die Ethik seiner Persönlichkeit und seines ehrlichen Wollens.“ So klang es, nachdem im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft auch die Frankfurter Kammer erobert worden und ihr bisheriges Präsidium am 31. März auf Druck des Gauleiters, zugleich als Zeichen des Protests, geschlossen zurückgetreten war.
Die wechselvolle Geschichte der IHK in den folgenden zwölf Jahren ist jetzt erstmals vom Historiker Dieter Rebentisch in der Festschrift skizziert worden, die aus Anlass des zweihundertjährigen Bestehens dieser Organisation im Societäts-Verlag erscheint. Es ist eine Geschichte den Nachgebens, des Opportunismus, der Anpassung, der Beihilfe zur Ausbeutung und des fehlenden Willens, an der selbst von Lüer beschworenen Ehrbarkeit festzuhalten, wie Rebentisch und der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe im Vorwort des von ihnen gemeinsam herausgegebenen Buches konstatieren.
Nicht von Anfang an ausgeliefert
Die IHK hatte sich den Nationalsozialisten nicht von Anfang an ausgeliefert. Die Frankfurter Industrie lebte vom Export, konnte also mit dem kruden Vorstellungen der Nationalsozialisten von einer Autarkie des Reiches wenig anfangen. Anfang der dreißiger Jahre hatte IHK-Präsident Otto Hauck, Teilhaber der Bank gleichen Namens, einen öffentlichen Aufruf gegen den Antisemitismus unterschrieben. Vor dem Boykott jüdischer Geschäfte durch die Nationalsozialisten am 1. April 1933 hatte die IHK diese Kaufleute eingeladen, um sie zu einem einheitlichen Vorgehen zu ermutigen.
Als allerdings ein SS-Kommando, von einem Denunzianten informiert, während dieser Sitzung den Saal stürmte, 35 Mitglieder der IHK festnahm und demonstrativ durch die Schillerstraße und an der Hauptwache vorbei zum Polizeipräsidium führte, wurden die neuen Machtverhältnisse überdeutlich. Der erst 35 Jahre alte Lüer, Parteimitglied seit 1927, der daraufhin auf Betreiben von Gauleiter Jakob Sprenger zum Nachfolger Haucks ernannt wurde, wies der Kammer einen neuen, bescheideneren Ort im nationalsozialistischen Kosmos zu; die schon damals beachtliche Behörde mit mehreren Dutzend Angestellten war nicht mehr die Stimme der Wirtschaft in einer pluralistischen, lebhaft streitenden Stadtgesellschaft wie in den zwanziger Jahren, sondern mehr und mehr ausführendes Organ in der zunehmend vom Staat gesteuerten Ökonomie, die die Nationalsozialisten sukzessive auf den Krieg vorbereiteten.
Doch auch in der Diktatur blieben der IHK Handlungsspielräume. Ihre Politik ist, wie bei vielen Organisationen dieser Zeit, nicht in einen Satz zu fassen. Rebentisch berichtet auf der einen Seite, dass die IHK einen Kreis jüdischer Börsenmakler, die ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen durften, mit Mitteln aus einem speziellen Fonds über Jahre unterstützte; einer erhielt noch bis 1942 Geld, dann wurde er deportiert. Auf der anderen Seite half IHK-Präsident Lüer selbst bei der Arisierung“ von Unternehmen, die oftmals, auch das typisch für den Nationalsozialismus, eine Mischung aus offenem Druck war, Verleumdungen und juristischen Bemühungen. Der Unternehmer Moritz James Oppenheimer, der in Frankfurt und in Kostheim Papierfabriken besaß und zudem unter anderem vier wertvolle Grundstücke im Westend, nahm sich gar das Leben, nachdem er zunächst im September 1933 wegen angeblicher Überschuldung vorübergehend verhaftet worden war, man ihm einen Konkursantrag abgepresst und schließlich der Konkursverwalter den Besitz verschleudert hatte. Parteigenossen hatten es auf das Vermögen abgesehen, Lüer hatte sich nicht bereichert, aber er hatte alles abgeschirmt, sich gar geweigert, die Ehefrau zu empfangen, die ihm einen Plan zur Schuldentilgung vorlegen wollte, er sei in Angelegenheiten von Juden nicht zu sprechen, hatte er ausrichten lassen.
Ein alter Kämpfer als Hauptgeschäftsführer
Die Frankfurter Wirtschaft litt unter dieser Verfolgung der jüdischen Geschäftsleute beträchtlich. Allein die Zahl der Banken sank von 1933 bis 1939 von 182 auf 119. Auf der Zeil musste das Kaufhaus Wronker aufgeben, nach und nach verschwanden die Geschäfte jüdischer Eigentümer, die 1934 noch ein Drittel des Einzelhandels ausgemacht hatten. Die IHK, deren Geschäftsgebiet durch Fusionen nach und nach ganz Südhessen umfasste, stand bei alledem mittendrin. Sie informierte die Stadt, welche Unternehmen arisch“ seien und welche nicht, sie war an der Arbeitsbeschaffung beteiligt, und sie feierte den ersten Spatenstich für die Reichsautobahn in Schwanheim.
1935 hatte Lüer durchgesetzt, dass mit Hermann Savelkouls ein alter Kämpfer“ Hauptgeschäftsführer wurde. Am deutlichsten wurde die Verflechtung der IHK innerhalb des mehr und mehr nationalsozialistisch geprägten Frankfurts aber am Präsidenten selbst. Der ehrgeizige Betriebswirt Lüer, seit 1934 Honorarprofessor an der Universität, sollte es 1941 gar zum Vorstandsvorsitzenden von Adam Opel in Rüsselsheim bringen, nachdem das Werk als Feindvermögen beschlagnahmt worden war. Drei Jahre zuvor war er Vorstandsmitglied der Dresdner Bank geworden, 1939 Aufsichtsratsvorsitzender der Degussa, er vertrat die NSDAP zeitweise im Römer, viele Jahre im – nun allerdings bedeutungslosen – Reichstag.
Präsident mit vielen Hüten
Der überzeugte Nazi mit Sinn für ökonomischen Pragmatismus, so die Charakterisierung Rebentischs, wurde gebraucht. Lüer hatte sich 1933/34 aggressiv bei der ,Gleichschaltung‘ und ,Arisierung‘ der Frankfurter Börse und anderer Wirtschaftseinrichtungen hervorgetan“, heißt es auch in der Studie Peter Hayes‘ über die Degussa im Nationalsozialismus von 2004. Aber 1935 hielt man ihn auf der lokalen Ebene für relativ gemäßigt im Vergleich zu anderen NS-Größen. Weil Lüer geneigt war, bei politischen Entscheidungen pragmatische Erwägungen vor idelogische zu stellen, wurde er bald für viele Unternehmer in Hessen der Nazi ihrer Wahl.“ Hayes spielt darauf an, dass Unternehmen gut beraten waren, sich Nationalsozialisten als Mittelsmänner zur Parteiorganisation in Führungspositionen zu holen. So war auch Lüer zur Degussa gekommen.
Tatsächlich gelang es ihm, den Konzern durch die Untiefen der wechselhaften Industriepolitik des Dritten Reiches“ zu steuern, wie Hayes resümiert. Sein Pragmatismus mag es auch gewesen sein, der ihn davor bewahrte, nach 1945 zur Unperson zu werden, wenngleich er nicht mehr in führender Position tätig war. Zu seinem 70. Geburtstag schrieb diese Zeitung 1967, ihm sei zu verdanken, dass seinerzeit der Einfluss der Partei auf die Institutionen der Wirtschaft weitgehend ausgeschaltet worden sei und bei der Berufung der Wirtschaftsvertreter in die Kammer sachliche Gesichtspunkte den Ausschlag gegeben hätten. Rebentisch bestätigt in der neuen Festschrift, dass die Vizepräsidenten der neuen Zeit, die etwa von den IG Farben kamen, der Degussa, der Frankfurter Niederlassung der damals noch in Berlin residierenden Deutschen Bank oder auch von Heraeus – Vizepräsident war Geschäftsführer Reinhard Heraeus selbst –, in ihrer überwiegenden Mehrzahl keineswegs Anhänger der Nationalsozialisten gewesen seien.
Das musste aber auch gar nicht sein, um die IHK in den Dienst des Dritten Reiches“ zu stellen; dazu reichten Gesetze, Verordnungen und Erlasse. So half die IHK später auch bei der Organisation der Kriegswirtschaft, die zunächst unter eklatantem Arbeitskräftemangel litt, bis Arbeitskräfte aus dem Ausland, darunter auch aus dem Osten verschleppte Zwangsarbeiter, die Männer ersetzten, die an die Front gerufen worden waren. Auch das Bild der IHK in den Kriegsjahren ist allerdings nicht mit einem Strich zu zeichnen; während die Organisation einerseits im Sinne des Regimes bestens funktionierte, versuchten andererseits 1942 und noch einmal 1943 Mitarbeiter der IHK, Juden, die in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten, vor der Deportation zu bewahren. Doch erwirkten sie, wie Rebentisch schreibt, nur einen kurzen Aufschub.
1943 ersetzten die Nationalsozialisten die IHK und die ihr schon länger übergeordnete Wirtschaftskammer Hessen ebenso wie die Handwerkskammer durch die Gauwirtschaftskammer Rhein-Main, an dessen Spitze nunmehr Hermann Gamer stand, während Lüer, der von Opel wieder in den Vorstand der Dresdner Bank gewechselt war, bekundete, fortan von Berlin aus für das Rhein-Main-Gebiet arbeiten zu wollen.
Ein Drittel Parteimitglieder
Gamer war bis dahin Gauhandwerksmeister gewesen. Mächtiger war Rebentisch zufolge der zum Gauwirtschaftsberater aufgerückte Vizepräsident Wilhelm Avieny, seit 1940 Chef der Metallgesellschaft. Auch die Gauwirtschaftskammer hatte in erster Linie ihren Teil an dem bürokratischen Wust, den der Krieg mit sich brachte, zu bewältigen. Mehr als die alte wurde die neue Kammer in die Linie gestellt. Im Frühjahr 1945 sollte jeder Dritte der 287 Beschäftigten Parteimitglied sein. Dass das Wirtschaftsleben gleichwohl nicht so uniform war, wie es auf den ersten Blick scheint, zeigt die Geschichte Gamers, der nach dem Willen Avienys in einem Willkürakt Geschäftsführer der Naxos Union werden sollte, wo sich aber Amtsinhaber Rudolf Herbst, der sich weiter den jüdischen Firmengründern verpflichtet fühlte, weder einschüchtern noch mit einem Pensionsangebot bestechen ließ, so dass es bis Kriegsende zu einer Entscheidung nicht kam.
Lüer wurde nach dem Krieg interniert, später wurde er Repräsentant einer türkischen Bank; er starb 1969. Hauptgeschäftsführer Savelkouls lebte nur bis 1946. Er war der einzige, der im Laufe der Zeit einen distanzierenden Blick gewonnen hatte; Liederlichkeit und selbst Korruption innerhalb der Kammer“ war ihm aufgefallen, und nachdem er 1941 in den Osten versetzt worden war und dort die Massenmorde an Juden erlebt hatte, vertraute er schon 1943 jemandem an, wir können den Krieg nicht mehr gewinnen, weil wir kein moralisches Recht dazu haben“. Da standen die Reihen auch in Frankfurt noch zwei Jahre fest geschlossen, die Wirtschaft lief auf Hochtouren, und die Kammer trug ihren Teil dazu bei, dass es weiter und weiter ging, bis alles in Trümmer fiel.
Text: F.A.Z.
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