Von Marcus Theurer
06. Januar 2005 Am Samstag hat Elvis Geburtstag. Wer es wirklich ernst meint mit seiner Verehrung, der kann dem King of Rock 'n' Roll" zum Siebzigsten durch Konsum Tribut zollen. Auf dem reichgedeckten Gabentisch der Elvis-Devotionalien lockt zum Beispiel ein aufwendig gearbeiteter altdeutscher Elvis-Bierkrug mit schwerem Zinndeckel. Das hätte ihm bestimmt gefallen, schließlich leistete Presley seinen Militärdienst in Germany" ab. Wem dieses Stück dennoch nicht zusagt, der findet ja vielleicht Gefallen an den wunderschönen, innen hohlen hölzernen Matrjoschka-Steckfiguren im Elvis-Style: Jedesmal, wenn man eine der Puppen öffnet, kommt ein weiterer kleiner King zum Vorschein.
Elvis lebt" - zumindest wenn es um Merchandising geht. So richtig gut geht es ihm allerdings nicht. 27 Jahre nach seinem Tod ist der King eher zum Merchandising-Monster mutiert. Gewiß, seine Musik verkauft sich auch weiterhin ordentlich. Mehr als eine Milliarde Elvis-Platten gingen seit 1954 über die Ladentische, viele davon nach seinem Tod. Doch ob Bierkrug, Bratpfanne oder der Wackel-Elvis" fürs Auto, der vor Jahren in Deutschland kurzzeitig Karriere machte - es gibt offenbar fast keinen Gegenstand auf dieser Welt, der sich mit Hilfe des Superstars nicht wenigstens ein bißchen besser verscherbeln ließe.
Der am besten verdienende tote Prominente
Ich gehe von der Annahme aus, daß ein brandheißer Künstler nicht zu oft gesehen werden sollte. Das Publikum muß nach einem Blick auf das Produkt schreien." So beschrieb Colonel" Tom Parker, Presleys genialer Manager und Vermarkter, am Anfang von dessen Karriere einmal seine Strategie, wie er den schüchternen Südstaaten-Jungen aus bettelarmen Verhältnissen zum Superstar aufbaute. Doch brandheiß" ist der King im neuen Jahrtausend eben nicht mehr. Angeblich akzeptiert der Rechteinhaber Elvis Presley Enterprises (EPE), der zu allen Elvis-Merchandising-Artikeln seinen Segen geben muß, nur zwei Prozent der Anfragen für weitere Ergänzungen des Elvis-Presley-Kitsch-Universums. Was der Welt wohl durch die anderen 98 Prozent entgeht?
Elvis ist jedenfalls auch so der profitabelste Tote der Unterhaltungsindustrie. Seit Jahren führt er die sehr amerikanische Forbes"-Liste der am besten verdienenden toten Prominenten an. Andere verblichene Superstars wie John Lennon, George Harrison oder Bob Marley landen regelmäßig abgeschlagen im Mittelfeld. Optimisten sehen dennoch Raum für weiteres Wachstum. Der amerikanische Medienunternehmer Robert Sillerman investiert viel Geld in den Presley-Kult: Mitte Dezember kaufte er dessen Tochter Lisa Marie Presley 85 Prozent der Anteile von EPE ab. Gut 100 Millionen Dollar zahlt der milliardenschwere Gründer des Konzertveranstalters SFX Entertainment einschließlich übernommener Schulden für die EPE.
Der Rundgang durch Graceland" kostet 20 Dollar
Möglicherweise wird er Elvis nun auch an die Börse bringen. Der 56 Jahre alte Sillerman hat bereits den bislang nicht genutzten Firmenmantel einer börsennotierten Gesellschaft erworben. Viele Weltregionen wie etwa Europa und Japan seien underelvised", diagnostiziert Sillerman. Er wolle die EPE international auf eine neue Ebene bringen und sie zu einer noch größeren Kraft in der Unterhaltungsindustrie machen", so schwärmt der Elvis-Investor.
Daß die Geschäfte bislang schlecht liefen, kann man nicht sagen. Der Elvis-Tourismus, an dem die EPE neben den Merchandising-Lizenzen vor allem verdient, will nicht abebben. Mehr als 600.000 zahlende Wallfahrer werden jährlich durch Graceland", den berühmten Wohnsitz der Musiklegende im amerikanischen Memphis, geschleust. Mehr Besucher zählt in den Vereinigten Staaten nur das Weiße Haus. Für einen Rundgang durch Graceland" verlangen die Nachlaßverwalter 20 Dollar.
Junge Leute für den toten King begeistern
An Presleys schier endloser Serie von Hit-Singles wie Heart Break Hotel", In the Ghetto" oder Suspicious Minds" verdient die EPE dagegen nicht mit. Diese Rechte hat der King schon zu Lebzeiten versilbert (siehe Kasten). Medienberichten zufolge erwirtschaftete die Elvis-Firma auch so im Jahr 2003 bei einem Umsatz von rund 45 Millionen Dollar einen operativen Gewinn von 12 Millionen Dollar.
Wie lange die Geldmaschine in Memphis noch auf Touren bleibt, ist dennoch ungewiß. Denn auch die Elvis-Fans kommen in die Jahre. Der King wäre heute siebzig, und viele seiner Bewunderer sind nicht viel jünger, wie das gesetzte Durchschnittsalter der Graceland"-Pilger zeigt. Um die absehbaren Lücken in den Reihen der Elvis-Jünger zu schließen, muß es der EPE gelingen, Nachwuchs zu rekrutieren. Sie muß junge Leute, die in den fünfziger Jahren - als Presley seinen Weltruhm begründete - noch gar nicht auf der Welt waren, für den toten King begeistern.
Sein erster Nummer-eins-Hit seit 25 Jahren
Die Elvis-Plattenfirma RCA, heute Teil des Musikkonzerns Sony BMG, hat die Zeichen der Zeit schon lange erkannt. Vor zwei Jahren engagierte RCA den Discjockey Tom Holkenborg, genannt JXL, für die Neuauflage einer ursprünglich mäßig erfolgreichen Elvis-Single von 1968: Die neue Version von A little less conversation" ist Presley-Puristen selbstverständlich ein Graus. Doch sie wurde sein erster Nummer-eins-Hit seit 25 Jahren.
Elvis und das Geld
Mit Elvis Presley werden noch heute Jahr für Jahr viele Millionen umgesetzt. Doch der King selber war, so berichten Biographen, alles andere als ein guter Geschäftsmann. Ihm fehlte dafür wohl schlicht das Interesse. Sein so erfolgreicher wie skrupelloser Manager Colonel" Tom Parker hatte dafür um so mehr Sinn fürs Geldverdienen. 1967, auf dem Tiefpunkt der Karriere des Stars und kurz vor dessen großem Bühnen-Comeback, schloß Parker einen neuen Vertrag mit seinem Schützling, der ihm fortan die Hälfte seiner Einnahmen sicherte. Zuvor hatte der Manager lediglich ein Viertel kassiert.
Sein wohl schlechtestes Geschäft machte Elvis jedoch 1974. Für den Spottpreis von rund 5,5 Millionen Dollar verkaufte er die Rechte an allen seinen Aufnahmen bis 1973 an seine Plattenfirma RCA. Nach Abzug von Parkers Anteil, weiterer Kosten und der Steuern sollen ihm selbst nur 750 000 Dollar geblieben sein. Auch um seinen verschwenderischen Lebensstil weiter zu finanzieren, stürzte sich der Superstar in den letzten Jahren seines Lebens in einen mörderischen Bühnenmarathon: In den siebziger Jahren spielte er im Schnitt mehr als hundert Konzerte jährlich. Zusätzlich verpflichtete ihn sein Plattenvertrag, jährlich zwei Alben und vier Singles zu produzieren, was nur mit immer mehr Live-Mitschnitten gelang.
Doch trotz des für heutige Verhältnisse im Musikgeschäft wahnwitzigen Ausverkaufs besaß der erfolgreichste Entertainer seiner Zeit bei seinem Tod 1977 außer seinem Wohnsitz "Graceland" keinerlei Kapitalanlagen. Der King soll nur ein Girokonto gehabt haben. Darauf lagen eine Million Dollar für laufende Ausgaben - zinslos.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2005, Nr. 4 / Seite 18
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa
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