Deutsche Forschungslandschaft

Forscht hier noch jemand?

Von Burkhard Rauhut

Deutsche Nachwuchsforscher?

Deutsche Nachwuchsforscher?

20. Dezember 2006 Im Jahre 2005 war Deutschland zum dritten Mal in Folge Exportweltmeister. Dieser Erfolg trägt in hohem Maße dazu bei, den Wohlstand in Deutschland zu erhalten und den sozialen Frieden zu sichern. Die Konkurrenz auf den internationalen Märkten ist groß, und wenn wir auf Erfolgskurs bleiben wollen, müssen wir in Forschung, Entwicklung und Umsetzung von Innovationen so viel schneller und besser sein, wie wir teurer sind als beispielsweise die ostasiatische Konkurrenz. Deshalb wird auch immer wieder betont, daß unser einziger Rohstoff die Bildung ist.

Dabei ist es derzeit üblich, die Misere der Bildung in Deutschland zu beklagen, obwohl sie bei weitem nicht so schlecht dasteht, wie fragwürdige Statistiken suggerieren. Ein Beispiel ist die trügerische „Akademikerquote“. Dabei werden die in Deutschland respektablen Ergebnisse der dualen Berufsausbildung zum Teil ausgeblendet, während Abschlüsse von amerikanischen „Community Colleges“ als Hochschulteilnahme angerechnet werden, auch wenn diese oft nicht einmal das Niveau unserer Berufsschulen erreichen.

„Relevant für den Arbeitsmarkt“

Um die dennoch notwendige Verbesserung der Situation in Deutschland zu erreichen, sind an den Hochschulen Reformen eingeleitet worden, zu denen der sogenannte Bologna-Prozeß als ein wichtiger gehört. Kernstück des Bologna-Prozesses ist die Umstellung auf ein zweizyklisches Ausbildungssystem, in Deutschland „Bachelor/Master“ genannt, ergänzt durch einen weiteren Promotionszyklus.

Die Bologna-Erklärung von 1999 legt fest, daß der erste Abschluß „relevant für den Arbeitsmarkt“ sein soll, was die Kultusministerkonferenz in einer Erklärung aus dem Jahre 2004 mit „berufsqualifizierend“ interpretiert hat. Hinter beiden Formulierungen steht der Gedanke, daß Absolventen mit Bachelor-Abschluß erfolgreich eine Berufstätigkeit aufnehmen können. Bei vielen Politikern entspricht dem die Erwartung, daß eine große Mehrheit diese Möglichkeit tatsächlich wahrnimmt, so daß die Kapazität der Hochschulen deutlich erhöht würde - durch eine deutlich kürzere Studiendauer im Vergleich zum bisherigen Diplomstudium.

Ähnliche Situation in den neunziger Jahren

Auch Teile der Wirtschaft hegen diese Erwartung mit der Vorstellung, daß sie auf diese Weise jüngere und niedriger zu bezahlende Absolventen bekommen. Dabei wird oft übersehen, daß ein sechssemestriges Studium natürlich nicht die Fähigkeiten und Kenntnisse vermitteln kann, die bisher in neun oder zehn Semestern vermittelt wurden, daß also Bachelor-Absolventen ein deutlich niedrigeres Qualifikationsniveau aufweisen, als es die bisherigen Diplomstudiengänge vermittelten. Dennoch ist der Übergang zum Bachelor/Master-System zu begrüßen, da einerseits mit dem Abschluß „Master“ ein dem Diplomniveau vergleichbarer Abschluß möglich ist, andererseits das Anwerben ausländischer Bachelors, auf die wir aufgrund der demographischen Entwicklung angewiesen sein werden, erleichtert wird.

Aber nicht nur die demographische Entwicklung wird uns dazu zwingen, verstärkt ausländische Studierende und Doktoranden einzusetzen. Zu befürchten ist nämlich, daß die Unternehmen vor allem in konjunkturellen Blütezeiten in den Natur- und Ingenieurwissenschaften aufgrund der Konkurrenzsituation versuchen werden, möglichst frühzeitig, also nach Beendigung des Bachelor-Studiums, Hochschulabsolventen zu rekrutieren. Das kommt den geschilderten Absichten der Politik durchaus entgegen. Eine ähnliche Situation hatten wir bereits in den neunziger Jahren im Bereich der Informationstechnologien, als in großem Umfang Studierende ohne Abschluß schon aus dem Studium angeworben wurden, da ein enormer Arbeitskräftebedarf bestand.

Eine solche Entwicklung in den für die deutsche Wirtschaft essentiellen Natur- und Ingenieurwissenschaften wäre aber äußerst fatal. Die Forschungsleistungen und die daraus resultierenden Innovationen an den Hochschulen beruhen in hohem Maße auf den Arbeiten, die von Master-Studierenden, Doktoranden und „Postdocs“ durchgeführt werden. Die Hochschulen sind daher darauf angewiesen, daß eine genügend große Anzahl von Studierenden ihr Studium nach dem Bachelor fortsetzt, um als Master-Studierende und Doktoranden die notwendige Forschungskapazität bereitzustellen. Aufgrund der geringen Neigung inländischer Abiturienten, Natur- und Ingenieurwissenschaften zu studieren, sowie der demographischen Entwicklung würde eine hohe Übergangsquote nach dem Bachelor-Studium ins Berufsleben bedeuten, daß die Hochschulen in großem Umfang ausländische Studierende für das Master-Studium und die Doktorandenphase anwerben müßten.

Paradoxe Situation

Was wäre die Konsequenz? Die inländischen Unternehmen hätten Absolventen mit dem akademischen Bachelor-Abschluß unter Vertrag, die freilich nicht das Niveau der bisherigen Diplomabschlüsse erreichen. Andererseits würden gut ausgebildete ausländische Studierende mit einem Master- oder Promotions-Abschluß in ihre Heimatländer zurückkehren, um ihr in Deutschland erworbenes Wissen und Können in der heimischen Wirtschaft einzusetzen. Das würde zu der paradoxen Situation führen, daß hochwertiges Forschungspotential ins Ausland verlagert wird, während die heimische Industrie mit weniger gut ausgebildeten Hochschulabsolventen auskommen müßte.

Daß diese Prognose nicht so weit hergeholt ist, kann man daran sehen, daß in einigen Fällen, und so auch in den Ingenieurwissenschaften, der Anteil der ausländischen Studierenden, die einen Doktorgrad erwerben, bereits heute über fünfzig Prozent liegt. Sollte sich das beschriebene Szenario bewahrheiten, müßten wir im internationalen Wettbewerb mit einer B-Mannschaft antreten.

Der Autor ist Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.



Text: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite 33
Bildmaterial: ddp

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