VW-Affäre

Sexbelege und Lügengeschichten

Von Johannes Ritter, Hamburg

Schlüsselfigur Klaus-Joachim Gebauer

Schlüsselfigur Klaus-Joachim Gebauer

16. November 2005 Der Mann sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Und er sieht gewiß nicht aus wie ein Frauenheld. Aber er ist einer, der sich und anderen mit viel Geld viele Frauen „beschaffte“ - mit dem Geld der Volkswagen AG. Der 61 Jahre alte Klaus-Joachim Gebauer ist die Schlüsselfigur in der Affäre um Sexpartys, Lustreisen, Schmiergelder und Tarnfirmen, die Europas größten Automobilhersteller seit Monaten beschäftigt.

Peter Hartz, Namensgeber der rot-grünen Arbeitsmarktreformen und Duzfreund von Gerhard Schröder, mußte wegen der Affäre im Sommer von seinem Amt als VW-Personalvorstand zurücktreten. Inzwischen ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue gegen ihn und neun weitere Personen, unter anderen gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl und den SPD-Landtagsabgeordneten und VW-Betriebsrat Günter Lenz.

Der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert

Der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert

Der so scheu wirkende, aber gar nicht scheue Gebauer wird sich an diesem Donnerstag durch eine Heerschar von Kameras und Mikrofonen wühlen müssen, um zum Eingang des Braunschweiger Landgerichts zu gelangen. Dort kämpft Gebauer mit Hilfe des Anwalts und FDP-Politikers Wolfgang Kubicki gegen die fristlose Kündigung, die sein langjähriger Arbeitgeber Volkswagen im Juni ausgesprochen hat. Seither ist nichts mehr, wie es war, im Leben Gebauers - und im Leben derer, die Gebauer bis dahin so fürsorglich betreute.

Amtsmißbrauch

Gebauer hatte eine besondere Stellung in der Personalabteilung von VW. Er fungierte als Bindeglied zwischen Vorstand und Betriebsrat. Er plante und organisierte Reisen, Sitzungen, Tagungen und Veranstaltungen der Arbeitnehmervertreter im In- und Ausland. Gebauer kümmerte sich vor allem um den Gesamtbetriebsratsausschuß (GBA), dem die wichtigsten Betriebsräte des Konzerns angehören. Dabei erfuhr der damalige Betriebsratschef Klaus Volkert seine besondere Aufmerksamkeit. In einem Interview mit dem „Stern“ beschrieb Gebauer, wie er Volkert und andere von 1996 an auf VW-Kosten mit Prostituierten versorgt haben will: „Wir kamen in Sao Paulo an, sind nach Rio gefahren und haben dort im Hotel Othon Palace gewohnt. Daneben liegt die bekannte Discothek ,Help'. Da haben wir im großen Stil Mädchen besorgt, die ich hinterher bezahlt habe. (. . .) Mit Brasilien fing alles an. Später war kaum eine Reise mehr ohne Prostituierte denkbar.“ Schon bald begnügte sich der damalige IG-Metall-Vorstand Volkert nicht mehr mit einfachen Bordellbesuchen. (Fortsetzung Seite 2.)

Mit tatkräftiger Unterstützung Gebauers legte sich Volkert eine brasilianische Geliebte zu. Diese Frau namens Adriana Barros ließ er nach Angaben Gebauers immer wieder auf VW-Kosten an Orte in Europa einfliegen, wo „zufällig“ gerade irgendeine Sitzung des (Welt-)Betriebsrats stattfand. Außerdem hat Volkert sie eine Zeitlang von VW bezahlen lassen für Dienste, die wenig bis nichts mit dem Automobilkonzern zu tun hatten. Ermittlungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die VW zur Aufklärung der ganzen Affäre engagierte, ergaben, daß Frau Barros auf der Basis eines mündlichen Vertrags mit Volkert insgesamt 635 000 Euro von Volkswagen bekam - ohne erkennbare Gegenleistung. „Die Zahlungsfreigabe der von ihr gestellten Rechnungen in Höhe von 399 000 Euro erfolgte durch Dr. Peter Hartz“, heißt es in dem KPMG-Prüfbericht.

Vertuscht über Eigen- und Ersatzbelege

Daß derlei betriebsfremde Ausgaben von Hartz genehmigt wurden, war die Ausnahme von der Regel. Meist rechnete Gebauer Bordellbesuche, Sexpartys und Luxushotels über sogenannte Eigen- und Ersatzbelege ab, die keinerlei Details zur Mittelverwendung enthielten und nicht weiter kontrolliert wurden. Darauf stand lediglich: „Im Unternehmensinteresse für den Gesamtbetriebsratsausschuß ausgegeben“ - und schon wurde das Geld auf Gebauers Konto überwiesen. Von Januar 2001 bis Mai 2005 rechnete Gebauer 121 derartiger Eigenbelege im Gesamtvolumen von 939 000 Euro über die Kostenstelle 1860 (Vorstand Personal, Peter Hartz) ab.

Wie konnte es dazu kommen? Gebauer behauptet, das ganze System habe vor allem dazu gedient, den mächtigen Betriebsratschef Volkert bei Laune zu halten und so umstrittene Entscheidungen wie den Einstieg von VW in das Luxuswagengeschäft durchzusetzen. Hartz habe ihn persönlich angewiesen, Volkert jeden Wunsch zu erfüllen. Hartz bezeichnet das als „Quatsch“ - er habe zu keinem Zeitpunkt eine derartige Weisung erteilt.

Kronzeuge

Gebauer hat sich geschickt in der Rolle des Opfers eingerichtet und fleißig „Geschichten“ an die Presse verkauft. Für die Staatsanwaltschaft, die gegen ihn ermittelt, ist Gebauer mittlerweile eine Art Kronzeuge. Erst nach Gebauers Aussagen wurde Hartz offiziell zum Beschuldigten im VW-Ermittlungsverfahren.

Bei Volkswagen fragt man sich, ob nicht der Bock zum Gärtner gemacht wird. Denn nach Lesart der Hausjuristen ist Gebauer schlicht ein Betrüger: Er habe sich persönlich bereichert und „dabei die besondere Vertrauensstellung, die er bei der Übernahme und Erstattung von Betriebsratskosten hatte, in nicht zu überbietender Weise mißbraucht“, heißt es dem Schriftsatz, den VW für den Arbeitsgerichtsprozeß an diesem Donnerstag verfassen ließ. Demnach hat sich Gebauer, der bei VW jährlich rund 120 000 Euro verdiente, unter anderem die Kosten einer privaten Urlaubsreise mit seiner Freundin Tatjana R. in die Türkei von seinem Arbeitgeber erstatten lassen. Ein Wochenende des Paars in einem Fünf-Sterne-Hotel am Tegernsee soll Gebauer als „Informationsreise nach Schottland“ bei VW abgerechnet haben. Ein überhöhter Vorschuß von 8400 Euro für Tagungskosten in Lissabon sei auf das Privatkonto Gebauers überwiesen worden und danach - entgegen Gebauers Aussage - nicht mit anderen GBA-Aufwendungen verrechnet worden.

Schmiergeld?

Ferner vermuten die Anwälte, daß Gebauer 15 000 Euro Schmiergeld von einer tschechischen Firma namens Oesterreicher erhalten hat. Er sei zudem maßgeblich involviert gewesen in das Geflecht von Tarnfirmen im Ausland, das unter Federführung des früheren Skoda-Personalvorstands Helmuth Schuster aufgebaut wurde, um in größerem Umfang Geld abzuschöpfen.

Gebauers Anwalt Kubicki weist die Vorwürfe zurück. Gebauer habe die Belege für Privatreisen nur dazu verwandt, um zuvor verauslagte Kosten des Personalvorstands und der Betriebsräte zu belegen. Aber wozu brauchte Gebauer solche Belege, wenn er sowieso alles über nichtssagende Ersatzbelege abrechnen konnte?

Großer Imageschaden

Der finanzielle Schaden der Affäre - fünf Millionen Euro - ist relativ gering, der Imageschaden indes ist enorm. Inzwischen hat der Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder die Genehmigungs- und Kontrollmodalitäten für Reisekosten und Spesen verschärft; weitere Maßnahmen sollen folgen: „Wir ziehen weitgehende Konsequenzen. Volkswagen wird nach innen und außen ein transparenteres Unternehmen.“ Jede Gerichtsverhandlung, die in dieser Affäre noch folgt, wird Pischetsrieder an dieses Versprechen erinnern.

Text: F.A.Z., 16.11.2005, Nr. 267 / Seite 2
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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