Pharma-Milliardär

Adolf Merckle begeht Selbstmord

Von Susanne Preuß

Adolf Merckle

Adolf Merckle

07. Januar 2009  Der Unternehmer Adolf Merckle ist tot. Der 74 Jahre alte Firmenpatriarch ist in der Nähe seines Heimatorts Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb von einem Zug erfasst und getötet worden. Ein Mitarbeiter der Bahn habe am Montagabend den Leichnam im Gleisbereich entdeckt, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Der Unternehmer sei am Nachmittag aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekehrt. Daher hätten ihn seine Angehörigen als vermisst gemeldet.

Eine DNA-Analyse zur endgültigen Klärung der Identität des Toten soll im Laufe der Woche vorliegen. Die Familie Merckle bestätigte am Dienstag die Mutmaßung der Staatsanwaltschaft, dass es sich um einen Selbstmord handele: „Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen“, heißt es in einer Erklärung der Familie, die am Dienstagnachmittag verbreitet wurde: „Adolf Merckle hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet.“

Firmenimperium mit mehr als 100.000 Mitarbeiter

Merckle war bis vor kurzem in der breiten Öffentlichkeit relativ unbekannt, obwohl seine Familie aufgrund eines Vermögens von mehreren Milliarden Euro zu den reichsten Familien in Deutschland gehörte. Die gesamte Firmengruppe - deren rund 100000 Mitarbeiter einen Umsatz von zuletzt 35 Milliarden Euro erwirtschafteten - ist jedoch ins Wanken geraten, weil durch die in der Finanzkrise fallenden Aktienkurse sowie durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien extreme Liquiditätsengpässe entstanden waren.

Über mehrere Wochen hinweg verhandelte Merckle mit mehr als drei Dutzend Gläubigerbanken und blieb dabei nicht ohne Erfolg. Zuletzt vermeldete Merckle kurz vor Jahreswechsel, dass ein Stillhalteabkommen mit den Banken erzielt worden sei. Durch einen Überbrückungskredit, dessen Höhe zuletzt auf rund 400 Millionen Euro geschätzt wurde, sollte zunächst eine Insolvenz der VEM Vermögensverwaltung abgewendet werden. Über die VEM hielt die Familie Merckle ihre wichtigsten Industriebeteiligungen: den Generikahersteller Ratiopharm in Ulm sowie Anteile an der Heidelberg Cement AG, dem größten Baustoffhersteller Europas. Bedingung der Banken für den Überbrückungskredit war, dass sowohl Ratiopharm als auch die Beteiligung an Heidelberg Cement verkauft werden sollten. Der Kurs der Heidelcement-Aktie fiel am Dienstagnachmittag, unmittelbar nachdem erste Gerüchte über den Tod Merckles kursierten, von gut 35 auf 30 Euro zurück. Die Finanzierungsvereinbarung mit den Banken könnte nun in Gefahr sein, wenngleich die VEM Vermögensverwaltung in einer Mitteilung betont: „Der Tod des Unternehmers hat keine Auswirkungen auf den weiteren Sanierungsprozess.“

Mit VW-Aktien verspekuliert

Merckles Lebenswerk stand vor dem Ruin. Erschwerend hinzu kam, dass die Krise den innerhalb der Familie ohnehin schwelenden Streit verschärfte. Sohn Philipp Daniel Merckle distanzierte sich öffentlich vom Verhalten seines Vaters. In der Merckle-Gruppe habe es zu viele Dinge gegeben, „hinter denen ich nicht gestanden habe“, sagte der Sohn, der kurze Zeit Ratiopharm geführt hatte, vom Vater aber im Frühjahr 2008 entmachtet worden war. Daher stelle er auch sein Vermögen nicht als Sicherheit für die Gläubigerbanken zur Verfügung, erklärte Philipp Daniel Merckle.

Harsche Kritik war dem Firmenpatriarchen Adolf Merckle auch in der Öffentlichkeit entgegen geschlagen, weil er einen Teil der Probleme offenbar leichtfertig verschuldet hatte: Er hatte nach eigenen Angaben einen dreistelligen Millionenverlust dadurch erlitten, dass er - wie viele andere Investoren auch - auf fallende VW-Kurse spekuliert hatte. Tatsächlich stieg der VW-Kurs aber rapide, weil Porsche sich mit Optionen eindeckte und die VW-Aktie letztlich Kapriolen schlug.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Spekulationsverluste sondierte Merckle die Möglichkeit, den Liquiditätsengpass mit Hilfe einer Landesbürgschaft zu überbrücken. Noch im Dezember, als das Ausmaß der Schwierigkeiten durchaus schon erkennbar war, hatte sich Adolf Merckle aber zuversichtlich gezeigt. „Ich habe schon viele sogenannte Börsencrashs überstanden“, sagte Adolf Merckle in einem Interview mit dieser Zeitung (Siehe Im Gespräch: Adolf Merckle: „Es war kein Spiel“). Und auf die Frage, was überwiege, Bangen oder Hoffen, antwortete Merckle: „Ich lebe mit meiner Familie seit Jahrzehnten hier in der Region. Ich war stets ein positiv denkender Mensch und hoffe daher, dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen.“

Aus der Erklärung der Familie Merckle

„Adolf Merckle ist tot.

Adolf Merckle hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet. Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Merckle GmbH

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