Gratiszeitungen

Lesefutter für die Wegwerfgesellschaft

Von Jürgen Dunsch

18. September 2007 „20 Minuten“ ist ein guter Zeitungstitel. So lange brauchen viele Pendler auf dem Weg zur Arbeit in Basel, Zürich oder Genf. Entsprechend wendet sich die Gratiszeitung aus dem Zürcher Tamedia-Verlag vor allem an die morgendlichen S-Bahn-Fahrer. Inzwischen kann man sich, gemessen an der Zeitungslektüre, viel mehr Zeit lassen. An diesem Mittwoch kommt mit „.ch“ der vierte rein werbefinanzierte Titel in der Deutschschweiz auf den Markt. Auch für das Wochenende ist gesorgt: Am vergangenen Sonntag erblickte das fünfte Blatt für den schönsten Tag der Woche das Licht der Welt.

In Deutschland hatten die etablierten Verleger mit Erfolg eine Drohkulisse gegen die Planer neuer Gratisblätter aufgebaut. Aber das südliche Nachbarland ist anders. Die Schweizer sind ein Volk von Bahnfahrern. Dies begünstigt Pendlerzeitungen. Mit dem neuen Blatt wird allerdings auch ihnen inzwischen viel Lesefutter gereicht. Damit nicht genug: Noch vor dem Jahresende soll unter dem Titel „News“ die fünfte Gratiszeitung herauskommen. Beobachter fragen sich bereits, ob für eine solche Angebotsfülle auf Dauer genügend Anzeigen zu bekommen sind.

Dem Leser auf den Leib gerückt

Wie ihre Vorgänger wollen sich „.ch“ und „News“ auf Nachrichten und wahrscheinlich seichte Society-Geschichten konzentrieren. Eigene Analysen und Kommentare sind nicht geplant. „.ch“-Initiator und einstiger „20 Minuten“-Mitgründer Sascha Wigdorovits rückt seiner Zielgruppe, der 19 bis 59 Jahre alten „urbanen Leserschaft“, noch näher auf den Leib als die bisherigen Gratiszeitungen: Nicht an Bahnhöfen und Kiosken soll sein Produkt ausliegen, sondern in Briefkästen und bei Wohnblocks in Sammelboxen. Das wird nicht verhindern, dass die kostenlosen Kleinformate (Tabloids) wie die heutigen Gratiszeitungen Stunden später zu Tausenden als Abfall in den S-Bahnen herumliegen und die Sauberkeit der Schweizer in diesem Punkt Lügen strafen: Die Informationen für die Wegwerfgesellschaft sind beliebt. Sie haben aber nur eine kurze Halbwertszeit.

Der Erfolg von „20 Minuten“ – geschätzter Jahresgewinn: gut 35 Millionen Franken – musste zwangsläufig Nachahmer anlocken. Seit 2002 und damit im jüngsten Konjunkturaufschwung hat sich die Leserzahl mehr als verdoppelt auf 1,2 Millionen am Tag. Das Boulevardblatt „Blick“, die bröckelnde Säule des Ringier-Konzerns, verlor in derselben Zeitspanne 45.000 Leser und erreicht nach den jüngsten Zahlen der AG für Werbemedienforschung nur noch 689.000 Zeitungskonsumenten. Die Qualitätspresse hingegen hielt sich achtbar. Der Tages-Anzeiger, das Flaggschiff von Tamedia, und die Neue Zürcher Zeitung konnten sogar etwas zulegen. Verloren hat die Basler Zeitung, nämlich 10 Prozent auf 188.000 Leser am Tag.

„Die Basler Zeitung wird eines Tages geschluckt“

Das Projekt „News“ ist allerdings mehr als eine weitere Gratiszeitung. Es soll die Neugründung des umtriebigen PR-Beraters Wigdorovits in Schach halten – und macht zugleich „20 Minuten“ Konkurrenz. Der aggressive Tamedia-Chef Martin Kall glaubt, dies verkraften zu können. Er sieht sich strategisch im Vorteil, bindet er doch in sein Projekt die „Berner Zeitung“ aus der jüngst übernommenen Espace Media ein. Die Verbindung Tamedia/Espace Media im Mai dieses Jahres war eine faustdicke Überraschung, ist unter Wettbewerbsgesichtspunkten allerdings sehr umstritten.

Jetzt schlägt Kall einen weiteren Pflock ein. Bei „News“ macht nämlich auch der Verleger Matthias Hagemann von der Basler Zeitung mit. Diesen Verlag sehen viele mittelfristig ebenfalls in Richtung Tamedia abdriften. „Die Basler Zeitung wird eines Tages geschluckt“, meint zum Beispiel Klaus Stöhlker, einer der bekanntesten PR-Berater und Medienbeobachter in der Schweiz. Die Großen (und er meint damit wohl vor allem Tamedia) warteten nur auf den nächsten Konjunkturabschwung, um die publizistische Flurbereinigung abschließen zu können. Vorderhand ist mit der Basler Zeitung neben der gemeinsamen Wegwerfzeitung ein Online-Netzwerk geplant, das mit einer 18 Vollzeitstellen zählenden Redaktion im Frühjahr 2008 den Betrieb aufnehmen soll. Die Frage ist, was die anderen machen. In der französischsprachigen Westschweiz hat die Edipresse-Gruppe eine solch starke Stellung, dass sich Konkurrenten aus Frankreich bisher mit kleineren Verlagen begnügen mussten. Allerdings ist inzwischen auch eine französischsprachige Ausgabe von „20 Minuten“ am Markt, die nach den Zahlen der Medienforschung 276.000 Leser am Tag erreicht. Hiergegen hat Edipresse mit „Le Matin Bleu“ eine eigene Gratiszeitung laufen, die auf eine Reichweite von 353.000 Lesern kommt.

„Der Sonntag ist zum Lesetag geworden“

In Chur (Graubünden) hat die dort dominierende Zeitungsgruppe „Südostschweiz“ versucht, sich im bisher lukrativen Markt der Sonntagszeitungen ein Stück herauszuschneiden, sich dabei aber vor allem blaue Flecken geholt. Dies schreckt Martin Wanner, den Verleger der AZ Medien in Aarau, nicht. Seine Gruppe hat am vergangenen Wochenende „Sonntag“ lanciert. Das Blatt ist zwar provinzieller als die großen Konkurrenten Sonntagsblick (Ringier), Sonntagszeitung (Tamedia) und NZZ am Sonntag, aber Wanner glaubt trotz der allmählichen Verstopfung auch dieses Marktes an seine Idee: „Der Sonntag ist zum Lesetag geworden. Da wollen wir mitmachen“, sagte er dieser Tage in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Bilanz. Eher werde er die Montagausgabe seiner Zeitungen zwischen Basel und Zürich streichen, als das Projekt aufgeben. Montags seien die Zeitungen sowieso überall fast inseratefrei.

Und sonst? Nach der „NZZ am Sonntag“ fehle der Neuen Zürcher Zeitung eine klare Strategie, findet Stöhlker. Bei Ringier wartet man auf neue Ideen für den „Blick“. Das wöchentlich erscheinende Wirtschaftsmagazin „Cash“ hat Verleger Michael Ringier in diesem Sommer eingestellt und die Abonnentendaten an Springer in Deutschland verkauft. Er setzt für die Wirtschaft auf einen Multimediaauftritt –- einschließlich des Gratisblattes „Cash Daily“. Es erreiche inzwischen 127.000 Leser am Tag, sagt Ringier. Vor wenigen Tagen wurde der Umfang ausgeweitet. Über die Ertragslage ist bisher nichts bekannt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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