Siemens-Affäre

Vermutlich noch mehr Schmiergeld

Kleinfeld hat den Ausgang genommen

Kleinfeld hat den Ausgang genommen

26. April 2007 Die Schmiergeld-Affäre bei Siemens weitet sich vermutlich noch mehr aus. Die internen Untersuchungen hätten ergeben, dass es deutlich mehr „bedenkliche“ Zahlungen als die bisher bekannten 420 Millionen Euro gebe, teilte das Unternehmen am Donnerstag in München mit. Der scheidende Siemens-Chef Klaus Kleinfeld bedauerte auf der Konferenz seinen Rückzug aus dem Unternehmen. „Siemens und seine Mitarbeiter liegen mir sehr am Herzen“, sagte Kleinfeld. Das Unternehmen sei „so ein wichtiger Teil meines Lebens in den letzten 20 Jahren gewesen“.

Am Mittwoch hatte Siemens-Chef Klaus Kleinfeld klargestellt, dass er nicht für eine weitere Amtszeit als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung steht. Nun fügte er hinzu, er sei sogar bereit zu gehen, bevor sein jetziger Vertrag ausläuft. „Ich werde keinem im Wege stehen“, so Kleinfeld am Donnerstag in München. Sobald ein Nachfolger bereit stehe, werde er sich zurückziehen. Kleinfelds Vertrag läuft noch bis zum 30. September.

„Belastend und untragbar“

Wer immer sich auf diesem Stuhl niederlässt, ein leichtes Erbe tritt er nicht an

Wer immer sich auf diesem Stuhl niederlässt, ein leichtes Erbe tritt er nicht an

Zu seinem Rücktritt sagte Kleinfeld, er habe die Diskussion um die Führungsfrage des Konzerns als „belastend und untragbar“ empfunden. Dies sei der Grund gewesen, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Er hoffe, dass seine Entscheidung dazu beitrage, dass das Unternehmen „uneingeschränkt handlungsfähig“ bleibe. Trotz allem sei es ihm „eine unglaubliche Ehre“ gewesen, „in den letzten zwei Jahren, Vorstandsvorsitzender dieses großartigen Unternehems zu sein“, sagte Kleinfeld. „Siemens und seine Mitarbeiter liegen mir sehr am Herzen“, sagte Kleinfeld. Das Unternehmen sei „so ein wichtiger Teil meines Lebens in den letzten 20 Jahren gewesen“.

Seinem noch unbekannten Nachfolger gab Kleinfeld am Donnerstag mit auf den Weg: „Siemens ist ein wunderbares Unternehmen, das in der Welt seinesgleichen sucht.“ Man habe hier eine tolle Mannschaft, auf
die man bauen könne. Kleinfeld sagte auch, man müsse Siemens kennen, um den Konzern zu verstehen. Zudem brauche man „technische Kompetenz und Leidenschaft“, um Siemens-Vorstandschef zu werden.

Gerüchteküche über Nachfolge brodelt

Kleinfeld dankte dem vor wenigen Tagen als Aufsichtsratschef bei Siemens zurückgetretenen Heinrich von Pierer. Dessen Rücktritt mache ihn „betroffen und traurig“, er verbinde mit ihm „Integrität und Vorbildlichkeit“. Persönlich sei er Pierer zu großem Dank verpflichtet. „Wer Herrn von Pierer kennt, der weiß, dass er stets das Wohl des Unternehmens und seiner Mitarbeiter über persönliche Ziele gestellt hat“, sagte Kleinfeld. Diesem Grundsatz sei Pierer mit seinem Rücktritt treu geblieben.

Zwischenzeitlich kamen Gerüchte auf, Gerhard Cromme, der neue Aufsichtsratschef von Siemens könne den Job übernehmen. Thyssen-Krupp hat jedoch eine entsprechende Meldung des „Handelsblatts“ inzwischen dementiert. Falls es zu diesem Überraschungscoup komme, solle der ehemalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden, hatte die Zeitung geschrieben.

Schweres Erbe für den Nachfolger

So entschlossen und ehrgeizig Kleinfeld den Siemens-Konzern umgebaut hat, so präsentierte er am Donnerstag die Wachstumsziele für die Zukunft. Seinem Nachfolger hinterlässt er damit ein schweres Erbe. Er wird unter dem Druck stehen, eine noch bessere Unternehmensperformanz zu erreichen, nachdem bereits jetzt die Ziele übererfüllt wurden.

Schon seit der vergangenen Woche ist bekannt, dass Kleinfeld glänzende Zahlen präsentieren würde. Mit seinen überaus ehrgeizigen Wachstumszielen, die er dem Unternehmen nun verordnet hat, setzt er noch einen drauf. Nach Abschluss des Effizienzprogramms „Fit4More“ werde nun ein neues Programm mit dem Namen „Fit for 2010“ aufgelegt, sagte Kleinfeld am Donnerstag auf der Halbjahrespressekonferenz des Unternehmens in München.

„Ehrgeizige Ziele“

In neun von elf Geschäftsbereichen werde der Zielkorridor für die operative Marge erhöht beziehungsweise ausgeweitet. Außerdem bleibe es bei der Vorgabe, pro Jahr doppelt so schnell zu wachsen wie die Weltwirtschaft. Bei der Kennziffer Return on Capital Employed (ROCE) werde bis 2010 ein Zielwert von 14 bis 16 Prozent angepeilt. Im vergangenen Jahr waren zehn Prozent erreicht Worden.

Das neue Effizienzprogramm beinhalte „ehrgeizige Ziele für Wachstum, Kapitaleffizienz und Cash-Flow-Generierung“, teilte der Münchner Dax-Konzern am Donnerstag mit. Siemens setzt sich erstmals konkrete Ertragsziele auf Konzernebene. Bislang hatte das Unternehmen lediglich individuelle Renditevorgaben für die einzelnen Bereiche ausgegeben. Diese Ziele hatte das Unternehmen im zweiten Quartal erreicht und damit die Erwartungen der Analysten übertroffen.

Kein Verständnis bei den Aktionären

Besonders im Hinblick auf die außerordentlich guten Unternehmenszahlen reagierten Aktionäre mit Unverständnis auf den Rückzug Kleinfelds. „Ich kann's nicht nachvollziehen“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Ich erwarte von Siemens Erklärungen und dass ganz, ganz schnell ein Nachfolger gefunden wird, sagte die Aktionärsschützerin.

Sie lobte die guten Ergebnisse von Siemens unter Kleinfelds Führung. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jetzt eine Führungslücke entsteht“, erklärte Bergdolt. Vom neuen Siemens-Chef fordere sie vor allem eine bessere Kommunikation und eine tief greifende Aufklärung der Bestechungsaffäre.

Glos: „Einer der fähigsten deutschen Manager“

Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos bedauerte den Verzicht von Kleinfeld auf den Verbleib an der Konzernspitze. „Ich halte ihn für einen der fähigsten deutschen Manager“, sagte der CSU-Politiker am Donnerstag im ZDF. Er könne nicht beurteilen, was hinter dem Rückzug Kleinfelds stecke.

Der Schritt hänge sicher nicht mit einem Fehlverhalten des Managers zusammen, sondern mit der amerikanischen Börsenaufsicht. „Offensichtlich war da die Zeit, wo Menschenopfer gebracht werden mussten.“ Siemens müsse nun schauen, dass der Konzern aus den Schlagzeilen herauskomme.

Text: FAZ.NET mit Material der Agenturen
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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