Sozialkassen

An der Alterung drohen die Sozialsysteme zu zerbrechen

06. August 2003 Die Deutschen leben immer länger und bekommen immer weniger Kinder. An dieser demographischen Entwicklung drohen die Systeme der sozialen Sicherung zu zerbrechen. Denn der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr: Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentner aufkommen. Finanzieren heute noch 100 Junge etwa 44 Alte, werden 2050 auf 100 Beitragszahler 78 Rentner kommen.

Doch die Probleme der Alterssicherung eskalieren nicht erst im Jahr 2050: Schon zwischen 2010 und 2030 wird es nach den Berechnungen der Bevölkerungsforscher eine "kritische Beschleunigung" geben, wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus den späten fünfziger und den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts langsam in das Rentenalter kommen. Die "Restlebenserwartung" und damit die Dauer des Rentenbezugs eines 65 Jahre alten Mannes wird 2030 nach den Vorhersagen bei 18,4 Jahren, bei gleich alten Frauen sogar bei 22,6 Jahren liegen.

Druck auf die Politik ist hoch

Deshalb ist der Druck auf die Politik hoch, die umlagefinanzierten Sicherungssysteme - Rente, aber auch Gesundheit und Pflege - zu reformieren. Wegen des verfassungsrechtlich garantierten Vertrauensschutzes der Bürger lassen sich die von Fachleuten empfohlenen und von der Bundesregierung erwogenen Änderungen wie eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, eine Anhebung der Rentenaltersgrenze oder eine neue Rentenformel, die den Anstieg der Altersbezüge weiter dämpft, nicht ohne längeren zeitlichen Vorlauf umsetzen.

Zudem wird die Alterssicherung dereinst nicht mehr weit überwiegend auf dem umlagefinanzierten System der gesetzlichen Rentenversicherung beruhen. Vielmehr soll die eigenverantwortliche Alterssicherung über eine private oder betriebliche Vorsorge, die seit der rot-grünen Rentenreform von 2001 durch das Schlagwort "Riester-Rente" gekennzeichnet wird, gestärkt werden, um ein demographiefestes Mischsystem zu erhalten.

Gewarnt wird seit einem viertel Jahrhundert

Das System der Rentenversicherung war noch jung in Deutschland, als 1916 die Rentenaltersgrenze für Arbeiter von 70 auf 65 Jahre herabgesetzt wurde. Wer damals mit 65 in den Ruhestand ging, konnte die arbeitsfreie Zeit allerdings nicht mehr allzulange genießen, denn die durchschnittliche Lebenserwartung lag kaum höher als das Renteneintrittsalter. In den Jahrzehnten danach stieg die Lebensdauer infolge gesünderer Arbeits- und Lebensbedingungen und besserer medizinischer Versorgung deutlich: Heute geborene Jungen werden im Schnitt 75,1 Jahre alt, Mädchen sogar 81,1 Jahre.

Gleichzeitig ermöglichte der Gesetzgeber immer mehr Personengruppen, vor dem 65. Geburtstag in den Ruhestand zu gehen. Langjährig Versicherte, Frauen, Arbeitslose und Schwerbehinderte machten von diesem Recht zunehmend Gebrauch. Das tatsächliche Renteneintrittsalter sank bis zur Jahrtausendwende auf rund 60 Jahre. Damit nahm die Dauer des Rentenbezugs stetig zu: Zwischen 1960 und 2001 stieg sie bei Männern um 47 Prozent und bei Frauen um 73 Prozent.

Steigende Geburtenraten sind wenig wahrscheinlich

Seit rund 25 Jahren warnen die Bevölkerungsforscher vor den dramatischen Folgen des demographischen Wandels. Selbst eine Einwanderungspolitik, die den Zuzug von Ausländern fördert, kann die Probleme nur lindern, nicht beseitigen. Nach Prognosen der Wissenschaftler vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden wird die Geburtenrate auch in den nächsten Jahrzehnten bei dem gegenwärtigen statistischen Wert von 1,4 Geburten je Frau bleiben - selbst wenn durch verschiedene familienpolitische Maßnahmen von höherem Kindergeld bis zu besserer Kinderbetreuung eine Steigerung der Geburtenrate angestrebt wird.

Für die Annahme einer gleichbleibenden Geburtenrate spricht nach Überzeugung der Statistiker, daß sie in Westdeutschland seit der Einführung moderner Verhütungsmittel Ende der sechziger Jahre auf diesen Wert gesunken sei und sie sich in Ostdeutschland nach dem staatlich geförderten Geburtenboom zu DDR-Zeiten und dem Geburtenknick in den Jahren nach der Wende nun dem Wert von 1,4 annähere.

„Reproduktionsgrundlage“ schrumpft...

Ein weiteres Element zur Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung ist das Ausmaß der Einwanderung. Das Statistische Bundesamt schätzt den Wanderungssaldo im mittleren von drei Entwicklungsszenarien auf 200.000 Personen. Unter der Annahme, daß die Lebenserwartung weiter zunimmt, rechnen die Statistiker mit einem Rückgang der Bevölkerung bis 2050 um sieben Millionen auf etwa 75 Millionen Menschen. Im Zuge dieser Entwicklung schrumpft die "Reproduktionsgrundlage" der Bevölkerung unaufhörlich weiter. Die Zahl der Frauen im "gebärfähigen Alter" zwischen 15 und 49 Jahren sinkt von 20 Millionen im Jahr 2001 auf 14 Millionen 2050; ihr Anteil an der Bevölkerung sinkt in diesem Zeitraum von 24 auf 19 Prozent.

... der Sterbeüberschuß steigt

Die Dramatik des Bevölkerungswandels zeigt sich in der Prognose des Bundesamtes auch durch den steigenden Sterbeüberschuß: Während zur Zeit die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Neugeborenen in Deutschland um etwa 94000 übersteigt, wird dieser Sterbeüberschuß bis 2050 auf fast 600 000 wachsen. Damit würde nicht einmal die Hälfte der Verstorbenen in einem Jahr durch Neugeborene ersetzt. Die Zahl derer, die 80 Jahre oder älter sind, wird von gegenwärtig 3,2 Millionen (4 Prozent der Bevölkerung) bis 2050 auf etwa 9 Millionen (12 Prozent) wachsen.

In anderen Industrieländern sehen die Vorhersagen zur demographischen Entwicklung ähnlich aus. Vor allem Spanien, Italien und Österreich freuen sich über eine längere Lebenserwartung und leiden ähnlich wie Deutschland unter niedrigen Geburtenraten. Auch sie spüren den sozialpolitischen Reformdruck. Rentenreformgesetze in Österreich und Frankreich, die beide eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters vorschreiben, waren in jüngster Zeit von Protesten und Demonstrationen begleitet. In Großbritannien und den Niederlanden ist der politische Druck dagegen geringer. In beiden Ländern wird ein hoher Anteil von privater Altersvorsorge verzeichnet; außerdem sagen die Bevölkerungsforscher dort relativ stabile Bevölkerungszahlen vorher.



Text: enn., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite 12
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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