Großbritannien

Gipfelsturm der Immobilienwerte

Von Johannes Leithäuser, London

12. Mai 2008 Britische Schüler lernen neuerdings im Unterricht, wie man ein Haus kauft und wie man eine Hypothek aufnimmt. Das ist keine Kurzschlussreaktion auf fallende Immobilienpreise, es war vielmehr schon beschlossene Sache, als Gordon Brown im vergangenen Sommer ins Amt des Premierministers kam und die Häuserpreise sich schon seit zehn Jahren in einem schwindelerregenden Anstieg befanden. Die Schüler sollten „sich als Konsumenten in einer modernen Gesellschaft zurechtfinden“, sagte Erziehungsminister Balls damals zur Begründung.

Während aber im letzten Schuljahr noch addieren und malnehmen genügte, um den Kurswert des Eigentums zu bestimmen, sind jetzt kompliziertere Rechenarten vonnöten. Und die „moderne britische Gesellschaft“, die stärker als jede andere westliche Gemeinschaft auf den Fundamenten ihres Grundeigentums ruht, zittert wie in Erwartung eines Erdbebens. Wenn die graphische Kurve des Immobilienpreis-Index hart nach unten ausschlagen sollte wie eine Seismographennadel, dann wackelt nicht nur die Labour-Regierung, dann wankt die gesamte Zukunftszuversicht, die Großbritannien seit den Reformen der Thatcher-Ära vor 25 Jahren gewonnen hat.

Das Haus als Wohlstandsquelle

Das Selbstverständnis vieler Briten ist mittlerweile in zweifacher Weise in ihrer Behausung gefangen. Der sprichwörtliche traditionelle Stellenwert des Eigenheims wurde über die jüngere Zeit hin potenziert durch die rasante, bis zu 1000 Prozent erreichende materielle Wertsteigerung während eines langen Aufschwung-Jahrzehnts. Das Haus bietet nicht länger bloß Sicherheit und - je nach Lage - Ansehen und sozialen Status; es ist inzwischen auch eine Wohlstandsquelle geworden, aus der bislang Konsumartikel oder auch Schulgebühren für den Nachwuchs finanziert werden konnten.

Und alle britischen Hauseigentümer, denen die Modernisierung des Schulunterrichts nichts mehr nützt, um sich in der Handhabung ihrer Immobilie fortzubilden, haben die gleichen Lektionen seit Jahren schon allabendlich im Fernsehen lernen können. Mehr als ein halbes Dutzend Ratgeberprogramme und Fallbeispiel-Serien wiederholen in immer neuen Varianten die gleichen Themen: Wie finde, kaufe, modernisiere, kaschiere, erweitere, tausche, verkaufe ich ein Haus? Die einschlägigen Sendungen heißen „Umzug, Umzug“ oder „Einstieg ins Eigentum“ oder „die Lage, die Lage, die Lage“, oder „große Entwürfe“.

Behausungsfernsehen in weiblichen Händen

Die einzelnen Folgen zeigen immer ähnliche Geschichten von Paaren - es können jung Verliebte, Eltern mit Kindern oder Pensionäre sein -, die Wohnungen und Häuser besichtigen, die ihre Finanzen überschlagen, die über die Größe von Badezimmern beraten und den Zweck von Wohnküchen debattieren, die selber renovieren oder sich bei der Kalkulation von Umbaukosten verrechnen und die am Ende dann entweder in ihr gekauftes Haus einziehen oder ihr umgebautes Haus mit Gewinn weiterverkaufen.

Die Moderatorinnen - das Behausungsfernsehen ist fast vollständig in weiblichen Händen - der diversen Programme haben in Großbritannien nationale Geltung, ihre Einschaltquoten erreichen leicht vier Millionen und mehr. Es hat Gewicht, wenn sie sich gegen den Abschwung der Immobilienhausse stemmen. Kristie Allsopp, die bekannteste Repräsentantin der Branche, spricht stets nur von „der sogenannten Krise“, und ihre Kollegin Sarah Beeny steuert die Weisheit bei: „Jeder muss schließlich irgendwo leben.“

Die Illusion von Geräumigkeit

Die Bemerkung markiert den Hauptmuskel im britischen Häuserkrampf. Anders als in den Vereinigten Staaten, wo die minder Bemittelten Platz zum Ausweichen haben und wo die Gescheiterten anderswo Chancen zum zweiten Anlauf finden, ist auf den kleinen Britischen Inseln das Angebot dauerhaft knapp. Hier regelt fast nur die Nachfrage den Preis. Das hat in den Zeiten des Booms zu architektonischen Konsequenzen geführt.

Viele Eigentümer haben ihre Häuser erweitert, nach hinten, nach oben und immer öfter auch nach unten, statt sie zu verkaufen und sich nach größeren Häusern umzusehen. Die Ratgeberseiten der Do-it-yourself-Journale führten ohne Unterlass Tricks zum Dachboden-Ausbau, Wintergarten-Anbau und zur Unterkellerung vor. Anders als in Deutschland liegt das erste Augenmerk nicht auf Wärmedämmung, Heizkostenersparnis oder ökologischen Vorteilen. Stattdessen geht es um mehr Platz. Britische Immobilienmakler zeichnen im Grundriss ihrer Hausprospekte jede Besenkammer als „Einzelschlafzimmer“ ein, um die Illusion von Geräumigkeit zu nähren.

Eine andere Landflucht

Da die meisten Häuser in Großbritannien auf ebenerdigen Fundamenten ruhen, ist der Weg in den Untergrund der waghalsigste Plan, um zusätzliche Wohnfläche zu schaffen, zumal viele englische Hausherren sich die notwendigen Arbeiten selber zutrauen. Alle Baumeister im eigenen Heim wurden bislang von den steigenden Immobilienwerten doppelt angefeuert: Zum einen konnten sie hoffen, ihr vergrößertes Haus werde noch größere Wertsprünge nach oben machen (die Grundstücksfläche zählt bei den britischen Wertermittlungen weit weniger als die Wohnungsgröße, die überdies wiederum eher durch die Zahl der Zimmer als durch die Quadratmeterfläche bestimmt wird). Zum anderen hatten sie gegenüber ihren Banken keine Mühe, die Hypotheken zu erhöhen, um an das notwendige Umbaukapital zu kommen.

Der Gipfelsturm der Immobilienwerte hat die Gestalt vieler Häuser verwandelt - während die Vorderfronten der Reihenhauszeilen durch Planungsvorschriften bewahrt wurden, hängen an vielen Rückseiten jetzt schachtelige Zimmerstapel. Die soziale Anmutung der Einwohnerschaft wurde gleichfalls beeinflusst. Die Landflucht in Großbritannien ist vielerorts nicht länger von Armut, sondern von Reichtum motiviert - in Kent, Cornwall oder Somerset können sich die Einheimischen oft kein Haus mehr leisten, seitdem sie immer stärker mit den erholungsuchenden Käufern aus London konkurrieren müssen. Massiv steigende Preise änderten mittlerweile den Charakter vieler idyllischer Dörfer im Süden und Südwesten Englands: Die wohlhabenden Städter erscheinen nun am Wochenende in ihren pittoresken Postkartenorten und wundern sich alsbald, warum dort nach und nach das Leben verödet und immer mehr Pubs, Poststellen und Lebensmittelläden schließen.

Ein neuer Renner im Programm

Sogar am obersten Ende des Preisspektrums gibt es Klagen: 20 Prozent der großen Landhäuser (die Kategorie beginnt bei Preisen von mehr als 2,5 Millionen Euro) werden inzwischen nach einer Immobilienstatistik - ein in Großbritannien außergewöhnlich fehlerfrei funktionierendes Datenwerk - von Profifußballern erworben. Auch das ist ein charakterverändernder Vorgang - für das betreffende Bauwerk. Zum Vorbild wurde in diesem Marktsegment das Ehepaar Beckham, welches den Landsitz Rowneybury vor acht Jahren zum „Beckingham Palace“ ausbaute; allein das neue Kinderzimmer, mit Sternenhimmel und den Portraits der Eltern als Märchenprinz und Prinzessin, soll damals mehr als 30.000 Euro gekostet haben.

In der Stadt hingegen kauften bislang vor allem die Ausländer. Am Hügel von Hampstead, von dem aus der teuerste Blick auf die Londoner City zu haben ist, halten der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal, der israelische Diamantenhändler Lev Leviev und die kasachische Geschäftsfrau Hourieh Peramaa gute Nachbarschaft in jener Straße, die im Volksmund schon lange nicht mehr Bischofsallee, sondern Milliardärszeile heißt. Nach einer Meldung des Londoner Lokalblatts „Evening Standard“ will Mittal allerdings sein Anwesen in Hampstead jetzt (für 50 Millionen Euro) veräußern, weil dicht nebenan eine Immobilienfirma neue Apartmentwohnungen baut (das Grundstück hatte zuvor einer saudischen Prinzessin gehört). In derselben Straße richtet gerade der Häuserhändler Andreas Panayiotou, Sohn griechisch-zyprischer Einwanderer, einen Palast her, den eine andere arabische Herrscherfamilie jahrzehntelang besessen, aber nicht bewohnt hatte. Dieses Haus soll mehr als 100 Millionen Euro erzielen. Panayiotou prophezeit, sein Käufer werde aus „einem Grüppchen von Russen, Indern, Griechen oder Arabern“ stammen, die auch im Moment abstürzender Immobilienwerte noch Spitzenpreise zu zahlen bereit seien.

Für alle anderen Hausbesitzer, die den Fall ihrer Eigenheim-Schätzwerte allabendlich am Fernseher miterleben, probiert unterdessen die An- und Verkaufsmoderatorin Sarah Beeny im Scherz schon neue Serientitel aus: „Wie steigere ich den Gewinn bei fallendem Wert“. Das könnte ein Renner im Programm werden.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Dieter Rüchel

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.304,41 -1,43
TecDax 734,85 -2,73
DowJones 11.384,21 +1,36
Nasdaq 2.294,44 +2,28
STOXX 50 3.287,60 -1,35
Nikkei 225 13.033,10 -2,45
S&P 500 Zert. 12,41 -1,74
Euro/Dollar 1,57 +0,33
Bund Future 112,15 +0,09
Gold 921,90 +0,53
Öl 142,31 -0,93
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