24. März 2008 Geht es nach den britischen Medien, erwartet die Teilnehmer des Langstreckenflugs BA026 aus Hongkong am kommenden Donnerstag eine zweifelhafte Premiere: Sie werden laut Flugplan die ersten Passagiere sein, die nach ihrer Landung um 4.50 Uhr im frisch eröffneten Terminal Five von London-Heathrow feierlich empfangen werden.
Doch sind die ersten Gäste des modernsten Reisetempels in Großbritannien wirklich privilegiert oder steht ihnen danach nur das Chaos bevor, das im Hauptstadt-Flughafen längst üblich ist?, fragt die Wochenzeitung Observer ketzerisch.
Ein ständiges Ärgernis
Die Skepsis der Öffentlichkeit kommt nicht von ungefähr. Mit dem Start einer neuen Abfertigungshalle baut der Heathrow-Eigentümer British Airport Authority (BAA) zwar mit einem Schlag seine Vormachtstellung gegenüber den Rivalen in Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden aus. Doch gleichzeitig ist das größte Flughafendrehkreuz in Europa, das über ein Aufkommen von mehr als 68 Millionen Passagieren im Jahr verfügt, für das Gros seiner Nutzer ein ständiges Ärgernis: Flugverspätungen, lange Warteschlangen bei Reiseantritt oder vor der Sicherheitskontrolle sowie Schlampereien beim Gepäcktransport prägen seit Jahren das triste Bild von London-Heathrow.
Um die durch personelle Engpässe und schlechte Infrastruktur verursachten Probleme zu verringern, forcierte Betreiber BAA die Expansion von Heathrow. Das ehrgeizige Vorhaben, das vor 19 Jahren geplant und binnen 6 Jahren für 5,6 Milliarden Euro umgesetzt wurde, habe dabei alle Termin- und Budgetvorgaben erfüllt. Der stolze Hinweis des Bauherrn ist freilich nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass zuvor bei ähnlichen nationalen Prestigeprojekten wie dem neuen Wembley-Stadion oder der Londoner Kulturstätte Millennium Dome Fristen und Etatgrenzen jeweils deutlich überschritten wurden.
Ein Terminal so groß wie ein mittelgroßer Flughafen
Der neue T 5, wie er im Fachjargon heißt, passt auf die Fläche des Londoner Hyde Parks und kann künftig bis zu 30 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen. Damit erreicht der vom britischen Star-Architekten Richard Rogers errichtete Glasbau schon für sich genommen die Ausmaße eines mittelgroßen Flughafens. Bis der fünfte Terminal jedoch seine volle Auslastung erreicht, müssen die übrigen Hallen für weitere 3 Milliarden Pfund (3,9 Milliarden Euro) schrittweise renoviert oder komplett ersetzt werden. Sie alle stammen aus den sechziger Jahren und waren anfangs für nur 45 Millionen Passagiere im Jahr ausgelegt. Ein Planansatz, der nach Jahren mit zweistelligen Zuwachsraten im britischen Luftverkehr und mit dem heute erreichten Volumen rasch Makulatur wurde.
Während der neue Terminal ab sofort dem Großkunden British Airways (BA) exklusiv zur Verfügung steht, müssen sich die anderen Fluglinien die Nutzung der übrigen Hallen aufteilen. Nach den Plänen des Betreibers startet von nächster Woche an der Umbau von Terminal 1. Danach folgt der Abriss von Terminal 2, der dann als Heathrow East wiederaufersteht. Beide Vorhaben müssen bis zum Jahr 2012 abgeschlossen sein, wenn die Olympischen Sommerspiele in London stattfinden. Parallel dazu würden die Abfertigungshallen 3 und 4 aufgefrischt oder renoviert, teilt die BAA mit.
Automatisierungen könnten zu Entlassungen führen
Vor allem der neue Hausherr BA verspricht sich durch den Umzug auf dem Flughafengelände eine Fülle von Vorteilen. Mit dieser Halle kehren wir zu den Zeiten des Luxusreisens zurück", preist Martin Broughton, Chef des BA-Verwaltungsrates, die Vorteile der luftig gestalteten Halle, deren Grundfläche die Größe von 52 Fußballfeldern umfasst. Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe im Jahr will indessen der Vorstandsvorsitzende Willie Walsh durch straffere Arbeitsabläufe bei der Abfertigung von BA-Passagieren sowie durch den Einsatz von Personal sparender Technik erreichen. Beispielsweise verfügt der neue Terminal über fast 100 Check-in-Automaten, bei denen sich die Fluggäste selbst einbuchen können. Die Beförderung der Reiseutensilien übernimmt ein computergesteuertes Gepäcklaufband, das sich über eine Gesamtlänge von 18 Kilometern erstreckt.
Die starke Automatisierung in den Hallen dürfte schon in Kürze zu starken Schnitten beim Bodenpersonal führen", sagt ein Manager von BAA, der nicht genannt werden will. Trifft diese Prognose zu, wäre der Großkunde British Airways eine wichtige Sorge los. Denn Heathrow zählt neben der städtischen U-Bahn in London zu den letzten Bastionen für den organisierten Widerstand der einst mächtigen Gewerkschaften in Großbritannien. Führen die Umbauten der fünf Terminals zur Ausdünnung des Bodenpersonals, wären die Risiken für Streikaktionen in Heathrow, die zu teuren Geschäftsausfällen führen und das weltweite Ansehen der Fluglinie beschädigen, "nur noch denkbar gering", heißt es in der Londoner BA-Zentrale.
Nächstes Terminal schon im Gespräch
Auch wenn jetzt für die kurzfristigen Kapazitätsengpässe in Heathrow Abhilfe geschaffen wurde, sprechen Betreiber und Politiker bei der Eröffnung des neuen Terminals nur von einer Zwischenlösung. Vor dem Hintergrund, dass die Passagierzahlen in Großbritannien auch künftig kräftig wachsen werden, fordert jetzt die britische Regierung, bis zum Jahr 2020 eine dritte Landebahn sowie ein sechstes Terminal zu bauen. Für Umweltschützer und viele Anwohner der britischen Metropole, die steigende Lärmpegel durch drei zusätzliche Flugschneisen fürchten, ist das ein Horrorszenario. Sie kündigen erheblichen Widerstand an. Die Fluggäste aus Hongkong dürfte also am Donnerstag das übliche Chaos in Heathrow erwarten.
Text: F.A.Z., 25.03.2008, Nr. 70 / Seite 20, ufe.
Bildmaterial: dpa
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