Erklär mir die Welt (22)

Warum ist Arbeitsteilung sinnvoll?

Von Thomas Straubhaar

Auch eine Form der Arbeitsteilung

Auch eine Form der Arbeitsteilung

14. November 2006 Es ist eine der bedeutendsten kulturhistorischen Erkenntnisse der Menschheit: die Einsicht, daß Arbeitsteilung sinnvoll ist. Menschen tun das, was sie gut können, und lassen jenes, wozu sie weniger talentiert sind. Die eine schreibt kluge Artikel, der andere wickelt in der Zwischenzeit die Kinder.

Der Bäcker sorgt fürs Brot, der Schlachter fürs Fleisch, und der dritte macht daraus die besten Sandwiches. Adam Smith schilderte, wie die Herstellung von Stecknadeln in einzelne Teile zerlegt werden kann: Draht ziehen und schneiden, zuspitzen und schleifen.

David Ricardo schrieb davon, daß sich England auf die Herstellung von Tuch konzentrieren solle, Portugal dagegen auf die Weinproduktion - eine Aufteilung, der wohl auch die Önologen von Herzen zustimmen dürften

Niemand ist zu schlecht

Arbeitsteilung hilft, das wichtigste ökonomische Ziel zu erreichen: mit Rohstoffen und Arbeit sparsam umzugehen und so hohe Erträge wie möglich herauszuholen. Sie verwirklicht aber auch einen wichtigen humanistischen Gedanken: Niemand ist zu schlecht, um zu einem wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft beizutragen.

Das gilt auch für Menschen, die nirgendwo große Talente sind, die weder mit dem Kopf noch mit den Händen wirkliche Spitzenleistungen vollbringen, die weder Kraft noch Geschick haben - auch sie können wirtschaftlich Wertvolles leisten. Dann nämlich, wenn sie die Klügsten und Besten bei weniger anspruchsvollen Arbeiten entlasten.

Das gilt zum Beispiel in der Familie: Die Mutter mag lesenswerter schreiben als der Vater und die Kinder besser wickeln. Trotzdem ist es für die Familie sinnvoller, wenn der Vater wenigstens versucht, sich in der Familie nützlich zu machen, anstatt seine Zeit sinnlos vor der Glotze zu verplempern. Dadurch ermöglicht er der Frau, zu schreiben und Geld zu verdienen. Das ist das einfache Gesetz der komparativen Vorteile von David Ricardo.

Klügere Frauen sollten Karriere machen

An dieses Gesetz sollten deutsche Familien immer wieder denken. Oft quält sich ein schlecht ausgebildeter Mann im Berufsleben und bringt gerade mal das Allernötigste nach Hause, gleichzeitig unterbricht seine Partnerin ihre Erfolgskarriere und gefährdet sie, um die Hausarbeit zu machen. Dabei wäre die Frau möglicherweise intelligenter und besser ausgebildet als der Mann - und er im Haushalt besser aufgehoben. Es ist nicht nur für die Familie, sondern auch für die Volkswirtschaft insgesamt von Vorteil, wenn klügere Frauen Karriere machen und dümmere Männer zu Hause bleiben.

Doch es sind nicht nur Ricardos komparative Vorteile, die die Arbeitsteilung wirtschaftlich sinnvoll machen. Daß man Aufgaben trennt, fördert zusätzlich die Geschicklichkeit der Menschen - weil sie sich dann spezialisieren können. Dadurch können sie ihre Fähigkeiten leichter weiterentwickeln. Am Ende produzieren sie mehr in der gleichen Zeit. Der Volkswirt sagt: Die Arbeitsproduktivität steigt.

Dadurch lohnt es sich für die Arbeitgeber eher, die Arbeitsplätze mit besseren Geräten und Werkzeugen auszustatten, vielleicht sogar mit Maschinen, Apparaten und Fahrzeugen. Es entstehen Anreize für permanente Investitionen und Innovationen.

So beginnt der technische Fortschritt im Betrieb. Früher oder später schwappt er auf die gesamte Volkswirtschaft über. Dann wächst die Wirtschaft, und der Wohlstand einer Nation nimmt zu. So verbessern Arbeitsteilung und Spezialisierung zunächst die betriebswirtschaftliche Effizienz, als Folge davon auch die volkswirtschaftliche.

Weltweiter Wohlstand

Ohne eine starke Arbeitsteilung wäre die Industrialisierung nicht denkbar gewesen - und sie schob ein vorher nie gekanntes Wirtschaftswachstum an. So haben Arbeitsteilung und Spezialisierung die Menschen aus einer jahrhundertelangen ökonomischen Stagnation auf einen dauerhaften Wachstumspfad gebracht.

Die guten Auswirkungen der Arbeitsteilung gibt es nicht nur im kleinen Maßstab innerhalb von Familien, Betrieben, Dörfern und Ländern. Das Prinzip funktioniert auch, wenn man die ganze Welt betrachtet. Wenn sich verschiedene Länder die Arbeit teilen, ermöglicht das zusätzlichen Wohlstand, und zwar weltweit: Waren und Dienstleistungen werden dort hergestellt, wo sie am billigsten sind.

Güter, die andernorts günstiger produziert werden als hier, werden importiert. Güter, die anderswo teurer hergestellt werden, werden exportiert. Der internationale Handel sorgt für den Ausgleich von Mangel und Überfluß.

Globale Arbeitsteilung

So hat die Globalisierung in den letzten fünfzig Jahren die Weltwirtschaft noch einmal dramatisch zum Positiven verändert. Das Zollabkommen Gatt und später die Welthandelsorganisation haben teure, ökonomisch unsinnige Zölle und Importquoten abgebaut. Gleichzeitig lassen moderne Transport- und Kommunikationssysteme die Welt zusammenrücken.

Dadurch hat sich die Arbeit global aufgeteilt. Die Kosten, Löhne und Preise in Deutschland sind jetzt abhängig von den Kosten, Löhnen und Preisen in China. Aber die Arbeitskräfte von dort sind nicht nur Konkurrenten. Sie sorgen auch dafür, daß DVD-Geräte und Waschmaschinen in Deutschland billiger werden, und sie kaufen auch deutsche Leistungen ein.

Kostenunterschiede haben dazu geführt, daß sich die Menschen immer wieder spezialisierten - jedesmal sind die Menschen dabei reicher geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Arbeitsteilung dafür gesorgt, daß die Menschen heute besser und länger leben als jemals zuvor in der Weltgeschichte, dabei leben jetzt viel mehr Menschen auf der Erde als vorher.

„Krieg um Wohlstand“

Arbeitsteilung und Spezialisierung sind nicht die Ursache dafür, daß es immer noch zu viel Hunger, Massenelend, Armut und Unterdrückung gibt. Sie sind die Lösung - sicher nicht die einzige, aber doch eine maßgebliche.

Wer sich heute gegen eine globale Arbeitsteilung ausspricht und dafür plädiert, regionale Blöcke zu bilden und sich abzuschotten, der schadet der Weltwirtschaft enorm. Er plädiert für Protektionismus. Wenn der sich auf der Welt durchsetzt, vernichtet das wirtschaftlichen Wohlstand - und zwar zuerst im Inland. Daran sollten sich alle erinnern, die Deutschland in einem "Krieg um Wohlstand" sehen, weil deutsche Unternehmen Arbeitsplätze im Ausland schaffen.

Adam Smith hat mit seinen Erkenntnissen über die Arbeitsteilung den mittelalterlichen Volkswirtschaften den Weg in die industrielle Neuzeit geebnet. Wir sollten uns hüten, in unserem Denken und Handeln hinter seine Erkenntnisse zurückzufallen. Was er herausgefunden hat, gilt auch heute noch.

Thomas Straubhaar ist Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 58
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL - FAZ

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Einbruch, Feuer oder Blitzschlag - schützen Sie Ihr Hab und Gut gegen Schäden. Jetzt vergleichen!

Dax
Tec
Dow
Nas
20.11.2009 | 17:45
Dax 5.663,15
−0,68 %
 
        Vortag
20.11.2009 | 23:58
Name Kurs in %
DAX 5.663,15 −0,68%
TecDAX 761,84 +0,15%
MDAX 7.149,85 −0,77%
SDAX 3.520,91 −0,43%
REX 375,04 +0,15%
Eurostoxx 50 2.833,06 −0,95%
Dow Jones 10.318,20 −0,14%
Nasdaq 100 1.764,39 −0,50%
S&P500 1.091,38 −0,32%
Nikkei225 9.497,68 −0,54%
EUR/USD 1,4863 −0,34%
Rohöl Brent Crude 77,20 $ −0,39%
Gold 1.140,00 $ +0,40%
Bund Future 122,61 € +0,19%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche