Von Winand von Petersdorff
22. April 2007 Die zentrale Passage im Abschiedsschreiben des vor dem Rücktritt stehenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Siemens AG, Heinrich von Pierer, lautet: Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass die Pflicht gegenüber dem Unternehmen und seinen weit mehr als 400.000 Mitarbeitern in aller Welt Vorrang vor eigenen Interessen haben muss. Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung.
Der erste Satz ist trivial, der zweite ist irritierend. Pierer übernimmt Verantwortung mit seinem Abschied und trägt sie doch nicht? Der große Manager will uns eigentlich sagen, dass er ohne Fehl und Tadel sei und trotzdem gehe, um Schaden vom Konzern abzuwenden, dem er immer treu gedient habe. Im Grunde, lässt er durchblicken, habe ihn die Öffentlichkeit gemobbt und vorverurteilt.
Die eigene Fehlerhaftigkeit nicht ertragen
Deutschland erlebt die sprachlichen Verrenkungen eines Mannes, der die eigene Menschlichkeit und Fehlerhaftigkeit genauso wenig erträgt wie den Machtverlust.
Einer muss den Laden doch zusammenhalten, hat Pierer gerne gesagt. Das sollte leutselig klingen und ist doch Ausdruck einer Allmachtsphantasie, die im scharfen Kontrast zu Pierers fehlender Bereitschaft steht, Verantwortung wahrzunehmen. Die Macht ja, die Verantwortung nein, das ist eine Einstellung, die nur im Umfeld von kritiklosen Schmeichlern blühen kann oder Ausdruck einer überraschenden Blindheit ist. Das eine ohne das andere geht nicht.
Verqueres Denken
Pierer müsste einmal die Bedeutung der Begriffe Verantwortung, Schuld und Macht ergründen, um sie trennscharf definieren zu können. Vor einigen Wochen, als er sich noch mit Klauen gegen einen Rücktritt sperrte, sagte Pierer, er halte nichts von der sogenannten politischen Verantwortung: Auf die Wirtschaft lässt sich dieser Begriff nicht übertragen. Und weiter: Ein Rückzug wird später mit Sicherheit falsch interpretiert. Dieser sei deshalb nicht zumutbar.
Das ist falsch gleich in mehrerlei Hinsicht und illustriert das verquere Denken eines Mannes, der sich stets zu Hohem berufen fühlte. Selbst wenn die Öffentlichkeit ihm einen Rücktritt als persönliche Schuld ausgelegt hätte, wäre er sehr wohl zumutbar gewesen, weil die Privatinteressen des Heinrich von Pierer hinter den Interessen des Konzerns zurückzustehen haben. Dass seine älteren Aussagen nicht zu dem eingangs zitierten jüngeren Statement passen, sei am Rande erwähnt.
Verantwortung und Schuld sind zweierlei
Niemand behauptet, Pierer habe einen Koffer mit schwarzem Geld durch die Gegend getragen. Niemand bezichtigt Pierer einer Schuld. Doch Verantwortung und Schuld sind zweierlei: Verantwortung ist die zwingende Implikation der Macht.
In Pierers Verantwortungssphäre als Vorstandsvorsitzender und als Aufsichtsratsvorsitzender fallen unglaubliche Vorgänge. Irgendwie sind 420 Millionen Euro in dunklen Kanälen verschwunden. Als Aktionär wünscht man sich schon, dass der Chef die Beträge ab einer bestimmten Höhe im Auge hat, wenn er schon nichts über ihre Verwendung weiß. Er ist schließlich nicht der Portier, sondern einer, der den Laden zusammenhalten will.
Natürlich kann Pierer in einem Großkonzern wie Siemens nicht alles wissen. Aber das ändert nichts an seiner Zuständigkeit. Pierer hätte schon viel früher gehen müssen. Heinrich von Pierer war ein Manager, der Siemens vorangebracht und auf die neue Zeit eingestellt hat. Er war ein Manager mit Macht und Verantwortung.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.04.2007, Nr. 16 / Seite 36
Bildmaterial: dpa
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