Bundesagentur für Arbeit

Bedrohliche Sätze aus Nürnberg

Von Claudia Bröll

21. Januar 2004 Er ist entspannt, lächelt und gibt geduldig Kamerateams und Journalisten Interviews. Florian Gerster legt in der Zeit, in der sich die Affäre um seine Person zum wiederholten Male dramatisch zuspitzt, eine erstaunliche Gelassenheit an den Tag.

"Bis jetzt geht es doch, ich habe überlebt und fühle mich privat ganz wohl", gibt er mit scherzhaftem Unterton am Dienstag in Frankfurt zu Protokoll und gesteht zumindest zu: "In diesen Tagen ist es ein bißchen schwierig". Er gehe aber weiter jeden Morgen schwimmen, trinke abends ein paar Bierchen und versuche ansonsten ein normaler Mensch zu sein.

Die Frage, ob ihm die Arbeit als Chef der jetzt neu benannten Bundesagentur für Arbeit noch Spaß mache, kontert er mit der Feststellung, daß ihm von vornherein klar war, daß er diesen Posten nicht zur Verbesserung seiner Lebensqualität angenommen habe. "Ich versuche damit vernünftig umzugehen und hoffe, daß die Medienvertreter nicht nur darauf warten, daß ich stolpere". Sagt es und entschwindet, um auf einer Festveranstaltung den bisherigen Präsidenten des Landesarbeitsamtes zu verabschieden - ein ganz normaler Akt im Alltag eines Chefs der Arbeitsverwaltung.

Ein Vorwurf jagt den nächsten

Das Jahr hat für den Dienstherrn der Nürnberger Behörde, die gerade mitten in einem Reformprozeß steckt, mit einer Flut von Negativschlagzeilen begonnen. Seit dem Skandal um einen freihändig vergebenen Vertrag an die Medienberatung WMP Eurocom, in dem die Regierung Behördenleiter Gerster quasi freigesprochen hat, jagt ein Vorwurf den nächsten. Am vergangenen Freitag sorgt die Meldung über den Abschluß neuer Beraterverträge mit sechs Unternehmensberatungen für Aufruhr. Vetternwirtschaft wird in der Behörde vermutet. Am Montag wirft CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer Gerster vor, den Bundestag getäuscht zu haben. Am selben Abend dringt aus Kreisen der Bundesagentur für Arbeit an die Öffentlichkeit, daß in den Prüfberichten der Innenrevision, die derzeit alle Beraterverträge mit einem Auftragsvolumen von mehr als 200.000 Euro unter die Lupe nimmt, Unstimmigkeiten aufgetaucht sind. Und am Dienstag morgen wird kolportiert, daß Gerster ein Vorstandspapier zu dem WMP-Eurocom-Vertrag nachträglich geändert haben soll. Darin sei schon auf die anstehenden Arbeitsmarktreformen Bezug genommen worden, bevor diese der Kanzler in seiner Rede zur Agenda 2010 überhaupt angekündigt hatte.

Entschärft - mit einer Ausnahme

Auf die Anschuldigungen haben Gerster und seine Sprecherin mittlerweile reagiert und sie zu großen Teilen entschärft - mit einer Ausnahme: Die Spekulationen über neue Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Berateraufträgen blieben unkommentiert. Am Dienstag abend hat sich damit der Verwaltungsrat der Behörde befaßt. Bis Ende der Woche soll der Bericht der Innenrevision dazu auf dem Tisch liegen. Erhärten sich die Vermutungen, könnte es tatsächlich eng werden für den früheren Hoffnungsträger der Bundesregierung. Die Sätze, die aus der Behörde nach außen dringen, klingen bedrohlich. Von einer sehr, sehr ernsten Lage ist die Rede, auch an Konsequenzen im Vorstand werde gedacht.

Gerster jedoch vermutet in dem Rummel um seine Person weiterhin nichts anderes als eine inszenierte Kampagne. "Ich kann keinen Schritt mehr tun, der nicht skandalisiert wird". Von "gesuchten Scheinwidersprüchen" spricht er. Die öffentliche Meinung beziehe sich zum großen Teil auf Initiativen, die wenig mit den Fakten zu tun hätten. "Ich erkläre mir die Kampagnen damit, daß es Interessen gibt, den Umbauprozeß zu behindern und den Vorstandsvorsitzenden in seiner Arbeit zu beschädigen."

Daß der Einsatz teurer Unternehmensberatungen auf Widerstände stößt in einer Zeit, in der Arbeitslosen gleichzeitig die Bezüge gekürzt werden, läßt er nicht gelten. Vielmehr verweist er auf den Etat der Behörde von 54 Milliarden Euro und den Umfang des Reformprozesses. Damit verglichen seien 42 Millionen Euro für Beratungsdienste vertretbar. Gleichzeitig betont er, daß alle Beraterverträge mit Ausnahme des umstrittenen PR-Vertrags mit WMP Eurocom etwa vier Hierarchieebenen unterhalb des Vorstands vergeben worden seien.

Nicht nur Freunde gemacht

In der Tat hat sich der nüchterne, häufig kühl auftretende Behördenchef in seiner Amtszeit nicht nur Freunde gemacht. Vielen erscheint Gerster, der von sich selbst gerne in der dritten Person spricht, überheblich. Gleich zu Beginn hat er zudem etliche Mitarbeiter in der Behörde verprellt mit der Ankündigung, er wolle die Beschäftigtenzahl halbieren. Er selbst vermutet zudem Widersacher in den Einrichtungen der Bildungsträger. Diese seien verärgert, weil der Geldstrom aus der Bundesanstalt nicht mehr so kräftig fließe wie zuvor. In Berlin wiederum sieht er sich als Zielscheibe der Opposition, um letztlich die Bundesregierung zu treffen. Fällt Gerster, scheitert womöglich eines der ehrgeizigsten Reformprojekte der rot-grünen Koalition. "Da ich ein erfolgreiches Politikerleben ohne Affären hinter mir haben, müssen die jetzigen Affären mit der BA zu tun haben", lautet seine Argumentation.

Die Bundesregierung hat er bisher noch hinter sich. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), dem in der Vergangenheit einige Meinungsverschiedenheiten mit seinem Mann in Nürnberg nachgesagt werden, stärkte ihm ausdrücklich den Rücken. Zuvor hatte seine Sprecherin Meldungen, daß im Wirtschaftsministerium über eine Ablösung Gersters nachgedacht werde, als "Spekulation" bezeichnet.

Der Revisionsbericht könnte diese Position schnell ändern. Bislang gibt sich Gerster vor den Kameras indes siegesgewiß und strotzt vor Selbstbewußtsein. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß es eine andere Person gibt, die danach in den Reformprozeß einsteigt und ihn zu einem rauschenden Erfolg bringt", meint er. Wenn der Prozeß jetzt gestört werde, könne man später nicht mehr an derselben Stelle anknüpfen. Er hoffe, bald wieder sachlich arbeiten zu können, und "daß Florian Gerster wieder an seinen Aufgaben beurteilt wird und nicht an der Krawatte, die er trägt, und, ob er jemand die Hand schüttelt."



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2004, Nr. 17 / Seite 3
Bildmaterial: AP

 
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