Korruption

„Siemens ist nur die Spitze des Eisbergs“

Thorsten Mehles

Thorsten Mehles

28. April 2007 Siemens steckt tief im Korruptionssumpf – und ist kein Einzelfall. Wirtschaftskriminalität verursacht in Deutschland jährlich Schäden in hoher zweistelliger Milliardenhöhe, schätzt Thorsten Mehles. Der frühere Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität des Bundesnachrichtendienstes ist Vorstandsvorsitzender der Hamburger Prevent AG, die Unternehmen – darunter etliche Dax-Werte – bei der Aufdeckung von Korruptionsfällen begleitet und Schutzstrategien entwickelt.

Siemens, Philips, VW – sind diese prominenten Korruptionsfälle nur die Spitze des Eisbergs?

Ja, denn nur ein äußerst geringer Teil der Fälle gelangt an das Licht der Öffentlichkeit. Schätzungen besagen, dass 80 bis 90 Prozent im Dunkelfeld bleiben, sprich gar nicht entdeckt werden. Von den 10 bis 20 Prozent der Fälle, die dann aufgedeckt werden, gelangt wiederum nur ein Bruchteil in die Medien.

Warum?

Die Unternehmen haben selten Interesse daran, dass ein Korruptionsfall in den eigenen Reihen öffentlich bekannt wird. Sie brauchen den geschäftlichen Erfolg und nicht die negative Publizität durch Schäden, die interne Täter verursacht haben.

Wie groß ist der Schaden der Wirtschaftskriminalität in Deutschland?

Das Bundeskriminalamt hat für 2005 einen Schaden von 4,2 Milliarden Euro registriert. Doch das ist nur das Hellfeld, also nur die durch Strafverfolgungsbehörden aufgedeckten Straftaten. Einschließlich all der Fälle, bei denen keine Anzeige erstattet wird, dürfte der jährliche materielle Schaden in einem hohen zweistelligen Milliardenbereich liegen. Die Verluste von Reputation und Image sind immens, lassen sich aber kaum beziffern.

Haben Sie den Eindruck, dass die Sensibilität der Unternehmen in Sachen Korruption wächst – gerade auch wegen der vielen Medienberichte über Siemens & Co.?

Ja, die Sensibilität ist deutlich gestiegen. Dazu hat sicher auch die breite Berichterstattung in den Medien beigetragen. Inwieweit sich das auf praktische Veränderungen in den Geschäftsprozessen auswirkt, variiert von Unternehmen zu Unternehmen – je nachdem, ob die strategische Prävention zur Chefsache gemacht wird. Viele Unternehmenschefs handeln erst dann, wenn das eigene Unternehmen Opfer wirtschaftskrimineller Praktiken geworden ist. Die Haltung ist gefährlich, denn das Risiko ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, und strategische Prävention ist notwendiger denn je.

Warum?

Der Wettbewerbsdruck nimmt international stark zu. Die Geschäftsprozesse werden komplexer und bieten somit breitere Tatgelegenheiten. Durch den Eintritt in neue Märkte werden Unternehmen mit Geschäftskulturen konfrontiert, die mit den hiesigen Corporate-Governance- und Compliance-Standards wenig gemein haben. In verschiedenen Ländern Osteuropas, im Nahen und Fernen Osten oder auch in Asien herrschen andere ethische Standards und Sensibilitäten bei den Themen Wirtschaftskriminalität und Korruption und somit auch andere Schwellenwerte beim Überschreiten bestehender Vorschriften.

In diesen Ländern kommen westliche Unternehmen also ohne Korruption und Bestechung nicht durch?

Klares Nein. Man kommt auch dort ohne Korruption durch. Nur die Gefahr, mit wirtschaftskriminellen Phänomenen konfrontiert zu werden, ist in diesen Ländern eindeutig höher als bei Geschäften in Westeuropa

Aber wenn zum Beispiel der Wettbewerber aus Frankreich „mitspielt“, der deutsche Unternehmer indes die Flagge der Ehrbarkeit hochhält, geht dann nicht jeder Auftrag verloren?

Oft wird vorschnell genau so argumentiert, nämlich dass man ohne Korruption wirtschaftlich nicht erfolgreich sein könne. Aus meiner Sicht werden aber längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um sowohl den Anforderungen an ein ethisch und rechtlich sauberes Geschäftsgebaren einerseits und andererseits auch den wirtschaftlichen Erfolgsgesichtspunkten Rechnung zu tragen.

Wie soll denn ein Unternehmer konkret darlegen, dass sein Angebot ohne schmierende Elemente besser ist als das des Konkurrenten?

Aus meiner Sicht sind deutsche Unternehmen gerade auch in Osteuropa sehr gefragte Gesprächspartner. Das gründet in der Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen. Wenn ein deutsches Unternehmen deutlich macht, wo die eigene Tabuzone beginnt, kann es sich klar positionieren und sich von korrumpierenden Wettbewerbern positiv abgrenzen.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, nach dem die Strafvorschriften gegen Korruption verschärft werden sollen. Halten Sie das für richtig?

Zu einer effektiven Korruptionsbekämpfung gehört ein scharfes Korruptionsstrafrecht. Sie aber darauf zu reduzieren greift indes zu kurz. Bei der Korruptionsbekämpfung geht es auch um ethische Denk- und Einstellungshaltungen. Die Unternehmen müssen selbst klar definieren, was mit ihnen geht und was nicht. Unternehmen dürfen es nicht verlernen, nein zu sagen, wenn es um Wirtschaftskriminalität geht.

Die Ermittlungsbehörden sind überlastet und überfordert. Gibt es nicht enorme Engpässe bei der Aufarbeitung von Korruptionsfällen?

Die öffentlichen Stellen stehen unter einem enormen Druck, was personelle und organisatorische Ressourcen angeht. Immerhin gibt es in vielen Bundesländern jetzt Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften und Sonderdezernate zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität, die aus meiner Sicht erfolgreich arbeiten. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kapazitätsgrenzen oft erreicht sind. Das ist bitter, denn das Maß der Aufdeckung korreliert direkt mit Umfang und Tiefe der Untersuchung.

Was können die Unternehmen konkret tun, um sich wirksam zu schützen?

Am Anfang steht die genaue Analyse der Geschäftsprozesse. Ein Beispiel: Wenn ein Unternehmen in den osteuropäischen Markt einsteigen will, muss es sich die Risiken anschauen, die sich in der Region aus Wirtschaftskriminalität und Korruption ergeben, und dann ein maßgeschneidertes Schutzkonzept entwickeln. Außerdem müssen als Standard Geschäftspartner, Kunden und Führungskräfte überprüft werden.

Unternehmen sollten sich von Partnern und Kunden trennen, die in Sachen Wirtschaftskriminalität nicht den eigenen Standards entsprechen?

Ja, denn mittel- und langfristig holt man sich damit unbeherrschbare Risiken und Imageschäden in das Unternehmen. Und die wiegen weitaus schwerer als ein kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolg.

Was sind die größten Fehler, die Unternehmen machen, wenn sie einem Verdacht auf wirtschaftskriminelle Handlungen folgen?

Ich sehe drei große Fehler. Erstens: Es wird oft zu früh agiert und auf Verdächtige zugegangen, ohne dass der Komplex systematisch analysiert wurde. Täter können dadurch leicht wichtige Spuren verwischen und die Aufklärung behindern. Zu frühes Handeln hilft Komplizen und Hintermännern. Zweitens: Oft ist zu wenig Fachkenntnis am Werk. Täter gehen bei diesen Straftaten häufig mit hoher krimineller Energie und Phantasie vor. Man braucht daher spezielle Instrumente und Methoden für eine schnelle und präzise Aufklärung. Drittens: Die Aufklärungsarbeit steht oft unter einem selbst verursachten Zeitdruck, was einer umfassenden Aufklärung entgegensteht.

Steigt die Neigung, Korruptionsfälle öffentlich zu machen?

Das variiert von Unternehmen zu Unternehmen und von Fall zu Fall. Es gibt aber durchaus Situationen, in denen Unternehmen gerade mit einer Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden ein Signal geben wollen.

Was sind die häufigsten Fälle von Wirtschaftskriminalität?

Wirtschaftskriminalität betrifft alle Branchen. Überall, wo große Summen bewegt werden, besteht der Anreiz für Bestechung, Betrug und Unterschlagung. Die Taten werden komplexer und internationaler, Scheinfirmen werden weltweit eingerichtet, um teils beträchtliche Firmengelder abzuschöpfen. Auch der Verrat von oder Angriff auf Betriebsgeheimnisse oder Forschungs-Knowhow nimmt stark zu. In einer globalisierten Welt entscheidet der schnelle Zugang zu Informationen darüber, wer sich in einem neuen Markt an die Spitze setzt. Da werden dann auch illegale Methoden eingesetzt.

Gibt es ein typisches Täterprofil?

Wirtschaftskriminelle haben oft kein Unrechtsbewusstsein und ein diffuses Werteverständnis. Oft handeln Täter aus dem Gefühl heraus, schlecht behandelt worden zu sein, oder im Glauben, dass im Grunde doch alle so agierten wie sie selbst.

Das Gespräch führte Johannes Ritter



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Anna Mutter - F.A.Z.

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