06. August 2003 Drei Politiker, ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Gesellschaftsethiker antworten:
Kurt Biedenkopf (CDU)
Generationengerechtigkeit herrscht, wenn die Generation meiner Enkel durch die politischen Entscheidungen der aktiven Generation und die Zukunftslasten, welche die nicht mehr Aktiven angehäuft haben, nicht stärker belastet wird, als es den vorausgegangenen Generationen gerade noch zumutbar erschien. Die Gerechtigkeit zwischen den Generationen ist verletzt, wenn die Chancen der kommenden Generation, ihr eigenes Leben so zu gestalten wie ihre Eltern, unter einem Gebirge von Lasten begraben werden. Diese Gerechtigkeit unter den Generationen wird zunehmend verletzt. Wir haben die Zukunft mit rund 1300 Milliarden Euro Staatsschulden belastet, von denen nur der geringere Teil Investitionen dient. Die Ansprüche aus Renten- und Pflegeversprechen betragen rund 5000 Milliarden Euro. Der Geburtenrückgang verringert die Zahl derer, welche diese Lasten tragen sollen. All dies berechtigt die Generation meiner Enkel, den Teil künftiger Lasten zu verweigern, der über den heute zumutbaren hinausgeht. Ich werde sie dabei unterstützen.
Franz Müntefering (SPD)
Der Begriff Generationengerechtigkeit meint in der politischen Debatte zu oft nur den Anspruch, die sozialen Lasten gerecht zwischen den Generationen zu verteilen, heute und in Zukunft. Das ist wichtig, aber zu defensiv. Der Generationenbegriff steht als Synonym für die Schablone Aktive und für die Schablone Rentner. Was beides erkennbar der Lebenswirklichkeit und dem Prozeßhaften aller Politik nicht genügt. Der Begriff der Generationengerechtigkeit wird sogar ein Problem, wenn er die Notwendigkeit von Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit vernebelt. Wenn er verdrängt, daß Kinderfreudigkeit und Familienfreundlichkeit, daß Investitionen in die Köpfe und in die Herzen der jungen Menschen Grundvoraussetzung sind für Gerechtigkeit für alle Mitglieder der Gesellschaft, und zwar auf dauerhaft hohem Wohlstandsniveau. Gerechtigkeit meint primär das Individuum, nicht die Alterskohorte. Politik heute kann nur gut sein, wenn sie auch gut ist für morgen und übermorgen.Wenn das gemeint ist mit Generationengerechtigkeit - einverstanden.
Katrin Göring-Eckardt (Grüne)
Steht uns ein unauflöslicher Konflikt zwischen den Generationen bevor? Wird die demographische Entwicklung uns zum sozialen Minimalkonsens zwingen? Nein, aber wir müssen die Gerechtigkeit heute neu beschreiben. Nicht mehr allein Umverteilung innerhalb der heutigen Gesellschaft, sondern eben die Gerechtigkeit zwischen den Generationen und Verantwortung für Gegenwart und Zukunft stehen im Mittelpunkt. Gemeinsinn und Freiheit sind untrennbar für eine soziales und zukunftsfähiges Land. Ziel einer generationengerechten Politik muß es sein, jede Generation in die Lage zu versetzen, ihre Potentiale auszuschöpfen, um ihr Leben mehr als bisher selbstbestimmt zu gestalten. Der Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt und zur sozialen Sicherung spielt eine Schlüsselrolle. Wichtig ist es, strukturelle Reformen einzuleiten, die unserWirtschafts- und Sozialsystem auf eine tragfähige Grundlage stellen. Kindern und Enkeln eine ökologisch intakte Umwelt zu hinterlassen ist selbstverständlich. Generationengerechtigkeit ist die Verbindung von Ökologie, Ökonomie und einer Gerechtigkeit, die alle einschließt. Dazu gehört es, Freiheit mit der Sicherheit der Solidarität zu verbinden.
Bernd Raffelhüschen, Ökonom
Unter Generationengerechtigkeit wie auch unter Gerechtigkeit per se versteht jeder etwas anderes. Solch unbestimmbare Begriffe mit hohem Werturteilscharakter können inhaltlich nur durch politische Abstimmung gefüllt werden. Dennoch gibt es einige Grundzüge in der Einschätzung: Die meisten von uns halten ein gewisses Maß an Gleichheit für gerecht. Wenn dem so ist, würde sich der Begriff Generationengerechtigkeit weitgehend mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Handelns decken. Nachhaltig wirtschaften heißt, daß Leistungen und Gegenleistungen über Generationen hinweg ausgeglichen sind. Beispielsweise wäre unsere Sozialpolitik dann gerecht, wenn künftige Generationen bei gleicher Abgabenlast dieselben Leistungen von der staatlichen Gemeinschaft erhalten könnten wie die heute lebenden Generationen. Vom Zustand der Nachhaltigkeit sind wir weit entfernt, weil wir uns derzeit eher wie Zechpreller zu Lasten unserer Kinder verhalten.
Friedhelm Hengsbach, Gesellschaftsethiker
Der Begriff der "Generation" ist untauglich, um kollektive Rechte und Pflichten gemäß dem normativen Maßstab der Gerechtigkeit zu bestimmen. Die Geschlechterfolge von Urahne, Großmutter, Mutter und Kind hat für den sozioökonomischen Status in modernen Gesellschaften keine Relevanz. Das Konstrukt der Generation der "Flakhelfer", "Trümmerfrauen" oder "Achtundsechziger" bündelt die Angehörigen einer ungefähr gleichen Altersstufe mit ähnlicher Lebensorientierung. Einen Geburtsjahrgang als Generation zu bezeichnen klingt extrem willkürlich. Der alltägliche Sprachgebrauch setzt eine Generation mit der durchschnittlichen Lebenszeit eines Menschen gleich. In einer Gesellschaft, deren soziale Integration an die Erwerbsarbeit gekoppelt ist, spielt die Zugehörigkeit zu einer wie auch immer definierten Generation eine nachrangige Rolle. Die Gruppe der Erwerbstätigen muß eine Gütermenge erwirtschaften, die den eigenen Lebensunterhalt sowie den für die noch nicht und die nicht mehr Erwerbstätigen gewährleistet. So reduziert sich die Gerechtigkeitsfrage von diffus abgegrenzten Generationen zu einer Frage der gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zwischen Erwerbstätigen, Geschlechtern und Haushalten derselben Generation.
Text: rwi. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite 13
Bildmaterial: AP, dpa
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