04. Juli 2008 Der Axel Springer Verlag, das größte deutsche Zeitungshaus, sucht nach dem Debakel um den Postdienstleister Pin neue Chancen in den digitalen Medien. Auch am Fernsehsender Sat.1 hat Springer Interesse.
Herr Döpfner, die Kritik an Ihrem gescheiterten Versuch, mit dem Briefzusteller Pin ins Postgeschäft einzusteigen, ebbt nicht ab. Kürzlich warf Ihnen Jürgen Richter, einer Ihrer Vorgänger an der Verlagsspitze, im Zusammenhang mit der Pin-Transaktion sogar eine Art Aktienkursmanipulation im eigenen Interesse vor. Was sagen Sie dazu?
Herr Richter hat vor elf Jahren unser Unternehmen nach kurzer Amtszeit verlassen. Seither hat er mehrfach öffentlich erklärt, dass seine Nachfolger alles falsch machen und er alles richtig gemacht hätte. Das ist sein gutes Recht. Aber mit dem jetzt erhobenen Vorwurf ist klar eine rechtliche Grenze überschritten worden. Ich muss das in aller Form zurückweisen. Richters Darstellung ist schlicht falsch. Er hat mittlerweile auch eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abgegeben und damit dokumentiert, dass seine Aussage unhaltbar ist.
Die Deutsche Post, Ihr ehemaliger Rivale bei Pin, sucht Partner in der Verlagsbranche, um Gratisblätter herauszubringen. Sind Sie interessiert?
Nein. Das wäre ordnungspolitisch bedenklich und ein Angriff des Staatsmonopolisten auf die Vielfalt der deutschen Verlagslandschaft.
Die Pin-Pleite hat Springer mehr als 600 Millionen Euro gekostet. Wie geht es nun weiter?
Nachdem ein deutsches Gericht festgestellt hat, dass der Mindestlohn in dieser Höhe rechtswidrig war, hat sich zwar unsere der Transaktion zugrunde liegende Rechtsauffassung bestätigt, und wir sind moralisch und unternehmerisch rehabilitiert. Das Kapital aber ist dennoch vernichtet.
Können Sie sich heute größere Investitionen überhaupt noch leisten?
Wir haben das Problem klar adressiert, schnell gehandelt und die Abschreibung im Geschäftsjahr 2007 voll verarbeitet. Wir schauen nach vorne: Axel Springer ist gut mit Finanzmitteln ausgestattet. Wir haben aktuell eine Eigenkapitalquote von 38 Prozent, einen hohen Cash-flow und eine Kreditlinie von 1,5 Milliarden Euro. Rarer sind attraktive Investitionsmöglichkeiten. Der strategische Schwerpunkt liegt auf der konsequenten Digitalisierung unseres Geschäfts. Und auf der erfolgreichen Integration unserer Akquisitionen des vergangenen Jahres.
Verdienen Sie mit Ihren Zukäufen schon Geld?
Das Onlineportal Au Feminin erwirtschaftet die höchste Umsatzrendite im ganzen Unternehmen. Auch der Internet-Werbevermarkter Zanox ist hochprofitabel. Sieben unserer zehn größten Online-Projekte verdienen Geld. 20 Prozent unserer Werbeumsätze werden aus dem Online-Geschäft erwirtschaftet. Damit liegen wir deutlich besser als der deutsche Werbemarkt, in dem Online noch deutlich unter 10 Prozent ausmacht.
Dennoch zeigt sich mittlerweile, dass die Werbeumsätze mit der neuen Generation von Internetunternehmen des Web 2.0 schwerer zu erwirtschaften sind als gedacht.
Wir sehen diese Ernüchterung gelassen und sind davon auch nicht ganz überrascht. Springer hat in solche Netzwerke, in denen die Nutzer selbst die Inhalte schaffen, nicht investiert. Uns ist von Anfang an das Risiko zu hoch gewesen, hohe Preise für Unternehmen zu bezahlen, die nur Reichweite, also Nutzerzahlen, aber keine Umsätze oder gar Gewinne vorweisen können. Ich erwarte, dass allenfalls einige wenige sehr große Netzwerke auf lange Sicht ihre Reichweite auch in Geschäft ummünzen können.
Wo im digitalen Geschäft hat Springer noch Nachholbedarf?
Wir sind nicht stark genug bei Sport-Inhalten, bei Online-Stellenanzeigen und in einigen regionalen Märkten. Das werden wir durch Akquisitionen oder Eigengründungen ändern. In allen anderen Feldern sind wir wirklich gut positioniert. Ein Analyst hat Axel Springer kürzlich als Europas zweitbestes digitalisiertes Medienunternehmen bezeichnet.
Ich sehe die Digitalisierung als eine ganz große Chance für unser Unternehmen, eine neue Dimension in Umsatz und Ergebnis zu erreichen. Es ist kein Naturgesetz, dass die Printunternehmen als Verlierer aus diesem Strukturwandel hervorgehen werden. Ich bin überzeugt: Axel Springer wird ein Gewinner der Digitalisierung sein.
In den Vereinigten Staaten, die in Sachen Mediendigitalisierung weiter sind als Deutschland, macht sich bei den Zeitungshäusern aber eher Endzeitstimmung breit.
Bei uns ist das anders. Axel Springer hat vor vier Jahren den polnischen Zeitungsmarkt entwickelt. Wir verlegen dort mit Fakt die größte und mit Dziennik die drittgrößte Tageszeitung. Und beide Marken wachsen auf Papier und im Internet. Fakt war nach zwei Jahren profitabel und ist damit die wahrscheinlich am schnellsten Geld verdienende Zeitungsneugründung der letzten fünfzig Jahre. Die viel beschworene Medienkrise erleben wir vor allem als riesige Chance. Ein Grund dafür ist aber auch, dass sich nach meiner Beobachtung viele traditionelle europäische Medienunternehmen dynamischer verändern als amerikanische.
Loben Sie doch mal Ihre Konkurrenten.
Gerne. Ich finde zum Beispiel, dass in Deutschland Burda und Holtzbrinck konsequent den Wandel vorantreiben. Vergleichbares sehe ich in den Vereinigten Staaten praktisch nicht. Da kann ich bei traditionellen Zeitungsunternehmen wenig Anstrengungen erkennen, sich zum multimedialen Verleger zu wandeln. In Amerika können neue Unternehmen schneller entstehen und wachsen, deswegen gibt man die bestehenden Anbieter schneller auf. Die einzige Ausnahme bildet Rupert Murdoch, der das weltweit sehr erfolgreich macht.
Kann Springer die Einbußen im traditionellen Verlagsgeschäft durch neue Umsätze in den digitalen Medien ausgleichen?
Ja. Nehmen Sie das Beispiel Immobilienanzeigen: Wir setzen in diesem Bereich in Print und Online heute mehr um als vor wenigen Jahren mit gedruckten Anzeigen allein. Wir sind also in sehr konkreter Weise Gewinner der Digitalisierung.
Wann wird Ihr Verlag mehr Geld in der digitalen Welt verdienen als mit gedruckten Zeitungen?
Solche Prognosen sind schwierig. Ich kann mir aber vorstellen, dass unser Haus in etwa zehn Jahren die Hälfte von Umsatz und Gewinn online erwirtschaftet. Das wäre ein gesundes Verhältnis. Zum Vergleich: Heute liegt der Online-Anteil am Gesamtumsatz bei knapp 10 Prozent.
Werden Sie in den Online-Medien dazu ähnlich wie die WAZ-Gruppe mit ARD und ZDF kooperieren?
Das Angebot von ARD und ZDF, den Verlagen für deren Internetangebote Fernsehbeiträge zur Verfügung zu stellen, ist allzu durchsichtig. Wir haben nicht vor, uns mit solchen Krümeln abspeisen zu lassen, während die Anstalten mit Hilfe von mehr als 7 Milliarden Euro Rundfunkgebühren und zusätzlich einer halben Milliarde Werbung das Internet erobern wollen. Wir brauchen vielmehr eine verlässliche und lebensnahe Neuordnung des Mediensektors.
Das heißt?
Öffentlich-rechtliche Sender finanzieren sich auf allen heutigen und zukünftigen Vertriebskanälen ausschließlich durch Gebühren. Die privaten Zeitungsverleger, Fernsehsender und Online-Anbieter dagegen bekommen keine staatliche Finanzbasis und monetarisieren sich nur durch Werbung, Sponsoring, E-Commerce oder Bezahlinhalte.
Aus dem deutschen Fernsehen hat sich Springer derweil weitgehend verabschiedet. Sie haben Ihren Anteil am Krisenkonzern Pro Sieben Sat.1 an dessen Haupteigner Permira und KKR verkauft. Teilen Sie die Kritik am Kurs der beiden Finanzinvestoren?
Ich will hier keine Schulnoten verteilen. Vielmehr freuen wir uns, dass wir unsere Stamm- und Vorzugsaktien an der Senderfamilie vor einem halben Jahr für durchschnittlich 19,40 Euro pro Aktie verkauft haben. Derzeit steht der Kurs bei unter 6 Euro. Statt den vor einem halben Jahr gezahlten 509 Millionen Euro würden wir also nur noch rund 150 Millionen Euro bekommen. Ich denke, wir haben damals den Markt und die operative Entwicklung von Pro Sieben Sat.1 richtig eingeschätzt.
Seit Monaten wird über einen möglichen Verkauf des Hauptsenders Sat.1 spekuliert. Wären Sie interessiert?
Ich sehe dieses Szenario derzeit nicht. Aber: Wenn Sat.1 zum Verkauf stünde, wären wir geradezu verpflichtet, uns den Sender noch einmal genau anzuschauen.
Das Gespräch führte Marcus Theurer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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