14. Juli 2004 Larry Page und Sergey Brin kommen auf den ersten Blick eher brav und harmlos daher. Äußerlich würde man den beiden Gründern der Internet-Suchmaschine Google gar nicht zutrauen, daß sie das Börsengeschehen aufmischen wie schon lange kein Unternehmen mehr.
Seit sich die Gerüchte um einen Börsengang im vergangenen Herbst konkretisiert haben, halten Page und Brin die Wall Street in Atem. Dabei scheren sich die beiden sehr wenig um Konventionen und schrecken nicht davor zurück, sich den Regeln einflußreicher Namen zu widersetzen. So haben sie schon die Hoffnungen einiger Spieler an der Wall Street zunichte gemacht, mit Google viel Geld zu verdienen.
Nasdaq statt Nyse
Jüngstes Opfer ist die New York Stock Exchange Nyse. Wie gemeldet, hat sich Google für eine Notierung an der Konkurrenzbörse Nasdaq entschieden. Das ist für die Nyse und ihren neuen Chef John Thain eine schwere Niederlage. Zwar liegt eine Nasdaq-Notierung insofern nahe, als auch Wettbewerber wie Yahoo und viele andere Technologiekonzerne ihre Aktien über diese Börse handeln. Allerdings hat die Nyse in den vergangenen Jahren ihre Bemühungen verstärkt, auch Technologiekonzerne anzulocken. Jetzt kann sich die Nasdaq auf den prestigeträchtigen Neuzugang und auf die damit verbundenen Gebühren freuen.
Auch die Investmentbanken hat Google schon in die Schranken gewiesen. Das hat vor allem mit dem ungewöhnlichen Ausgabeverfahren für die Aktien zu tun. Google hat den Weg einer Internetauktion gewählt. Hierbei ist die Rolle der Banken weniger bedeutsam als beim üblichen Bookbuilding-Verfahren, in dem die Finanzhäuser den Preis der Aktien festlegen und diese dann zuteilen. Das traditionelle Verfahren ist normalerweise mit aufwendigen Präsentationen und Analysen verbunden und bringt den Banken rund 7 Prozent des Emissionserlöses als Gebühren ein. Im Fall Google dürfte das Honorar nur bei rund 3 Prozent liegen. Die Investmentbank Merrill Lynch ist womöglich aus diesem Grund unlängst aus dem Konsortium ausgeschieden. Das aus rund 30 Banken bestehende Konsortium wird von Credit Suisse First Boston und Morgan Stanley geführt.
Gebrauchsanleitung für Google-Aktionäre - Hang zum Exzentrischen
Einen Hang zum Exzentrischen bewiesen die Google-Gründer, als sie im Mai einen aufsehenerregenden Brief mit dem Titel "Gebrauchsanleitung für Google-Aktionäre" veröffentlichten. Hierbei beschrieben sie sich als Weltverbesserer und Rebellen. Google sei kein konventionelles Unternehmen und werde dies auch in Zukunft nicht sein, hieß es darin. Das Unternehmen habe außerdem eine Verantwortung für die Welt, weil Internetsuche eine so wichtige und sensible Angelegenheit sei. Als Unternehmensmotto haben sie schon vor geraumer Zeit "Don't be evil" ("Tue nichts Böses") ausgerufen.
Brin und Page haben Google im Jahr 1998 gegründet. Die beiden hatten sich zuvor an der kalifornischen Stanford-Universität für ein Projekt über Technologien zur Internetsuche zusammengetan. Innerhalb weniger Jahre wurde Google zur Kultmarke und zur marktführenden Suchmaschine. Sowohl in Amerika als auch in Deutschland liegt Google bei Internetsuchen an der Spitze und läßt Wettbewerber wie Yahoo hinter sich. Google ist sehr profitabel. Im vergangenen Jahr wies das Unternehmen bei einem Umsatz von 962 Millionen Dollar einen Nettogewinn von 106 Millionen Dollar aus.
Börsengang bringt Gründern Vermögenszuwachs
Der 31 Jahre alte Page und der 30 Jahre alte gebürtige Russe Brin haben sich aus dem operativen Geschäft schon länger etwas zurückgezogen. Im Jahr 2001 holten sie Eric Schmidt vom Softwarekonzern Novell als Chief Executive Officer an die Google-Spitze. Brin und Page tragen den Titel President mit Verantwortung für die Bereiche Technologie und Produkte. Brin, Page und Schmidt führen Google nach eigenen Angaben als Triumvirat.
Die beiden Gründer sind mit Google reich geworden, die Zeitschrift "Forbes" hat sie in diesem Jahr erstmals in die Liste der Milliardäre aufgenommen. Das damals auf jeweils eine Milliarde geschätzte Vermögen dürfte sich nach dem Börsengang als viel zu niedrig angesetzt erweisen. Brin und Page besitzen jeweils etwas mehr als 15 Prozent der Anteile an Google. Die Schätzungen für den Börsenwert von Google liegen bei bis zu 40 Milliarden Dollar.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2004, Nr. 161 / Seite 14
Bildmaterial: GOOGLE
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