Karrieresprung

Freiwillige vor

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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30. November 2007 Nach dem Studium erst mal richtig ranklotzen, um beruflich Fuß zu fassen. Das Tempo - hat man sich erst einmal daran gewöhnt - bleibt in den kommenden Jahren meist hoch, vor allem wenn der Erfolg den Einsatz rechtfertigt: Spannende Projekte, steigende Verantwortung und ein ansehnliches Gehalt. Und dann plötzlich die Frage: Wozu das alles? Allein fürs Geld? Während global drängende Probleme wie der Klimawandel nach Lösungsansätzen rufen und zahlreiche Unternehmen in Umwelt-, Menschenrechts- und Korruptionsskandale verstrickt sind? Kann ich mich, so der Kern der Sinnfrage, mit meiner Tätigkeit und meinem Arbeitgeber angesichts dieser Entwicklungen (noch) identifizieren?

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bremer Strategieberatung Brands & Values zeigt, daß Jobsuchende mittlerweile Wert auf die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen legen. Mehr als drei Viertel der befragten 685 Nutzer einer Online-Jobbörse wären stolz, für einen ökologisch und sozial engagierten Arbeitgeber tätig zu sein. Immerhin 60 Prozent würden ihm bei Bewerbungen den Vorzug geben. Einer Umfrage von McKinsey unter 3.000 Stipendiaten zufolge wünschen sich insbesondere Frauen einen verantwortungsbewussten Arbeitgeber.

Stolz sein auf den Arbeitgeber

Unmittelbar über ihr Geschäftsfeld können nur wenige Firmen - die Produzenten erneuerbarer Energien oder fair gehandelter Waren etwa - ihren Einsatz für die Weltgemeinschaft demonstrieren. Alle anderen müssen sich ihre Reputation als „gutes Unternehmen“ erst erarbeiten: Indem sie ihre Produkte und Prozesse nachhaltiger gestalten und sich als engagiertes Mitglied der Gesellschaft beweisen - als Corporate Citizen im angelsächsischen Sinn.

Neben Spenden und Sponsoring gehört dazu auch, die ehrenamtlichen Aktivitäten der eigenen Mitarbeiter zu unterstützen. Am einfachsten geht das in Form von Wertschätzung, wie etwa Beiträge im internen Newsletter. Besser: Der Arbeitgeber fördert die Freiwilligenarbeit aktiv, indem er den Mitarbeitern Räume und Materialien zur Verfügung stellt, sie für einzelne Tage von der Arbeit freistellt oder ihre Projekte finanziell unterstützt.

Eigene Organisation für Freiwillige

Einige Konzerne haben dazu nach amerikanischem Vorbild eigene Freiwilligen-Organisationen gegründet: Sie vernetzen die engagierten Mitarbeiter untereinander, machen deren Aktivitäten sichtbar und verteilen betriebliche Fördergelder. Henkel machte für seine bereits 1998 gegründete Initiative „Miteinander im Team“ bislang über zehn Millionen Euro und 400 bezahlte Urlaubstage locker. Jeder fünfte Henkelaner in Deutschland engagiert sich bereits freiwillig. Die Deutsche Bank investierte 2006 weltweit rund eine Million Euro in die Hilfsprojekte ihrer Mitarbeiter. RWE will die seinen über eine kürzlich gegründete Organisation 2008 mit einem „hohen einstelligen Millionenbetrag“ fördern.

Weit weniger kostspielig sind Aktionstage für die gute Sache. Beim alljährlichen „Community Challenge“ der international tätigen Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer beteiligte sich dieses Jahr jeder zehnte deutsche Kollege beim Renovieren von Jugendheimen oder der rechtlichen Unterstützung von Obdachlosen. Der Logistikdienstleister UPS animierte 645 Mitarbeiter, im Rahmen seiner „Global Volunteer Week“ Kindern vorzulesen oder ein Tierheim auf Vordermann zu bringen. Beide Firmen haben gesellschaftliche Verantwortung in ihrer Philosophie verankert. Viele betriebliche Freiwilligentage aber sind nur Einzelaktionen - ersonnen von der PR-Abteilung für eine hübsche Pressemitteilung, gerne zur Adventszeit, und damit nur bedingt glaubwürdig.

Langfristiges Engagement erwünscht

Die hohe Schule des Corporate Volunteering sieht langfristige Partnerschaften mit gemeinnützigen Trägern vor - auf dass diese das ganze Jahr über auf betriebliche Unterstützung zählen können. Derart strategische Ansätze sind hierzulande aber noch rar. Zu den Ausnahmen zählt Ford: Der Autobauer schloss vor fünf Jahren ein Bündnis mit der Stadt Köln: Diese schlägt Projekte vor, Ford sucht nach interessierten Mitarbeitern - und stellt sie zwei Tage pro Jahr für ehrenamtliche Tätigkeiten frei.

Konsequent umgesetzt schafft Corporate Volunteering eine Win-Win-Win-Situation, versichern Experten: Soziale Einrichtungen profitieren von der Arbeitskraft und dem Fachwissen der Mitarbeiter. Diese erleben ihren Einsatz als sinnstiftend und verleihen als „Botschafter“ selbst unpersönlichen Firmen authentische Züge. Und: „Über ehrenamtliches Engagement werden wichtige Kompetenzen der Mitarbeiter entwickelt“, sagt Martin Blumberg, Partner der Beratung Brands & Values.

Zur Personalentwicklung noch kaum genutzt

Stephan Kohorst, Geschäftsführer des Wundversorgungs-Spezialisten Draco aus Witten, kann das bestätigen. Der Mittelständler schickt seine Führungskräfte in Kooperation mit der Diakonie eine Woche lang in soziale Einrichtungen. „Hierbei an seine Grenze kommen und diese auch weiter hinaus schieben, ist ein wesentliches Lernziel“, so Kohorst, der selbst bei der Bahnhofsmission hospitierte. Ein schriftlicher Erfahrungsbericht und Evaluationsgespräche sollen den Transfer der Eindrücke in den Arbeitsalltag sichern.

Als Instrument zur Personalentwicklung begreifen bislang aber erst wenige Firmen die Freiwilligenförderung. Die Jobsucher scheinen da einen Schritt weiter zu sein, zeigt die Studie von Brands & Values: Befragt nach ihrer Motivation für soziales Engagement, rangiert der eigene Beitrag für eine gerechtere Welt ganz oben - nahezu gleichauf mit dem Wunsch, Erfahrungen zu sammeln, die beruflich weiter helfen. 71 Prozent der Befragten bekunden, daß sie bei einem gemeinnützigen Projekt des Arbeitgebers mithelfen würden, immerhin 46 Prozent auch in der Freizeit. Es scheint, als müssten Unternehmen diese Bereitschaft lediglich in betriebseigenen Programmen bündeln.

Bleibt die Frage, wie freiwillig der freiwillige Einsatz in gesellschaftlich engagierten Firmen auf Dauer bleiben kann. Henkel und UPS beteuern zwar, daß er keinerlei Einfluss auf Personalauswahl und Karriere habe. „Gern gesehen“ wird es bei UPS aber durchaus, wenn sich die Mitarbeiter in ihrer Freizeit sozial betätigen - und der Logistikdienstleister für seine Aktionswoche eine Rekordbeteiligung vermelden kann, ohne dafür selbst auch nur einen Tag Urlaub gespendet zu haben.

Text: FAZ.NET

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