Einzelhandel

Warenhausbranche im Schlussverkauf

Von Brigitte Koch

Investoren, die mehr als Schnäppchenpreise zahlen, sind rar gesät

Investoren, die mehr als Schnäppchenpreise zahlen, sind rar gesät

26. Juli 2008 Aus dem Einzelhandel kommen wieder einmal düstere Nachrichten. Der traditionsreiche Textilfilialist Wehmeyer aus Aachen musste vor wenigen Wochen Insolvenz anmelden. Zahlungsunfähigkeit, Überschuldung und schlechtes Marktumfeld, so lauteten die Begründungen, welche die Mode-Kette für die Pleite lieferte. Erst 2005 hatte der damals in Schieflage geratene Karstadt-Quelle-Konzern Wehmeyer an die amerikanische Schottenstein-Gruppe notverkauft. Jetzt bleibt dem Insolvenzverwalter nur die Suche nach Investoren für die 39 Häuser. Der Metro-Konzern will seine schon vor Jahren auf die Ausmusterungsliste gesetzten mehr als 150 Adler-Modemärkte nun endlich loswerden und trifft dafür bilanzielle Vorsorge. Eine Straffung des Real-Ladennetzes um 27 defizitäre SB-Warenhäuser wurde nun ebenfalls in die Wege geleitet.

Auch der Kleinkaufhaus-Gruppe Hertie droht Ungemach. Die mehr als 70 meist in Klein- und Mittelstädten gelegenen Nachbarschaftswarenhäuser stammen ebenfalls aus dem früheren Portfolio des Essener Handelskonzerns, der längst in Arcandor umbenannt wurde. Die Hertie-Häuser haben nicht nur mit schleppenden Geschäften und roten Zahlen zu kämpfen. Weit bedrohlicher für Hertie und seine mehr als 4000 Mitarbeiter ist die Finanzklemme des britischen Haupteigentümers Dawnay Day. Denn von dieser in den Strudel der Finanzkrise geratenen Investmentgruppe, die zunächst große Expansionspläne für Hertie gehegt hatte, kann das Handelsunternehmen allem Anschein nach keine finanzielle Unterstützung bei der dringend notwendigen Aufmöbelung des Geschäftes mehr erwarten.

Britische Eigentümer könnten zum Verkauf gezwungen sein

Im Gegenteil: Es klingt wahrscheinlicher, dass die ohnehin mehr auf das Immobiliengeschäft spezialisierten Briten gezwungen werden könnten, die damals für rund 500 Millionen Euro übernommene deutsche Tochtergesellschaft auf den Markt zu werfen. Denn hierzulande sind die Investoren noch in weiteren Handelsimmobilien engagiert und brauchen Geld.

Von den kleinen, inhabergeführten regionalen Kaufhausunternehmen mal abgesehen, steht damit fast die komplette Warenhausbranche im Schaufenster, mitsamt den einstigen Flaggschiffen des deutschen Einzelhandels. So hat der seit November vergangenen Jahres amtierende Metro-Vorstandsvorsitzende Eckardt Cordes die Warenhaussparte von Kaufhof Galeria aus dem Portfolio künftiger Kerngeschäfte aussortiert und offiziell zum Verkauf gestellt. Zwar verdienen die mehr als hundert Kaufhof-Filialen mittlerweile wieder ihre Kapitalkosten. Sie passen gleichwohl nicht in das Konzept des neuen Metro-Lenkers, der die Investitionen lieber in die beschleunigte Internationalisierungsstrategie stecken will als in vornehmlich auf das Inland beschränkte und dazu noch stark textillastige Geschäfte. Dem Kaufhof räumt er unter einem anderen Eigentümer die besseren Entwicklungschancen ein.

Weniger eindeutig hat sich bisher zwar Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (Thomas Middelhoff: Wirbelwind mit geliehener Macht) zur Zukunft der Warenhaussparte geäußert. Klar ist aber, dass er mit Hochdruck nach Partnerschaften für die Karstadt-Häuser sucht. Dass es ihm gelingt, für die Handvoll Konsumtempel à la Kadewe oder Alsterhaus international ausbaufähige Allianzen mit Printemps aus Frankreich oder La Rinascente aus Italien zu schmieden, sollte nicht überraschen, wenngleich sich der Prozess inzwischen lange hinzieht.

Was wird aus dem Sammelsurium an Karstadt-Filialen?

Aber was wird aus dem übrigen Sammelsurium an Karstadt-Filialen? Die lange gehegten Vorstellungen, mit Kaufhof zusammenzugehen, scheinen mit dem Argument einer zu groß werdenden Abhängigkeit vom schwierigen deutschen Markt vom Tisch zu sein. Außerdem will Metro komplett aussteigen und steht für eine Partnerschaft nicht zur Verfügung. Angeblich schaut das Arcandor-Management bei seiner Partnersuche längst über die Landesgrenzen hinweg. Dabei fällt in der Gerüchteküche immer wieder der Name des börsennotierten britischen Kaufhausunternehmens Debenhams, das derzeit allerdings auch nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Middelhoff hält sich offenbar alle Optionen offen, bis hin zu einer Minderheitsposition oder im Extremfall einer kompletten Trennung. In diese Richtung lässt sich jedenfalls eine vor wenigen Tagen getroffene wichtige Personalentscheidung interpretieren: Der neue Karstadt-Chef Stefan Herzberg wird im Gegensatz zu seinem Vorgänger Peter Wolf nicht in den Holding-Vorstand einziehen. Dort sitzen die jeweiligen Chefs der Reise- und der Versandhandelssparte.

Mehr Verkäufer als Käufer

Auf Verkäuferseite mag sich Ausverkaufsstimmung breitmachen. Doch Finanzinvestoren, die geneigt oder fähig sind, mehr als Schnäppchenpreise zu zahlen, sind inzwischen rar gesät. Branchenkenner sind sich einig, dass die Preise, die Arcandor seinerzeit beim Losschlagen seiner Handelsimmobilien ausgehandelt hat, heute nicht mehr zu realisieren wären. Sich strategische Investoren für das Geschäftsmodell Warenhaus vorzustellen, in dessen Kassen heute nur noch etwas mehr als 3 Prozent aller Einzelhandelsausgaben landen, bedarf großer Phantasie (Warenhäuser: Die Luft für die „Allrounder“ wird dünner).

Das weitere Schicksal von Hertie, aber auch die Verwertungsbemühungen des Wehmeyer-Insolvenzverwalters werden die Vertreter der Handels-, Immobilien- und Finanzbranche mit Argusaugen verfolgen. Der Hertie-Aufsichtsrat berät voraussichtlich am Mittwoch in einer Sondersitzung in Essen über die Zukunft des Unternehmens. Bisher erhielten weder das Management noch die Arbeitnehmerseite
genaue Informationen aus London, sagte der zuständige Verdi-Sekretär Johann Roesch, der im Aufsichtsrat sitzt. „Ich hoffe, dass das bei der Sitzung anders sein wird.“

Besonders genau wird Metro-Chef Cordes hinschauen. Er sieht sich nach eigenem Bekunden zeitlich zwar nicht unter Druck. Doch wäre ein Überangebot für den Verkaufsprozess von Kaufhof alles andere als förderlich.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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