F.A.Z.-Konjunkturbericht

Der Optimismus erfaßt auch die Skeptiker

Von Patrick Welter

21. Dezember 2006 Am Ende dieses Jahres hat der neue deutsche Konjunkturoptimismus auch viele Skeptiker unter den professionellen Prognostikern erfaßt. Die jüngsten Vorhersagen großer deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute weisen für das kommende Jahr durchgängig Wachstumsraten um 2 Prozent aus - und eine Fortdauer des Aufschwungs auch im Jahr 2008. Selbst die üblicherweise zurückhaltenden Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel haben ihren Ausblick radikal geändert und die Wachstumsprognose für das kommende Jahr innerhalb von drei Monaten auf 2,1 Prozent verdoppelt. Jetzt erwarten auch sie, daß der Aufschwung das Potential hat, trotz einer vorerst leicht schwächeren Weltwirtschaft die höheren fiskalischen Belastungen wegzustecken.

Vor zwölf Monaten verspürten die Institute - wie viele andere Institutionen - noch keine große Zuversicht für 2007. Damals erwarteten sie recht einheitlich, daß der sich zögerlich abzeichnende Aufschwung 2006 als Folge der Mehrwertsteuererhöhung und anderer Belastungen wieder zusammenbrechen und die Wachstumsrate 2007 auf etwa 1,2 Prozent sinken würde. Erst im Sommer spaltete sich das Bild. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München nimmt in Anspruch, als erstes die Tragfähigkeit des Aufschwungs erkannt zu haben, weil es im Juni der hiesigen Wirtschaft 1,7 Prozent Wachstum für 2007 vorhersagte und vom bis dahin recht einheitlichen Konsens der Forscherkonkurrenz deutlich nach oben abwich. Tatsächlich setzen andere Institute wie das IfW, das HWWA in Hamburg oder das Hallenser IWH noch im Spätsommer angesichts des zeitweise sich eintrübenden Wirtschaftsklimas auf eine spürbare Abkühlung.

OECD vor München

Die Ehre der frühen Erkenntnis gebührt dem Ifo-Institut indes nur im nationalen Rahmen: Schon im Dezember 2005, ein halbes Jahr vor den Münchener Ökonomen, hatten die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und kurz danach auch die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) Deutschland einen auch 2007 andauernden, kräftigeren Aufschwung prognostiziert, als es deutsche Forscher damals wahrhaben wollten. (Daß der IWF wenige Wochen später eine weit pessimistischere offizielle Prognose veröffentlichte als zuvor seine Mitarbeiter, gehört zu den Rätselhaftigkeiten politisch beeinflußter internationaler Organisationen.)

Insgesamt haben die meisten Wirtschaftsforscher in diesem Jahr die Stärke des Aufschwungs unterschätzt. Dies lag auch daran, daß die Statistiken über das Wirtschaftswachstum oft nach oben revidiert wurden. So setzte das Statistische Bundesamt noch im November die Wachstumsraten für die ersten beiden Quartale abermals spürbar herauf. In der Rückschau entpuppte sich der Investitionsaufschwung mehrfach kräftiger als zuvor bekannt. Die verzögerte Wahrnehmung der tatsächlichen Entwicklung erklärt teilweise, warum die Wachstumsprognosen für 2006 mittlerweile rund 2,5 Prozent erreichen - und vor einem Jahr noch gut einen Prozentpunkt niedriger lagen.

Mit Schwung ins neue Jahr

Mit der guten Konjunktur in diesem Jahr geht die Wirtschaft mit viel Schwung in das kommende Jahr. Mehrheitlich erwarten zwar nicht nur die deutschen Prognostiker, daß im ersten Quartal der private Konsum zusammen- und das Wachstum einbrechen wird - als Spätfolge der 2006 vor der Mehrwertsteuererhöhung getätigten Käufe der Deutschen. Viele setzen aber darauf, daß die robuste Entwicklung der Investitionen darüber hinweghelfen und der Aufschwung vom zweiten Quartal an weitergehen wird.

Für eine dauerhaft gute Entwicklung der Investitionen sprechen die hohen Gewinne der Unternehmen und die günstigen Finanzierungsbedingungen. Zudem dürften die Regierungspläne, nach denen die degressive Abschreibung von 2008 an einer linearen weichen soll, die Unternehmen zu vorgezogenen Investitionen veranlassen - zumal die steigende Kapazitätsauslastung nach Erweiterungen ruft. Nach Analyse des Ifo-Instituts hilft der Investitionsschub auch dem Wirtschaftsbau, während der Wohnungsbau nach dem Aufschwung in diesem Jahr vorerst leicht sinken dürfte. Der im Dezember auf ein gesamtdeutsches Rekordhoch gestiegene Ifo-Geschäftsklimaindex stützt die Erwartung einer andauernd guten Investitionskonjunktur - und läßt viele Prognostiker gering achten, daß die "harten" Daten zu Produktion und Aufträgen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, dem Bauhauptgewerbe und dem Einzelhandel im September und im Oktober nach unten wiesen.

Export: Beruhigung, kein Einbruch

Die ausgesprochen gute Exportentwicklung in diesem Jahr wird sich nach der Mehrheitsmeinung im kommenden Jahr beruhigen, angesichts der robusten Weltkonjunktur aber nicht einbrechen. Außenwirtschaftliche Risiken liegen 2007 in einem deutlichen Abschwung in den Vereinigten Staaten, aber auch in einem abermals steigenden Ölpreis.

Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Aufschwungs wird vor allem sein, wie es mit dem privaten Konsum weitergeht. Bundesbankpräsident Axel Weber warnte unlängst im Gespräch mit dieser Zeitung davor, daß dem Aufschwung das Attribut "selbsttragend" noch nicht gebühre, weil der private Konsum noch nicht dauerhaft erstarkt sei. In diesem Jahr zeigte der Konsum erstmals seit Jahren ein spürbares Plus. Die Deutschen gingen bei real sinkenden Nettoarbeitseinkommen an ihr Erspartes, um noch vor der Mehrwertsteuererhöhung größere Anschaffungen zu tätigen. Im kommenden Jahr dürften die real verfügbaren Einkommen indes nur wenig steigen. Der Staat greift trotz sinkender Arbeitslosenversicherungsbeiträge in der Summe zu: Mehrwert- und Versicherungssteuer steigen um 3 Prozentpunkte, der Sparerfreibetrag wird gekürzt, die Entfernungspauschale reduziert, das Kindergeld für mehr als 25 Jahre alte Kinder abgebaut und eine "Reichensteuer" eingeführt. Die Beitragssätze für die Renten- und die Krankenversicherung steigen. Der staatliche Steuerzugriff wird sich auch in einer deutlich höheren Rate der Geldentwertung zeigen.

Viele Konjunkturforscher setzen dennoch darauf, daß der private Verbrauch nach einem Einbruch im ersten Quartal im Jahresverlauf wieder moderat anziehen wird, weil die Beschäftigung mit der Konjunktur weiterhin steigen werde. Um so mehr warnen die Ökonomen davor, durch übertriebene Lohnerhöhungen den Beschäftigungsaufbau zu gefährden.



Text: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite 12
Bildmaterial: F.A.Z.

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