Von Thorsten Winter
10. April 2008 Joachim Wagner macht seit 20 Jahren in Schrott. Preissprünge wie im Moment hat er bei Eisenmetallen aber noch nicht erlebt. Dieser Tage kostet Eisenschrott gut 30 Prozent mehr, als im vergangenen Jahr durchschnittlich gezahlt werden musste. Das sind schon gewaltige Steigerungsraten für einen Zeitraum von vier Monaten“, sagt der Chef der Wagner Rohstoffe GmbH in Frankfurt, die sich neben der Thyssen-Krupp-Tochter TSR Recycling als Marktführer bei Altmetallen in der Region ansieht. Auch die Höhe der Preise ist aus Wagners Sicht extrem. So teuer wie in diesem Monat waren Eisenmetalle noch nie. Diese Entwicklung hatten wir so nicht erwartet.“ Zumal die Schrottpreise schon 2007 geklettert waren. Gleiches gilt für Nichteisenmetalle wie Kupfer, Nickel und Aluminium, die im Gegensatz zu Eisenschrott an der Londoner Metallbörse gehandelt werden und seit Jahresbeginn um bis zu 28 Prozent teurer geworden sind.
Ob der Preisauftrieb bei Eisenschrott hierzulande mit dem Rohstoffhunger aufstrebender Märkte wie China und Indien zu erklären ist? Wagner winkt ab: Für die ist der Euro zu hart geworden.“ Unternehmen in China oder Indien deckten sich mit sogenannten Sekundärrohstoffen eher in Asien ein. Die Preise bei Eisenmetallen seien hausgemacht. Stahl ist in Europa weiter gefragt. Wenn die Stahlwerke viel brauchen und glauben, dass wenig Schrott am Markt ist, setzen sie die Preise hoch – in der Hoffnung, Reserven zu heben“, erläutert er den Mechanismus.
Von einer Tonne an ergibt es Sinn
Allerdings steigt die Menge an Schrott, wie Wagner sagt, nicht mit den Preisen – wo soll sie auch herkommen?“ Schließlich kann die Zahl ausrangierter Elektrogeräte, die eine bedeutende Eisenschrott-Quelle darstellen, nicht beliebig erhöht werden. Gleiches gilt für Produktionsabfälle von Autoherstellern und Maschinenbauern sowie Bauschrott. Das weiß Wagner, dessen Unternehmen Altmetalle einsammelt und an seine Standorte in Frankfurt, Gelnhausen und Hanau geliefert bekommt, aus Erfahrung zu berichten. Dabei sinke die Bedeutung von Industrieschrott. Habe dieser vor 20 Jahren noch gut drei Viertel des Gesamtaufkommens ausgemacht, so sei es jetzt weniger als die Hälfte, erläutert Wagner, der monatlich Tausende Tonnen Schrott umschlägt und im Jahr gut 100 Millionen Euro umsetzt.
Dabei nimmt er auch von privater Seite Altmetalle an – aber mehr als Fahrrad oder ein Kühlschrank sollte es schon sein: Von einer Tonne an ergibt es Sinn.“ Zumal es für ein Fahrrad nur Kleingeld gäbe. Wieviel er den Anbietern zahlt, hängt vom aktuellen Preisniveau ab, wie Wagner sagt, ohne Zahlen zu nennen. Kleinere Anbieter in Frankfurt wie Kumpfmüller oder Schäfer Recycling dagegen äußern sich erst gar nicht dazu.
Derweil hat der Preisauftrieb bei den Metallen längst Begehrlichkeiten bei Leuten geweckt, die es mit dem Eigentum anderer nicht so genau nehmen. Seit dem Jahr 2004 steigt die Zahl der vom hessischen Landeskriminalamt verzeichneten Metalldiebstählen stetig. Waren vor vier Jahren 98 Fälle vermerkt worden, so notierten die Kriminalisten 2006 fast 300 – und im vergangenen Jahr sogar 679.
Lieferanten werden gefilmt und auf DVD festgehalten
So sprang auch die Schadenssumme binnen Jahresfrist von 670.000 Euro auf fast zwei Millionen. Dabei werden die Diebe immer dreister. So wurden erst vor einer Woche an einem Autobahn-Parkplatz bei Viernheim zwei Kilometer Leitplanken entwendet. Warenwert: 5000 bis 7000 Euro. Bei Dieben beliebt sind auch Kupferkabel, kostet das Metall doch 160 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Erst am Dienstag wurden 2700 Meter Kupferkabel in Frankfurt von einem Bahnlagerplatz gestohlen. Nicht von ungefähr lagert die auf Altmetallverwertung spezialisierte Firma Schnaubelt in Gießen wertvollere Nichteisen-Metalle seit längerem nur noch in verschlossenen Hallen.
Um zwielichtige Lieferanten abzuschrecken und heißer“ Ware aus dem Weg zu gehen, zahlt Wagner für Rohstoffe nach den Worten des Geschäftsführers nur marktgängige Preise. Außerdem lässt sich der Abnehmer den Personalausweis desjenigen zeigen, der Schrott anbietet. Ferner wird jeder Lieferant mitsamt dem Kennzeichen seines Kraftfahrzeugs auf einem Film festgehalten, der wiederum auf einer DVD archiviert wird. Mit einem solchen Datenträger kann das Unternehmen in Zweifelsfällen auch der Polizei helfen, Metalldiebe ausfindig zu machen. So wie im vergangenen Jahr einmal am Standort Hanau geschehen, wo trotz aller Sicherheitssschritte gestohlene Ware durchschlüpfte. Die hat die Polizei dann mit Hilfe von Wagner Rohstoffe sichergestellt. Denn wie sagt der Geschäftsführer doch: Für uns ist es ganz wichtig, dem Generalverdacht der Hehlerei zu entgehen.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann
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