Dietmar Hopp im Gespräch

„Ich will etwas zurückgeben“

„Wir wären verrückt, wenn wir die Gesundheitskarte ablehnen“, sagt Dietmar Hopp

„Wir wären verrückt, wenn wir die Gesundheitskarte ablehnen“, sagt Dietmar Hopp

21. November 2009 Seit Dietmar Hopp Hoffenheim in die Fußball-Bundesliga hievte, steht er vollends im Licht der Öffentlichkeit. Der 69 Jahre alte Unternehmer gehört auch zu den größten Förderern des Jugendsports. Über seine Beteiligung an der Softwareschmiede ICW hat er viel Geld in die Gesundheitskarte investiert. Über deren Wohl und Wehe entscheidet nun die Politik.

Herr Hopp, der deutsche Verlegerverband hat Sie gerade für ihre Verdienste um die Sportintegration ausgezeichnet. Sie haben unter anderem 52 Mannschaftsbusse gekauft und wöchentlich an engagierte Vereine verschenkt. Woche für Woche gab es lachende Kinderaugen, freudige Spielleiter und dankbare Ortsverantwortliche. Motiviert Sie Dankbarkeit?

Da haben sich viele Kinder bis über die Ohren gefreut, das stimmt. Und diese Resonanz war umwerfend. Dankbarkeit erwarte ich nicht, freue mich aber darüber. Ich hatte Glück im Leben und ich will meiner Heimatregion etwas zurückgeben. Deshalb habe ich damals die Stiftung gegründet.

Sie sagten einmal, früher war es Ihr Antrieb, reich zu werden.

Ja, aber nicht um jeden Preis. Ich wollte es durch eigene ehrliche Arbeit erreichen. Und ich wollte Mitarbeiter so motivieren, dass sie mehr leisten als der Durchschnitt. Freie Entfaltung und Kreativität, ohne bürokratische Zwänge und Regeln. Dazu passt auch keine Stempeluhr, die mir immer zuwider war.

Ab wann haben sich die Schwerpunkte verschoben? Ab wann geht es darum, wieder etwas zurückzugeben?

Hätten Sie mich bei der SAP-Gründung 1972 gefragt, ob ich zufrieden wäre, wenn ich im Jahr 2000 20 Millionen Mark besitze und mich dann zur Ruhe setzen kann, dann hätte ich gesagt „phantastisch.“ Dass es dann viel mehr geworden ist, verdanke ich vielen glücklichen Umständen. Wir hatten die richtige Idee zur richtigen Zeit. Ich wusste irgendwann, dass ich nicht mehr arm sein werde – die Höhe des Vermögens ist dann zweirangig. In der New-Economy-Blase war ich auf dem Papier zehnfacher Euro-Milliardär, das hat mich auch nicht unruhig gemacht.

Wann verliert man auf dem Weg nach oben denn die Sicherheit, wer noch ein wirklicher Freund ist und wer nur auf das Geld spekuliert?

Was meinen Freundeskreis angeht, bin ich beruhigt. Ich hab noch immer die gleichen Studienfreunde, die mit mir 1965 das Examen in Karlsruhe gemacht haben. Wenn Hoffenheim Ende November gegen Borussia Dortmund spielt, treffen wir uns alle wieder mit unseren Frauen. Wir waren Freunde und wir sind Freunde geblieben. Das gleiche kann ich auch von meinen Schulkollegen aus Hoffenheim behaupten. Gerade waren wir wieder gemeinsam wandern.

Haben Sie auf der langen Wegstrecke keine neuen Freunde dazu gewonnen?

Aus meiner Unternehmerzeit kaum. Aber durch den Sport sind schon welche dazu gekommen.

Franz Beckenbauer zum Beispiel. Mit ihm gemeinsam geben Sie jetzt der Bunte ein Interview.

Franz ist ein ganz angenehmer Mensch, und manchmal treffe ich mit ihm auf meinem Golfplatz in Frankreich. Das Interview war Zufall. Es ist nicht mein Ziel, in den Medien zu erscheinen.

Sie haben mit viel Geld einen Amateurverein in die Bundesliga gehievt. Dass damit das öffentliche Interesse steigt, musste Ihnen doch klar sein.

Daran hätte ich zuletzt gedacht. Aber über mein rein privates Engagement im Profisport sollte die Arbeit der Stiftung für den Jugendsport nicht vergessen werden. Meine Stiftung fördert nicht nur Fußball, sondern Eishockey, Handball und Golf. Wir haben allein sechs Jugendförderzentren errichtet. Nehmen sie nur das jüngste im Mannheimer Stadtteil Waldhof. Die Hälfte der Menschen dort hat einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit ist hoch, aber die Fußballbegeisterung eben auch. Dort hat ein Förderzentrum wirklich integrativen Charakter. Die Jugendlichen machen Sport und kommen nicht auf dumme Gedanken. Dankbarkeit ist also nicht alles, wie sie sehen.

Was fördert denn die Stiftung noch?

Zunächst die Medizin. Da unterstützen wir unter anderen die Universitätskliniken in Heidelberg und Mannheim, zum Beispiel im Bereich der Kinderheilkunde und auch in der Bekämpfung von Krebs. Dann den soziale Bereich: Dazu gehört die Errichtung von drei seniorengerechten Wohnanlagen und ein Hospiz in Wiesloch. Daneben engagieren wir uns für Bildung und Ausbildung. Viertes Standbein ist der Jugendsport.

Und wie viel gibt die Stiftung dafür aus?

Derzeit sind es etwa 30 Millionen Euro im Jahr. Dieses Niveau wollen wir auch längerfristig halten. Seit Gründung vor 14 Jahren haben wir nun schon 231 Millionen Euro investiert. Am Anfang war es jährlich nicht so viel. Schließlich hat die SAP nicht immer so viel Dividende ausgeschüttet.

Und wie viel Geld ist in den Fußball geflossen?

Zwischen 170 und 180 Millionen Euro. Dazu zähle ich aber nicht nur mein privates Geld für den Profisport, zum Beispiel das Stadion und das Trainingszentrum in Hoffenheim, sondern auch die Hilfen der Stiftung für die Jugendförderzentren.

Wird Hoffenheim irgendwann Geld verdienen?

Selbstverständlich ist es mein Ziel, dass der Verein sich trägt. Wir mussten uns in der Bundesliga etablieren. Das kostet zunächst Geld. Wir haben aber gute Chancen, in absehbarer Zeit eine schwarze Null zu schreiben.

Wovon hängt das ab?

Die Bilanz ändert sich, wenn wir Spieler verkaufen. Wenn wir nicht in die Champions-League kommen, werden wir die allerbesten kaum halten können. Nehmen sie nur Carlos Eduardo. Was haben sich unsere Kritiker den Mund zerrissenen, als wir 7 Millionen Euro für ihn bezahlt haben. Und was werden sie sich den Mund zerreißen, wenn wir vielleicht ein Vielfaches davon für ihn bekommen.

Mit welchem Kapital ist denn die Stiftung ausgestattet?

Ausschließlich SAP-Aktien, die natürlich im Kurs schwanken. Deshalb ist das Kapital nicht so wichtig wie der Dividendenertrag, bei dem wir mit rund 30 Millionen Euro im Jahr kalkulieren.

Haben Sie die Aktien der Stiftung auch gegen einen Kursverfall bei Lehman Brothers abgesichert, wie ihr SAP-Gründerkollege Klaus Tschira?

Nein (lacht). Ich muss ihn mal fragen, wie er das gemacht hat.

Das Stiftungsvermögen hängt auf Gedeih und Verderb am Geschäftserfolg von SAP.

Ja. Wir bestreiten unsere Ausgaben vollständig aus den Dividenden, was aber nicht in Stein gemeißelt ist.

Was sagen Sie denn als Gründer. Ist das Unternehmen auf dem richtigen Weg?

In jüngster Zeit hat es viel Kritik gegeben, ich weiß. Aber man muss offen sein und die Konsequenzen ziehen. Dann wird man auch wieder in die Erfolgsspur kommen. SAP hat 47.000 Mitarbeiter und einen richtig tollen Kundenstamm, mit dem man weiterhin partnerschaftlich zusammenarbeiten wird.

Reizt es Sie einzugreifen – gerade jetzt, da SAP zu kämpfen hat?

Nein, ich habe mich mit 65 bewusst zurückgezogen. Ich werde in diesen Wochen von vielen Leuten kontaktiert und erläutere natürlich auch meine Sicht, die aber durch den großen zeitlichen Abstand seit meinem Rückzug nicht als Ratschlag verstanden werden sollte.

Was wäre denn heute anders, wenn die Fusion mit Microsoft geklappt hätte?

Dann hätten wir statt SAP-Aktien Microsoft-Aktien im Stiftungskapital. Ob die sich besser gehalten haben, weiß ich gar nicht. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass das eine Verbindung für die Ewigkeit gewesen wäre.

Fehlt denn SAP eine zündende Idee, um auf Dauer allein zu bestehen zu können?

Wenn Sie die Mittelstandssoftware Business By Design meinen, dann bin ich guter Dinge. Ich weiß, das Projekt wurde belächelt. Und vor zwei Jahren hatte auch ich große Bedenken. Ich hab es mir vor drei Wochen aber nochmal angeschaut und muss ihnen sagen, wenn alle technischen Probleme gelöst sind, bietet es sensationelle Möglichkeiten.

Sie haben außerhalb der Stiftung schon einigen Vereinen und Unternehmen finanziell geholfen. Das größte Sorgenkind der Region ist zweifelsohne Heidelberger Druckmaschinen. Sie kennen Konzernchef Bernhard Schreier gut. Wäre das nicht eine sinnvolle Investition?

Wir haben uns darüber unterhalten. Aber ich bin im Moment durch andere Aktivitäten so in Beschlag, dass ich nicht mit einem entscheidenden Betrag hätte helfen können.

Was sind denn ihre größten Investitionsfelder?

Vor allem die Biotechnologie und ICW.

Wie viel haben Sie dort investiert?

Einschließlich Nachfinanzierung hat meine Familie für die Biotechnologie zwischen 400 und 500 Millionen Euro bereit gestellt. Jetzt gehe ich aber keine neuen Engagements mehr ein. Der Topf muss sich erst mal entwickeln. Bei der ICW ist es anders: Dort habe ich einen dreistelligen Millionenbetrag investiert und bin neben den Gebrüdern Strüngemann zweiter Großaktionär.

Die ICW hat sich auf Software für die Gesundheitskarte konzentriert. Das ist ähnlich riskant wie die Biotech. Wenn die Karte kommt, haben Sie aufs richtige Pferd gesetzt. Andernfalls sieht es schlecht aus.

Wir wären verrückt, wenn wir die Karte ablehnen würden. Wenn wir das in Deutschland nicht machen, werden wir nie aus der Falle herausgekommen, dass das Gesundheitswesen nicht mehr bezahlbar ist. Die ganze Welt ist vernetzt – nur nicht die Ärzte mit den Kliniken, den Apotheken und den Krankenkassen.

Die Bedenken der Datenschützer sind groß.

Diese Sorgen sind von vorgestern. Das System ist zehnmal sicherer als Onlinebanking. Daran gibt es überhaupt nichts zu mäkeln. Auf der anderen Seite gibt es jedes Jahr mehrere Millionen Euro Schaden, weil mit den alten Karten Missbrauch betrieben werden kann. Die Vorteile der Gesundheitskarte liegen doch auf der Hand.

Zum Beispiel?

Nehmen sie doch nur das elektronische Rezept: Wenn ihnen der Arzt etwas verschreibt, weiß er mit Hilfe der Gesundheitskarte, welche Medikamente sie sonst noch nehmen und welche Risiken sich daraus ergeben. In Deutschland sterben mehr Menschen an Arzneimittelunverträglichkeit als durch den Straßenverkehr. Oder stellen Sie sich vor, Sie haben einen Unfall: Mit der Gesundheitskarte kennt der Arzt im Krankenwagen sofort ihre Notfalldaten wie Blutgruppe und Allergien. Diese werde in Windeseile ans Krankenhaus überliefert, und wenn Sie dort ankommen, sind die Ärzte vorbereitet. Es wäre ein Wahnsinn, wenn wir das in Deutschland nicht nutzen würden.

Wenn der Auftrag für die Gesundheitskarte tatsächlich einem Unternehmen zugeschlagen wird, käme das einem Quasi-Monopol gleich.

Nein. ICW könnte das gar nicht allein machen. Da bräuchten wir Partner wie T-Systems oder IBM, und eine ganze Menge Dienstleister. So einfach ist das nicht.

Und wenn der Zuschlag nicht kommt, ist die ganze Investition verpufft?

Nein. Dann müsste sich die ICW noch mehr ins Ausland orientieren. Wenn nicht hier, dann kommt der Durchbruch in Amerika. Dass Obama mit seinen Plänen für eine Krankenversicherung durchgekommen ist, hat schon jetzt eine enorme Wirkung.

Sie wurden gerade Großvater und werden im nächsten Jahr 70. Nach einem, der Bilanz zieht, klingen Sie aber nicht.

(Lacht!) Dafür ist auch noch Zeit, wenn ich 80 bin.

Das Interview führte Bernd Freytag.

„Vadder Hopp“

Geboren in Heidelberg 1940 als Sohn eines Lehrers, hat Dietmar Hopp eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Zusammen mit vier IBM-Kollegen gründete er 1972 das Unternehmen „Systemanalyse und Programmentwicklung“. Anfangs belächelt wegen ihrer Idee, eine Standardsoftware für betriebswirtschaftliche Prozesse zu entwickeln, verstummten die Kritiker bald. 1988 ging die SAP AG an die Börse. Heute ist es das größte Software-Unternehmen seiner Art auf der Welt. „Vadder Hopp“, wie er von den SAP-Mitarbeitern genannt wurde, hält noch rund 10 Prozent des Kapitals. Er gilt heute als größter Förderer der Rhein-Neckar-Region. Hopp, dessen Vater SA-Truppenführer war, finanzierte Ende 2008 ein Buch zweier Brüder, die ihre Deportation aus Hoffenheim schildern. Für die meiste Öffentlichkeit sorgt aber sein Engagement beim Fußballclub TSG 1899 Hoffenheim, den er von der Kreisklasse in die Bundesliga führte. Dietmar Hopp ist verheiratet, hat zwei Söhne und ist seit wenigen Tagen Großvater.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Rainer Wohlfahrt

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