Im Porträt: Thomas Middelhoff

Der Verführer

Von Georg Meck

“40 plus X“ hatte Middelhoff als Kursziel ausgegeben. Jetzt zuckelt die Aktie bei 5 Euro

"40 plus X" hatte Middelhoff als Kursziel ausgegeben. Jetzt zuckelt die Aktie bei 5 Euro

22. August 2008 Wäre Thomas Middelhoff ein Gebrauchtwagenhändler, nur mal angenommen, dann hätte er einen schweren Stand. Drei Karren, die von seinem Hof rollten, sind kurz darauf zusammengekracht. Das spricht sich herum. Sinn Leffers, Hertie, Wehmeyer - alle drei Handelsketten aus altem Karstadt-Bestand, von Middelhoff verhökert. Alle drei sind pleite, abgeladen beim Insolvenzverwalter.

Nun steht Thomas Middelhoff in keiner öligen Autowerkstatt in Bottrop (was schlechterdings unvorstellbar wäre). Nein, der charmante, stets optimistisch-aufgekratzte Hüne ist einer der Helden der deutschen Wirtschaft. Smart, schillernd. Ein Star der New Economy. Ein Visionär, der als Bertelsmann-Chef Glanz und Milliarden nach Gütersloh brachte, bis ihn Familie Mohn am Ende verjagt hat. Ein Weltmann zwischen New York und Bielefeld, der sich vorübergehend in London mit einer Private-Equity-Gesellschaft tröstete, ehe er nach Deutschland zurückkehrte: Karstadt retten. Das war seine Mission, als er sich vor drei Jahren aus dem Aufsichtsrat heraus als Vorstandsvorsitzender installiert hat.

Immer am „Rand des Abgrunds“ eingestiegen

Middelhoff am Flughafen: Will er 2009 als Held abtreten, muss ihn der Tourismus retten

Middelhoff am Flughafen: Will er 2009 als Held abtreten, muss ihn der Tourismus retten

Am "Rand des Abgrunds" habe er den Laden übernommen, das hat Middelhoff oft genug erzählt, um seiner Aufgabe die angemessene Tragweite zukommen zu lassen. "Die Sanierung ist endgültig geglückt." So tönte es von ihm landauf, landab - bis er am vorigen Mittwoch plötzlich von gewissen "Anspannungen" berichtete. Der Markt reagierte entsetzt: Den Kurs der Arcandor-Aktie, eh schon eine der Nieten der Saison, riss es noch mal um zwölf Prozent nach unten.

Marktturbulenz am Freitag

Am Freitag musste Arcandor Marktgerüchte zurückweisen, wonach Konzernchef Middelhoff das Unternehmen vorzeitig verlassen werde. „An den Gerüchten ist nichts dran. Herr Middelhoff wird seinen Vertrag bis Ende 2009 erfüllen“, sagte ein Konzernsprecher am Freitag. Der Aktienkurs hatte Händlern zufolge in Reaktion auf entsprechende Spekulationen deutlich angezogen und lag in der Spitze drei Prozent im Plus bei 5,57 Euro. „Das wurde nicht unbedingt negativ gesehen“, sagte ein Börsianer. Bei Arcandor stehe die Strategie im Vordergrund.

Im frühen Geschäft hatten die Titel knapp vier Prozent eingebüßt. Allein in den vergangenen fünf Handelstagen haben die Aktien rund 23 Prozent an Wert verloren - so viel wie kein anderes MDax-Unternehmen. Zuletzt lagen die Anteillscheine noch 2,2 Prozent im Plus.

Bis vor kurzem hatte Middelhoff hartnäckig das Kursziel "40 plus X" ausgegeben. Jetzt zuckelt die Aktie nur noch so dahin, und der Zauber des Arcandor-Chefs ist verflogen. Sollte ihn das schmerzen, so gibt er es nicht zu: "Ich bin sehr gelassen, weil ich die operative Entwicklung des Konzerns sehe und damit die wahren Werte kenne."

Nun ist das mit den inneren Werten in der Wirtschaft so eine Sache. Die Ignoranz der Börse reklamieren Manager immer dann, wenn sich deren Wirklichkeit nicht mit ihren eigenen Wünschen deckt. Von einem "Stück Irrationalität" spricht Middelhoff und liefert noch einen zweiten Grund für die Kursschwäche: die geringe Anzahl frei umlaufender Arcandor-Aktien ("allenfalls 10 bis 15 Prozent"). Ein enger Markt macht eine Firma anfällig für starke Kursausschläge, wohl wahr. Nur vermag dies kaum das ganze Ausmaß der Misere zu erklären, so wenig wie den Verlust an Middelhoffs Glaubwürdigkeit unter den Investoren.

Nicht nur der Schrott ist weg, auch das Tafelsilber

Gewiss, Middelhoff hat Karstadt-Quelle vor der Pleite bewahrt, das räumen selbst seine Gegner ein. Die Notverkäufe waren lebensrettend, so hoch verschuldet, wie der Konzern war. Die Dummen waren diejenigen, die Middelhoff die maroden Häuser abgenommen haben, aber das muss ihn nicht weiter stören. Ohne Middelhoff gäbe es den Konzern längst nicht mehr, sagen seine Bewunderer. Nur: Was wird aus Arcandor? Was wird aus dem Rest, der noch übrigbleibt vom ehemaligen Kaufhauskonzern Karstadt-Quelle? Denn nicht nur der Schrott ist weg, auch das Tafelsilber, die Immobilien. Und, Notiz am Rande, auch etliche Manager. Middelhoff erklärt dies als "normale Fluktuation, gerade in Umbruchzeiten".

Die Existenz der neuen Arcandor ist nicht in Gefahr. Bis sie echtes Geld verdient, dauert es freilich noch. Wenn der Vorstandsvorsitzende von Rekordergebnissen spricht, hantiert er mit Rechengrößen, die selbst Profis wenig über die Ertragskraft verraten. Da wird adjustiert, bereinigt und getrickst, Posten werden raus- und wieder reingerechnet, die Zeiträume umgestellt. Kurz: Das Zahlenwerk ist undurchsichtig. Dem widerspricht nicht einmal Middelhoff. Er verstehe den Vorwurf mangelnder Transparenz, sagt er. "Dies ist Folge des Konzernumbaus und nicht Ausfluss einer Verschleierungstaktik, weil wir uns nicht in die Karten gucken lassen."

Deal für Deal in einem Wahnsinnstempo

Tatsächlich hat der Manager mächtig gewirbelt. Kaufhäuser hat er losgeschlagen, im Tourismus mit Thomas Cook zugekauft. Deal für Deal hat er in einem Wahnsinnstempo durchgezogen. Schneller, als er Firmenteile abgestoßen und zugekauft hat, hat er nur noch über seine Ideen geredet, stets die Phantasie der Anleger schürend, zuweilen auch mehr Wunsch als Wirklichkeit. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Stellte sich die Realität einmal gegen ihn, rettete ihn die rhetorische Brillanz. Mochten die Fragen der Investoren auf Roadshows noch so unverschämt sein, Middelhoff blieb der charmante Verführer.

Da wird der stärkste Banker schwach. "Wer voller Zweifel in ein Treffen reingeht, der kommt geläutert heraus", sagt ein Frankfurter Fondsmanager. Middelhoff zählt zur raren Spezies Manager, deren Charisma ausreicht, um in freier Rede die Märkte zu bewegen - gerade angelsächsische Großinvestoren haben deswegen einen Narren an ihm gefressen. War er in der amerikanischen Finanzszene auf Tour, ließ sich das an der Kurstafel nachvollziehen. Kaum hatte er die Präsentation beendet, zuckte die Aktie nach oben. Erst allmählich schlich sich Skepsis in das Urteil über den Visionär. Angefangen hat es wohl mit dem Verkauf der Karstadt-Immobilien, eine überlebensnotwendige Maßnahme auch dies. Zunächst hat sich der Vollzug ein ums andere Mal verschoben, dann hat Middelhoff an eine Gesellschaft verkauft, an der sich Goldman Sachs (die kaufende Investmentbank) und Karstadt-Quelle (der Verkäufer) die Anteile teilten. Wem das komisch vorkam, der hatte die Logik nicht verstanden.

Oder der Fall Neckermann: Der Versender sei ein klarer Fall für die Börse, hat Middelhoff stets gesagt. Am Ende ging die Tochtergesellschaft an eine Private-Equity-Firma, praktisch geschenkt. Jüngstes Beispiel: die Condor-Flieger. Die wollte der Arcandor-Chef an Air Berlin verkaufen - im Tausch gegen Anteile an der Fluglinie. Der Stratege sah sich bereits als dessen Großaktionär. Es kam anders: Das Kartellamt und der hohe Ölpreis, der die Billigflieger nach unten drückt, machten einen Strich durch die Rechnung. Middelhoff ließ sich nicht irritieren. Kaum war das Projekt geplatzt, erfuhr die Öffentlichkeit von einer angeblich kurz bevorstehenden alternativen Lösung für die überzähligen Condor-Flugzeuge; eine Dreierallianz mit Tuifly und Germanwings. Konkrete Hinweise dafür gibt es heute nicht.

Middelhoffs Sache ist nicht das muffige Detail

Middelhoffs Sache, so viel ist klar, ist die große Linie, nicht das muffige Detail. Sein Herz hängt nicht an der Frage, wo der Wühltisch mit den schwarzen Socken zu stehen hat. Der Arcandor-Chef hätte es gern ein paar Nummern größer, möchte als Architekt eines Warenhaus-Champions in die Geschichte eingehen. Dieses Thema spielt er, seit er in Essen angetreten ist. Geschickt schürte er die Erwartung, den Kaufhof zu übernehmen. Im visionären Eifer kommt es sogar vor, dass er die Standorte des Konkurrenten Kaufhof schon mal zu den eigenen addiert.

Ob es je zu einer Fusion kommt, wer weiß. Und wenn, dann wird nach Lage der Dinge Eckhard Cordes, Middelhoffs Duzfreund an der Spitze der Metro, die Bedingungen diktieren. Dessen Kaufhof stehe eindeutig besser da, urteilt Ingo Speich, Fondsmanager der Union Investment: "Die große Mutter Metro verschafft Vorteile im Einkauf, außerdem hat man vor einigen Jahren investiert in das Lifestyle-Konzept." Fazit des Fondmanagers: "Middelhoffs Optionen sind sehr begrenzt." Im Moment favorisiert der Arcandor-Chef die große, grenzübergreifende Variante, eine europäische Allianz von Premiumhäusern. Auch dafür wurden schon diverse Namen gehandelt und wieder verworfen. "Daran arbeiten wir mit voller Kraft. Ich bin ständig im Ausland unterwegs, um den nächsten Schritt zu tun", bekräftigt Middelhoff. Konkreter wird er nicht.

Ehrlicherweise ist festzuhalten, dass der gesamte Handel schwächelt, das Konzept des Kaufhauses sich überlebt hat und der einsetzende Abschwung ein Übriges tut, die Kauflust zu vertreiben. Middelhoff reagiert darauf mit einem Fitnessprogramm. Mal wieder. Von Kostendisziplin ist die Rede, von einer Serviceoffensive. Vom angekündigten Personalabbau bleiben die Warenhäuser verschont, betont der Vorstandsvorsitzende: "Da streichen wir keine Stellen. Wir werden die Zentrale verschlanken." Im Übrigen fuchst es ihn zunehmend, wie "alle nur auf die Kaufhäuser starren - die Sparte trägt am wenigsten zum Ergebnis bei". Weniger euphemistisch ausgedrückt: Sie verbrennt Tag für Tag Geld.

Will er als Held abtreten...

Für 2009 plant Middelhoff die Rückkehr ins Private-Equity-Geschäft. Will er als Held abtreten, dann muss ihn der Tourismus retten, der 60 Prozent zu den Erlösen beiträgt, sowie die Versandhandelssparte: "Wir machen Primondo binnen kurzer Zeit kapitalmarktfähig, nach einem eindrucksvollen Turnaround." Für das nächste Geschäftsjahr verspricht der Vorstandschef endgültig bessere Zeiten, inklusive einer Ausschüttung für die Aktionäre: "Wir werden dividendenfähig."

Das mag auch seine Mehrheitseignerin trösten. Madeleine Schickedanz hat allein im Jahr 2005 für mehrere hundert Millionen Euro Arcandor-Aktien nachgekauft und damit - zumindest auf dem Papier - etliches Geld verloren. "Mein Verhältnis zu Frau Schickedanz leidet nicht unter dem Aktienkurs", sagt Middelhoff. Nur: Zugekauft hat seine wichtigste Aktionärin schon länger nicht mehr. Dabei wäre die Gelegenheit für ein Treuebekenntnis im Moment günstig.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

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