Management

Deutsche Chefs leben gefährlich

24. Mai 2004 Vorstandsvorsitzende in Deutschland stehen unter vergleichsweise großem Druck. Wie eine Untersuchung des Beratungsunternehmens Booz Allen Hamilton zeigt, mußten im vergangenen Jahr 8,1 Prozent der Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Unternehmen ihren Hut nehmen, weil ihre Zahlen nicht stimmten - mit den prominenten Beispielen Kajo Neukirchen, Henning Schulte-Noelle und Jürgen Weber. Für Gesamteuropa betrug der Anteil 4,6 Prozent, weltweit mußten 3 Prozent der CEO (Chief Executive Officer) vorzeitig gehen.

Weltweit betrachtet, sitzen die Vorstandschefs offenbar aber wieder fester im Sattel. Erstmals seit 1998 sei der Anteil der Unternehmen, die ihren CEO ausgewechselt haben, im Jahr 2003 mit 9,5 Prozent wieder unter die 10-Prozent-Marke gerutscht, heißt es in der Untersuchung weiter. Ein wesentlicher Grund hierfür ist aber weniger in den überragenden Leistungen der Unternehmenslenker zu sehen als vielmehr in der vergleichsweise geringen Zahl an Unternehmenszusammenschlüssen. Nur 1,3 Prozent der Top-Manager mußten gehen, weil nach einer Übernahme oder Fusion kein Platz mehr für sie war (siehe Grafik). Im Jahr 2000 lag dieser Anteil noch bei 3,3 Prozent. Die Zahl der Vorstandschefs, die nach Zusammenschlüssen ihren Platz räumen müssen, wird nach Ansicht der Booz-Allen-Berater im laufenden und im kommenden Jahr aber wieder deutlich anziehen. 5,2 Prozent der CEO weltweit gingen im vergangenen Jahr entweder freiwillig, aus Altersgründen oder wegen Krankheit.

Banker sitzen fest, Telekommunikationschefs eher locker im Sattel

Am sichersten sitzen zur Zeit Bankmanager im Sattel. Nur 7,2 Prozent der Vorstandschefs im Finanzsektor haben im vergangenen Jahr ihr Unternehmen verlassen, im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2002 lag der Anteil noch bei 7,7 Prozent. In der Energiewirtschaft (Strom, Gas, Wasser) lebten Chefs dagegen im Jahr 2003 besonders gefährlich. Satte 14,3 Prozent der Vorstandschefs wurden hier ausgewechselt oder gingen freiwillig. Im gesamten Zeitraum von 1995 und 2002 waren vor allem Unternehmen der Telekommunikationsbranche besonders aktiv beim Auswechseln ihrer Chefs, hier lag der Anteil durchschnittlich bei 12 Prozent.

Auch regional gibt es deutliche Unterschiede betreffend der Arbeitsplatzsicherheit von Vorstandsvorsitzenden. Überraschend ist der Befund, daß diese nicht etwa in den Vereinigten Staaten, sondern in Europa immer mehr unter Druck geraten. Nur 40 Prozent der europäischen Top-Manager, die in den vergangenen Jahren ihr Büro geräumt haben, taten dies planmäßig oder freiwillig. 41 Prozent wurden entlassen, 19 Prozent gingen, nachdem ihr Unternehmen übernommen wurde. Die Verweildauer eines europäischen CEO ist im internationalen Vergleich die geringste: Nur durchschnittlich 6,5 Jahre bleibt er laut Booz-Allen-Hamilton auf seinem Posten, verglichen mit 9,4 Jahren in den Vereinigten Staaten und 7,5 Jahren in Japan. Dort lebt es sich ohnehin vergleichsweise gemütlich: Nur 0,6 Prozent der CEO mußten ihr Unternehmen im vergangenen Jahr wegen Erfolglosigkeit verlassen. Japanische CEO sind mit durchschnittlich 58,4 Jahren allerdings auch besonders alt, wenn sie ihre Position antreten.

Lukrativ ist ein neuer Chef häufiger, wenn er von außen kommt

Aber rechnet es sich eigentlich wirklich für ein Unternehmen, wenn es den Vorstandsvorsitzenden vor die Tür setzt? Der Harvard-Professor Rakesh Khurana hat die Daten von 200 amerikanischen Unternehmen daraufhin untersucht. Danach verbessert sich die Ergebnissituation eines Unternehmen vor allem dann, wenn ein CEO entlassen wird und dessen Nachfolger von außen kommt. Folgt dem Geschaßten dagegen ein Insider, bleibt alles beim alten, so die Harvard-Studie.

Die Untersuchung von Booz Allen Hamilton stützt dies nur teilweise. Outsider liefern danach nur in den Vereinigten Staaten und dort nur in der ersten Hälfte ihrer Amtszeit bessere Resultate als Eigengewächse. In Europa haben CEO, die aus dem Unternehmen selbst rekrutiert wurden, die Rendite für die Aktionäre (Shareholder Return) im Schnitt um 1,6 Prozent gesteigert, während Outsider diese Größe um 3,5 geschmälert haben. CEO von außen wurden auch wesentlich häufiger entlassen als die Aufsteiger aus den eigenen Reihen des Unternehmens. 70 Prozent der Outsider, die im vergangenen Jahr ihr Unternehmen verlassen haben, taten dies unfreiwillig, für die Vereinigten Staaten liegt der Anteil bei 55 Prozent. Fehlende interne Netzwerke sowie mangelndes Verständnis für die jeweilige Unternehmenskultur seien die Gründe für das häufige Scheitern der Top-Manager, die von außen kommen.

Text: nr., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2004, Nr. 119 / Seite 18
Bildmaterial: F.A.Z.

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