Videospiele

Kursrakete Xbox 360

Von Carsten Knop

Trophäe des ersten Kunden nach Mitternacht

Trophäe des ersten Kunden nach Mitternacht

23. November 2005 Es ist nur eine neue Videospielkonsole. Aber für Tausende Menschen in den Vereinigten Staaten war das Gerät es wert, eine feuchtkalte Novembernacht im Freien zu verbringen. Die Gedanken, die sie dabei erwärmten, kreisten für ein paar Stunden allein um die „Xbox 360“ von Microsoft. Campingerfahrene Kunden in Columbus (Ohio) kamen mit Zelt. Der eilige New Yorker wartete nur in eine Decke gewickelt vor der geschlossenen Ladentür. Um Mitternacht wurden alle erlöst. Ganz besonders Dan Friedman, ein Bewohner des Städtchens Bellevue im Bundesstaat Washington, das ganz in der Nähe des Microsoft-Hauptquartiers in Redmond zu finden ist.

Friedman hatte nicht nur das Glück, tatsächlich eine Xbox in der Filiale des Elektronikeinzelhändlers Best Buy, einer Art Media Markt der Vereinigten Staaten, zu ergattern. Das Gerät wurde ihm auch von Microsoft-Mitbegründer Bill Gates persönlich überreicht. Damit schaffte es Friedman an prominenter Stelle in die amerikanischen Fernsehnachrichten. Und Gates stand beseelt daneben.

Amerikanische Phänomene

Vor dem Spiel: Frieren und träumen

Vor dem Spiel: Frieren und träumen

Besonders glücklich werden auch diejenigen Xbox-Kunden sein, die ihr Gerät zum Beweis des erfolgreichen Kaufs sogleich gemeinsam mit der jüngsten Ausgabe der Zeitung „USA Today“ fotografiert und im Internet-Auktionshaus Ebay zum Verkauf angeboten haben. „Habe die Xbox 360 in Händen, siehe Fotos“, heißt es dort - und schon Stunden, bevor die Auktion zu Ende geht, werden für die Konsole, die im Laden soeben 400 Dollar zuzüglich Steuern gekostet hat, mehr als 1000 Dollar geboten. Von einer solchen Rendite kann Gates mit seiner Xbox-Sparte, die bisher ausschließlich Geld verloren hat und für das Unternehmen eine strategische Investition im Kampf um neue Märkte ist, nur träumen.

Der Verkaufsbeginn um Mitternacht, die Warteschlangen fröstelnder Menschen, die Aufpreise bei Ebay, das, was der Amerikaner einen „Hype“ nennt, sind amerikanische Phänomene. Gibt es einen „Hype“ um ein bestimmtes Produkt, ist - gute - Werbung der Grund. Wie weit die Euphorie trägt, ist eine andere Frage. Das japanische Unternehmen Sony, der Marktführer für Videospielkonsolen, der im kommenden Jahr mit seiner „Playstation 3“ das Rennen gegen das neue Microsoft-Produkt eröffnet, kann mit Recht darauf verweisen, daß es bei der Vorstellung der „Playsation 2“ vor einigen Jahren noch viel längere Schlangen gegeben hat, zum Beispiel vor dem Sony-Laden im Moscone-Center inmitten von San Francisco. Der Markt ist ohnehin klar aufgeteilt: Sony beherrscht 70 Prozent des Marktvolumens von 25 Milliarden Dollar.

Spiele und Chats im Internet

Und deutsche Kunden werden gewiß in erheblich geringerer Zahl vor den Läden stehen, wenn die neue Xbox hier am 2. Dezember zu haben sein wird. Andererseits sind auch die Deutschen inzwischen nicht mehr völlig frei von amerikanischen Hype-Symptomen. So heißt es beim Internethändler Amazon schon seit einigen Tagen: „Aufgrund eingeschränkter Lieferfähigkeit von Microsoft können wir nicht garantieren, daß alle Vorbestellungen für die Konsole Xbox 360 noch vor Weihnachten ausgeliefert werden. Beachten Sie bitte auch, daß Vorbestellungen, die nach dem 9. November plaziert wurden, voraussichtlich erst 2006 geliefert werden.“ Auch Microsoft Deutschland rechnet mit einem Ausverkauf der ersten Lieferwelle am ersten Tag, verspricht dem Handel aber zügig Nachschub. Dabei handelt es sich doch nur um eine Videospielkonsole.

Aber was für eine, würden die überzeugten Käufer entgegnen: Die Xbox 360 soll hochauflösende Grafik bieten, Spiele und Chats im Internet zulassen und den Anschluß von Musikgeräten und Kameras erlauben. Die Anbindung an das heimische Computernetzwerk ist ohne Schwierigkeiten möglich. Das Gerät ist von Microsoft als trojanisches Pferd zur Eroberung des Wohnzimmers gedacht, eine Strategie allerdings, die bei der Vorgängerversion noch nicht aufgegangen ist.

Zwei Versionen

Die Xbox 360 ist in zwei Versionen erhältlich: die Basisversion für 300 Euro und eine aufgerüstete Variante mit Festplatte für 400 Euro, auf der dann auch die älteren Spiele der Vorgängerversion noch gespielt werden können. Mit der zum Jahreswechsel 2001/02 eingeführten alten Xbox hatte Microsoft die Stellung der Playstation 2 nie gefährden können. Seine neue Version hält Gates selbstverständlich aber schon heute für besser als die dritte Variante der Sony-Konsole.

Wo die Warteschlange in New York begann

Wo die Warteschlange in New York begann

Das Echo in den amerikanischen Medien, die sich vom Hype um ein bestimmtes technisches Produkt grundsätzlich leicht anstecken lassen, war jedoch nicht so gut wie erhofft. Kritisiert werden die hohen Preise und das magere Spieleangebot. So decken die 18 Titel, die es in Amerika derzeit zu kaufen gibt, lediglich die Spielearten Action und Sport ab. Sie richten sich damit vor allem an junge Männer. Die detailreiche Grafik der meisten Titel komme zudem nur auf teuren Fernsehern zur Geltung, die ein hochauflösendes Bild darstellen können, ist zu hören.

Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar

Technisch bemängelten die ersten Tester den lauten Lüfterlärm, der besonders die DVD-Wiedergabe stören soll. In Deutschland werden zum Verkaufsbeginn lediglich 14 Titel angeboten. Allerdings steht ein Versprechen im Raum: „25 Titel werden bis Weihnachten verfügbar sein“, hatte Stephan Brechtmann dieser Zeitung im Oktober gesagt - und Bachmann ist in der deutschen Microsoft-Geschäftsführung für die Xbox zuständig. Mehr als 200 Titel seien für die Xbox 360 in Vorbereitung.

Sie stehen nicht für eine warme Suppe an

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Microsoft geht nach den Worten von Bryan Lee, dem Finanzchef der zuständigen Sparte des Unternehmens, trotz dieser Einschränkungen davon aus, innerhalb der ersten 90 Tage nach Verkaufsbeginn bis zu 3 Millionen Stück der Konsole verkaufen zu können. Durch die Ausgaben für das Gerät selbst, die zugehörigen Spiele und Online-Dienste werde sich ein Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar ergeben. Bis Juni 2006 sollen schon 5,5 Millionen Geräte verkauft sein. Analysten hatten bis zur Vorlage des jüngsten Microsoft-Quartalsberichts aber sogar auf bis zu 6 Millionen Stück gehofft. Und dann kommt Sony.

Text: F.A.Z., 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 22
Bildmaterial: AP, REUTERS

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